Zur Situation der syrischen Kinder in der Türkei

Metehan Ud *

Die Hälfte der in der Türkei registrierten syrischen Flüchtlinge ist zwischen 0 und 18 Jahren. Der Großteil dieser Kinder und Jugendlichen bekommt keine Bildung. Viele machen Erfahrungen mit Unrecht und Ausbeutung.

Die am meisten Leidtragenden des syrischen Krieges sind die Kinder. Die syrischen Flüchtlingskinder, die sich in der Türkei befinden, bekommen keine Schulbildung und nehmen grossen Anteil am Existenzkampf ihrer Eltern und verrichten dabei Kinderarbeit. Der Verein “Brücke der Völker” hat den Staat dazu aufgefordert, ihrer Verantwortung entsprechend dazu beizutragen, dass diese Generation der syrischen Kinder keine verlorene Generation wird und eine angemessene Schulbildung bekommt.

In jeder Werkstatt arbeiten Kinderarbeiter

Wir befinden uns in Isikkent (Stadtteil von Izmir – Anm. d. Übersetzerin), einem Ballungsraum der Textil- und Schuhmacher-Werkstätten. Nach den Aussagen der Werkstattinhaber arbeiten hier in fast allen Werkstätten mindestens 1-2 syrische Kinderarbeiter. Sie arbeiten gemeinsam mit den Erwachsenen und auch der Arbeitstag der syrischen Kinderarbeiter ist mindestens 12 Stunden lang. Generell machen die Kinder die Fäden sauber und verrichten Botengänge. Die Chemikalien, die sie einatmen, führen zu Berufskrankheiten im frühen Alter. Sie verdienen die Hälfte des Gehalts von Erwachsenen.

Urik, 13 Jahre, seit 4 Jahren Arbeiter in der Schusterei

Diese Kinder, die unter schwersten Bedingungen in diesen Werkstätten arbeiten, sagen aus, dass sie gezwungen sind, zu arbeiten. Urik ist 13 Jahre und ist aus der Stadt Afrin aus Syrien. Er ist seit einem Jahr in der Türkei. Seine Eltern und Geschwister sind noch in Syrien. Seine Familie hat ihn mit seinem Onkel in die Türkei geschickt. Er berichtet, dass er auch in Syrien als Schuster gearbeitet hat. Die Tatsache, dass er bereits 4 Jahre zuvor gearbeitet hatte, führte dazu, dass er als Geselle in der Türkei angestellt wurde. Er verdient in der Woche 200 Türkische Lira (umgerechnet ca 60 Euro, Anm. d. Ü.). Er geht täglich mit einem anderen syrischen Kinderarbeiter zur Arbeit. Er sagt von sich, dass er nicht lesen und schreiben kann und nie eine Schule besucht hat.

Ahmet arbeitet für 100 Türkische Lira in der Woche

Ahmet, ein anderes syrisches Flüchtlingskind, sagt, dass er seit einem Jahr in der Türkei ist. Er ist 11 Jahre und war ebenfalls niemals in der Schule und kann auch nicht lesen und schreiben. Er berichtet, dass er seit einem Jahr hier arbeitet und in der Woche 100 Türkische Lira verdient. Ahmet verrichtet hauptsächlich Botengänge für die Werkstatt. Er säubert die Fäden der frisch genähten Schuhe. Ahmets Vater arbeitet auch in einer Fabrik. Das Gehalt des Vaters reicht nicht aus, um die Familie zu ernähren. Deswegen müsse Ahmet ebenfalls arbeiten, sagt er. Er fügt hinzu: “Ich würde gerne zur Schule gehen, aber ich bezahle mit meinem Gehalt die Miete. Das Gehalt meines Vaters reicht nicht. Ich habe noch zwei Schwestern.”

Viele Flüchtlinge sind unter 18 Jahre

Laut Daten des türkischen Katastrophenschutzes AFAD sind 55% der Flüchtlinge in der Türkei 0-18 Jahre alt. Nach Angaben von Institutionen, die zum Thema Flüchtlinge arbeiten, leben in der Türkei 3 Millionen Syrier, davon 1 Million Kinder im Grundschulalter. Von diesen Kindern gehen gerade mal ein Viertel zur Schule. Über die Bildungssituation der über 11-jährigen Flüchtlingskinder gibt es keine Daten.

Die überwältigende Mehrheit der Flüchtlingskinder bekommt keine Schulbildung. Mädchen werden meistens entschult und verheiratet, die Jungen werden ebenfalls entschult und müssen zum Familieneinkommen beitragen und gehen arbeiten. Die Tatsache, dass Erwachsene Flüchtlinge keine Arbeit bekommen, führt zu Flüchtlingskinderarbeit. In Branchen, in denen sozialversicherungsfreie Beschäftigung gang und gebe ist, ist Kinderarbeit weit verbreitet.

Von 90 Tausend syrischen Flüchtlingen, die in Izmir leben, sind 21 Tausend Kinder im Grundschulalter. Lediglich 6 Tausend von diesen Grundschulkindern besucht eine Schule. Ein Großteil der restlichen Kinder arbeitet und trägt zum Familieneikommen bei. Die meisten syrischen Flüchtlingskinder arbeiten meistens im Stadtzentrum, auf großen Strassen verkaufen sie Taschentücher und Wasser, sammeln Altpapier oder arbeiten in Schuh- oder Textilwerkstätten. Es wurde sogar berichtet, dass diese Kinder in Werkstätten arbeiten, in denen Schimmwesten hergestellt werden.

 

Die Türkei kommt ihrer Verantwortung nicht nach

Im Bericht des Vereins “Brücke der Völker” wurde festgestellt, dass die Türkei ihrer Verantwortung, den syrischen Flüchtlingskindern Schulbildung angedeihen zu lassen, nicht gerecht wird.

Diese Verantwortung beinhaltet eine Ermöglichung der Schulbildung dieser Kinder in der Vorschule, Grundschule und bis zur 10. Klasse. Dafür müssen aber immer noch verbindliche politische, wirtschaftliche und soziale Kritierien vereinbart werden”, wird gefordert. In der Abschlusserklärung wurde noch einmal betont, dass die Generation der syrischen Flüchtlingskinder Anwärter einer verlorenen Generation sind, wenn nicht die nötigen Maßnahmen getroffen würden. Als Gründe dafür, dass die Kinder keine Schulbildung bekommen, wurden folgende Gründe genannt: unklare Statussituation, keine Möglichkeit die Muttersprache zu sprechen, wirtschaftliche Grenzen, psychologischer Druck, die Traumata als Folgen von Kriegserfahrung und ungenügende Informationen/Aufklärung.

In der Abschlusserklärung wird auch auf die Genfer Kinderrechtskonvention bezug genommen, die die Türkei mit unterzeichnet hat. Die Türkei ist verpflichtet, den syrischen Flüchtlingskindern eine Schulbildung zu ermöglichen, die bestimmte Mindeststandards erfüllt. Diese Schüler müssen in normalen Schulen inklusiv beschult werden und nicht in getrennten Schulen. Die Möglichkeit für einen muttersprachlichen Unterricht muss gegeben werden.

* Übersetzung von Serpil Dogahan