Millionen von gewöhnlichen Amerikanern unterstützen Donald Trump. Aber warum?

Ein Artikel von Thomas Frank aus der britischen Tageszeitung „The Guardian“. Übersetzt von Alev Bahadir.

Donald Trump sorgt in den USA und der restlichen Welt mit seinen rassistischen Äußerungen für Aufsehen und Antipathie. Dennoch sieht es momentan danach aus, dass Trump der republikanische Präsidentschaftskandidat wird. Thomas Frank beschreibt die ökonomische Situation, in der Trumps Befürworter sich befinden, anstatt diese nur pauschal als „Rassisten“ abzustempeln.

Sprechen wir nun über das größte amerikanische Mysterium unserer Zeit: was bewegt die Anhänger des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump?

Ich nenne es ein Mysterium, denn es sind die weißen Menschen der Arbeiterklasse, die den Großteil von Trumps Anhängerschaft ausmachen, die in erstaunlicher Anzahl für den Kandidaten auftauchen, die ganze Stadien und Flugzeughallen füllen, aber ihre Ansichten finden sich so gut wie nie in unseren angesehenen Zeitungen wieder. In ihren Meinungsbildern achten diese Publikationen darauf, demografische Kategorien jeder Art zu repräsentieren, aber „blue-collar“ (deutsch: Blauer Kragen, etwa vergleichbar mit „Blaumann“, Bezeichnung für Industriearbeiter und Handwerker; Anm. der Übersetzung) ist die Kategorie, die beharrlich übersehen wird. Die Ansichten der Arbeiterklasse sind so fremd für diese Welt, dass als New York Times Kolumnist Nick Kristof einen Trump-Anhänger „einbeziehen“ wollte, einfach einen erfunden hat, genauso wie die Antworten dieser imaginären Person auf seine Fragen.

Üblicherweise ziehen Mitglieder des Kleinbürgertums Experten hinzu, wenn sie die Arbeiterklasse verstehen wollen. Und wenn diese Autoritäten die „Trump-Bewegung“ erklären sollen, scheinen sie diese auf einen Hauptvorwurf zu reduzieren: Fanatismus. Sie erklären uns, dass allein Rassismus die Macht habe, das Rückgrat für eine Bewegung wie die von Trump zu sein, welche durch die traditionellen Strukturen der republikanischen Partei fegt, wie ein Tornado durch eine Gruppe Reihenhäuser.

Trump selbst liefert sehr ausgezeichnete Beweise für diese These. Der Mann ist Schimpfclown, der systematisch die Liste ethnischer Gruppen in den USA durchgegangen ist und jede von ihnen nacheinander beleidigt hat. Er möchte Millionen über Millionen Migranten, die keine Papiere haben, deportieren. Er möchte Muslimen verbieten, die Vereinigten Staaten zu besuchen. Er verehrt diverse ausländische Autoritäre und Diktatoren und hat sogar ein Zitat von Mussolini getwittert. Der vergoldete Clown bezieht begeisterte Zustimmung von führenden Rassisten aus dem gesamten Spektrum der Intoleranz, ein prächtiges Mosaik von Hassern, jeder von ihnen erwartungsvoll zitternd bei dem Gedanken, einen echten, gottesgläubigen Fanatiker im Weißen Haus zu sehen.

All diese Dinge sind so irrsinnig, so maßlos empörend, dass alle Kommentatoren befunden haben, dass es die Ganzheit der Trump-Kampagne sein muss. Trump scheint ein Rassist zu sein, also muss es Rassismus sein, was seine Armee der Anhänger bewegt. Und so gibt der New York Times Kolumnist Timothy Egan niemand anderem als „dem Volk“ die Schuld an Trumps Rassismus: „Donald Trumps Befürworter wissen ganz genau, wofür er steht: Hass gegen Migranten, Überlegenheit der eigenen Rasse, eine spöttische Missachtung des grundlegendsten Anstandes, der eine Gesellschaft verbindet.“

Geschichten, die sich über die Dummheit der Trump-Wähler wundern, werden nahezu täglich veröffentlicht. Artikel, die Trumps Befürwortern vorwerfen, Fanatiker zu sein, sind zu hunderten, wenn nicht zu tausenden erschienen. Konservative haben sie geschrieben; Liberale haben sie geschrieben; unparteiische Kleinbürgerliche haben sie geschrieben. Die Schlagzeile einer kürzlich erschienenen „Huffington Post“ – Kolumne verkündete unverblümt, dass „Trump den Super Tuesday gewonnen habe, weil Amerika rassistisch ist“. Ein New York Times Reporter bewies, dass Trumps Anhänger Fanatiker sind, indem er eine Landkarte von Trump Fans mit einer Landkarte von rassistischen Google Suchen verglich. Alle wissen es: Die Leidenschaft von Trumps Anhängerschaft ist keine andere, als das ignorante Herausplatzen der weißen, amerikanischen Identität, zur Verzweiflung getrieben durch die Präsenz eines schwarzen Mannes im Weißen Haus. Die Trump-Bewegung ist ein einseitiges Phänomen, eine unermessliche Welle von Rassenhass. Dessen Anhänger sind nicht nur unbegreiflich, sondern es auch gar nicht Wert, sie verstehen zu wollen.

Oder so wird es uns erzählt. Letzte Woche habe ich mich dazu entschlossen, mir mehrere Stunden von Trumps Reden anzuschauen. Ich sah den Mann schwafeln und prahlen und drohen und sogar Schadenfreude, als Gegendemonstranten aus den Arenen, in denen er sprach, herausgeworfen wurden. Ich war genauso angewidert von diesen Dingen, wie ich schon seit 20 Jahren von Trump angewidert bin. Aber ich bemerkte auch etwas Überraschendes. In jeder der Reden, die ich mir ansah, verwendete Trump einen guten Teil seiner Zeit, um über eine durchaus legitime Angelegenheit zu sprechen, eine die man sogar „links“ nennen könnte.

Ja, Donald Trump sprach über Handel. Tatsächlich, wenn man bedenkt, wie viel Zeit er aufgewendet hat, um über Handel zu reden, könnte Handel seine einziges größtes Thema sein – nicht weiße Vorherrschaft. Noch nicht einmal sein Plan, eine Mauer entlang der mexikanischen Grenze zu bauen; die Sache, die ihn das erste Mal politisch berühmt gemacht hat. Er tat es wieder bei einer Debatte am 3. März: befragt zu seiner politischen Exkommunikation durch Mitt Romney, entschloss er sich jedoch eine Drehung zu machen und über Handel zu sprechen.

Er scheint besessen davon zu sein: die zerstörerischen Freihandelsabkommen, die unsere Anführer abgeschlossen haben, die vielen Unternehmen, die ihre Produktion in andere Staaten verlagert haben, die Anrufe, die er an die CEOs dieser Unternehmen tätigen wird, um ihnen mit saftigen Zöllen zu drohen, falls sie nicht wieder zurück in die USA verlagern.

Trump schmückt diese Vision mit einer anderen beliebten, linken Idee: unter seiner Führung würde die Regierung „wettbewerbsfähige Ausschreibungen in der Arzneimittelindustrie machen“. („Wir schreiben nicht wettbewerbsfähig aus!“, wunderte er sich – eine andere wahre Tatsache, eine legendäre Zeitverschwendung präsentiert von der George W. Bush-Regierung). Trump erweiterte die Kritik auf den militärisch-industriellen Komplex, in dem er schilderte, wie die Regierung dank der Macht der Industrielobbyisten gezwungen ist, lausige, aber teure, Flugzeuge zu kaufen.

So fuhr er eine seltsame Verkaufsstrategie für sich selbst: weil er selbst so reich ist, eine Tatsache, mit der er es liebt zu prahlen, ist Trump unberührt von Lobbyisten und Geldzuwendungen. Und weil er frei von der korrumpierenden Macht der modernen Kampagnenspenden ist, kann Trump Geschäfte für uns machen, die „gut“ statt „schlecht“ sind. Die Chance, dass er das tatsächlich tun wird, ist natürlich gering. Er scheint in dieser Sache genauso ein Heuchler zu sein, wie bei vielen anderen Dingen auch. Aber zumindest spricht Trump diese Dinge aus.

All das überraschte mich, denn in all den Artikeln, die ich über Trump in den vergangenen Monaten gelesen habe, erinnere ich mich nicht daran, dass Handel oft ein Thema war. Trump wird ein einseitiger Kreuzzug für das Weißsein zugeschrieben. Kann es sein, dass diese ganze Handelssache ein Schlüssel ist, um das Trump-Phänomen zu verstehen?

Handel ist eine Angelegenheit, die Amerikaner anhand ihres sozio-ökonomischen Status polarisiert. Für die Kleinbürgerlichen, die die Mehrheit unserer Medienfiguren darstellen, Ökonomen, Beamten Washingtons und demokratischen Drahtzieher ist das, was sie „Freihandel“ nennen, etwas so offensichtlich gutes und nobles, dass es nicht einmal einer Erklärung oder Nachforschung oder sogar eines Gedanken bedarf. Republikanische und demokratische Anführer stimmen gleichermaßen darüber überein und kein Maß an Tatsachen kann sie von ihrem Econ 101 (Prinzipien der Ökonomie; Anm. der Übersetzung) Traum abbringen.

Für die verbleibenden 80 oder 90 % in Amerika trägt der Handel eine ganz andere Bedeutung. Es gibt ein Video, das im Internet seine Runden macht. Es zeigt einen Raum voller Arbeiter in einem Klimaanlagenwerk der Firma „Carrier“ in Indiana, denen ihr Vorgesetzter erzählt, dass die Fabrik nach Monterrey, Mexiko, verlagert wird und deshalb alle ihren Job verlieren.

Als ich mir das Video angesehen habe, musste ich an all die Diskussionen über Handel denken, die wir seit den frühen 90ern in diesem Land hatten. All die schönen Worte von unseren Ökonomen über die wissenschaftlich bewiesene Güte des Freihandels, all die Arten, wie unsere Zeitungen diejenigen verspotten, die sagen, dass all diese Pakte, wie das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA), es den Unternehmen ermöglichen, Jobs nach Mexiko zu verlagern.

Gut, aber hier ist ein Video eines Unternehmens, welches ihre Arbeitsplätze nach Mexiko verlegt; dank NAFTA. Das passiert: Der Carrier-Manager spricht in dieser vertrauten und superprofessionellen „Human Ressources“-Sprache (Menschliche Ressourcen Sprache, etwa „Arbeitgebersprache“; Anm. der Übersetzung) über die Notwendigkeit, „wettbewerbsfähig zu bleiben“ und über „den extrem preisempfindlichen Markt“. Ein Arbeiter ruft dem Manager ein „Fick dich!“ zu. Der Manager bittet die Menschen, ruhig zu bleiben, damit er seine „Information“ mit ihnen „teilen“ kann. Seine Information darüber, dass sie alle ihre Jobs verlieren.

Nun, habe ich keinen speziellen Grund, daran zu zweifeln, dass Donald Trump ein Rassist ist. Entweder ist er einer oder er (wie der Komiker John Oliver es nennt) gibt vor, einer zu sein, was auf das Gleiche hinausläuft.

Allerdings gibt es auch eine andere Möglichkeit, das Trump-Phänomen zu interpretieren. Eine Karte seiner Anhänger mag mit einer Karte der rassistischen Google Suchen übereinstimmen, aber sie stimmt sogar noch besser mit der Deindustrialisierung und Verzweiflung überein, mit den Gebieten des wirtschaftlichen Elends, das die 30 Jahre der Washingtoner Politik des freien Marktes dem Rest Amerikas gebracht haben.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Trump in seinen Reden den aus dem Video bekannten Klimaanlagenbauer aus Indiana angreift. Das legt nahe, dass er genauso viele Märchen über ökonomische Empörung erzählt, wie über den Aufmarsch des Rassismus. Viele von Trumps Anhängern sind ohne Zweifel Fanatiker, aber viele mehr sind wohl aufgeregt über die Vorstellung von einem Präsidenten, der es ernst zu meinen scheint, wenn er unsere Handelsabkommen anprangert und verspricht, mit jenem CEO abzurechnen, der dich gefeuert und deine Stadt ruiniert hat, anders als Barack Obama oder Hillary Clinton.

Hier ist die hervorstechendste Tatsache für die Unterstützung: wenn sich Leute mit den weißen Trump-Anhängern aus der Arbeiterklasse unterhalten, anstatt sich einfach vorzustellen, was sie wohl sagen würden, meinen sie, dass diese Menschen am meisten die Wirtschaft und ihr Platz darin beschäftigt. Ich beziehe mich auf eine Studie, erst vor kurzem publiziert von „Working America“, die 1 600 weiße Wähler aus der Arbeiterklasse in den Vororten von Cleveland und Pittsburgh im Dezember und Januar befragt hat.

Die Unterstützung für Donald Trump, so fand die Gruppe heraus, ist stark unter diesen Menschen, selbst unter erklärten Demokraten. Aber nicht, weil sie sich alle nach einem Rassisten im Weißen Haus sehnen. Das, was ihnen an Trump am besten gefällt, ist seine „Einstellung“, die unverblümte und direkte Art, wie er spricht. Was die Probleme betrifft, ist „Migration“ auf Platz drei der Themen, die solche Wähler beschäftigen, weit hinter dem Hauptanliegen: „Gute Arbeitsplätze / Wirtschaft“. „Die Menschen sind viel mehr verängstigt, als dass sie fanatisch sind“, kommentiert Karen Nussbaum, Geschäftsführerin von „Working America“, die Studie. Die Umfrage „bestätigte, was wir die ganze Zeit hörten: Die Menschen sind deprimiert, die Menschen sind verletzt, sie sind bekümmert über die Tatsache, dass ihre Kinder keine Zukunft haben“ und dass „es immer noch keine Erholung von der Rezession gibt, unter der jede Familie noch in einer Form leidet“.

Tom Lewandowski, der Präsident des Zentralarbeitsrates Nordost-Indianas (Arbeitsrechtorganisation; Anm. der Übersetzung) in Fort Wayne, formuliert es sogar noch klarer, als ich ihn zu den Arbeiterklasse-Trump-Fans befragte. „Diese Menschen sind nicht rassistisch, nicht mehr, als jeder andere ist“, sagt er über die Trump-Anhänger, die er kennt. „Wenn Trump über Handel spricht, dann denken wir an die Clinton-Regierung, zuerst mit NAFTA und dann mit den permanent normalen Handelsbeziehungen mit China, und hier im Nordosten Indianas verloren wir einen Arbeitsplatz nach dem anderen“.

Sie schauen sich um und da ist Trump. Er redet über Handel, in einer ungeschickten Art, aber zumindest repräsentiert er emotional. Wir hatten all die politischen Institutionen, die hinter all den Handelsabkommen standen und wir bestätigten einige dieser Leute und mussten dann gegen sie ankämpfen, damit sie unsere Meinung vertreten“.

Nun, lasst uns innehalten und die Perversität wahrnehmen. Linke Parteien auf der ganzen Welt wurden gegründet, um die Schicksale der Werktätigen zu verbessern. Aber unsere linke Partei in den USA – eine von zwei Monopolparteien – entschloss sich vor langer Zeit, den Bedürfnissen dieser Menschen den Rücken zuzudrehen und sich stattdessen zum Tribun des aufgeklärten Kleinbürgertums zu machen, einer „kreativen Klasse“, die innovative Dinge, wie sekundäre Wertpapiere oder Smartphone Apps, macht. Die werktätigen Menschen, um die die Partei sich eigentlich kümmern sollte, so stellten die Demokraten in der Clinton-Ära fest, hatten keinen anderen Ausweg mehr. Die Partei musste ihnen einfach nicht mehr länger zuhören.

Was Lewandowski und Nussbaum sagen, sollte offensichtlich für jeden sein, der schon einmal einen Schritt außerhalb der wohlhabenden Enklaven an den beiden Küsten gesetzt hat. Unbedachte Handelsabkommen und großzügige Rettungsschirme für Banken und garantierte Profite für Versicherungsunternehmen, aber keine Erholung für durchschnittliche Menschen, jemals – diese Politik hat ihren Tribut verlangt. Wie Trump sagt: „wir haben China wiederaufgebaut und unser Land fällt auseinander. Unsere Infrastruktur fällt auseinander… Unsere Flughäfen, sind wie aus der Dritten Welt“.

Trumps Worte artikulieren den populistischen Gegenschlag gegen den Liberalismus. Einen Gegenschlag, der sich schleichend über Dekaden aufgebaut hat und bald das Weiße Haus selbst einnehmen könnte, woraufhin die gesamte Welt seine wahnsinnigen Ideen ernst nehmen muss.

Aber noch immer noch können wir uns selbst nicht dazu bringen, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Wir können nicht zugeben, dass wir Liberalen mitschuldig an seinem Aufstieg sind, an dem Frust der Millionen der Arbeiterklasse, an ihren untergegangenen Städten und an ihren Leben in der Abwärtsspirale. Es ist so viel einfacher, sie für ihre verdrehten, rassistischen Seelen zu schelten, unsere Augen vor der offensichtlichen Realität zu verschließen, von der Trumpismus nur ein primitiver und hässlicher Ausdruck ist: dass der Neoliberalismus wohl und ehrlich gescheitert ist.