Deniz Naki: „Ich werde mich nicht einschüchtern lassen!“

Tugba Bakirci

Deniz Naki ist Fußballer bei der Mannschaft Amed Spor (ehemals Diyarbakirspor). Der junge Fußballer wechselte von der Hamburger Mannschaft St. Pauli in die Türkei und entschied sich letztendlich bewußt für Amedspor. Nach einem Liga-Spiel am 31. Januar 2016 gegen Bursa Spor erhielt er eine Sperre für 12 Spiele und eine Geldstrafe. Nach dem Spiel hatte er öffentlich den Staatsterror in kurdischen Städten kritisiert und sein Tor den Menschen gewidmet, „die in den 50 Tagen des Ausgehverbotes getötet oder verletzt wurden“. Anschießend erklärte er, dass er bestraft werde, „nur weil er ein Kurde“ sei. Er und seine Mannschaft wurden und werden immer wieder Opfer von Anfeindungen. Doch sie lassen sich nicht einschüchtern und appellieren damit auch an die Öffentlichkeit, sich nicht unterkriegen zu lassen. Viele andere Menschen sind wie Deniz Naki Opfer von Staatsrepressionen, wenn sie sich kritisch äußern. Wir haben die Möglichkeit gefunden, mit Naki ein persönliches Gespräch über Rassismus, die Situation in der Türkei und über Sport zu sprechen.

Was denkst du über Muhammad Ali? War er ein Vorbild für dich?

An erster Stelle war Muhammad Ali ein Mensch, der für Frieden stand und sich dafür auch eingesetzt hat. Dies war für mich immer das Beeindruckenste an ihm und das wichtigste für mich. Was seine sportliche Disziplin angeht, war er ein super Sportler. Auch wenn ich selber kein Boxer bin, war Muhammad Ali einer der größten Vorbilder für mich. Nicht nur als Sportler und Kämpfer, sondern vor allem als Mensch.

Präsident Erdogan erklärte, dass sein Land um Ali trauere. Aber Ali führte einen antimilitaristischen und antirassistischen Kampf im Gegensatz zu der Türkei. Was hältst du von dieser Moral?

Ich finde es schon merkwürdig und nicht glaubhaft. Ich kann mir schon vorstellen, dass es viele in der Türkei gibt, die sich Muhammad Ali als Vorbild genommen haben und um ihn aufrichtig trauern. Aber einer Person glaube ich es auf gar keinen Fall: Erdogan ist auch zu Alis Beerdigung gegangen und hat sein Beileid ausgesprochen. Das kaufe ich ihm nicht ab. Er ist derjenige, der in seinem eigenen Land die Bevölkerung umbringt und einen brutalen Krieg in den kurdischen Gebieten führt. Dieser Krieg führt dazu, das Muslime, Aleviten und Yeziden sterben, aber an erster sind es Menschen, die aufgrund der Politik von Erdogan umgebracht werden. Und deshalb nehme ich seine Trauer nicht ernst.

Gegen dich läuft gerade ein Strafverfahren in der Türkei. Wie gehst du damit um? Wirst du zurück in die Türkei gehen

Ja, das stimmt. Es gibt ein Strafverfahren gegen mich. Was mich erwartet, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nur eins ist klar: Ich werde mich nicht einschüchtern lassen. Nachdem ich schon in Europa war, wurde meine Wohnung von der Polizei durchsucht. Vielleicht werde ich festgenommen, verhaftet oder vielleicht wollen die auch nur eine Aussage von mir. Heutzutage ist es vielleicht auch sicherer im Gefängnis, als draußen, vor allem in kurdischen Städten. Ich werde zurück gehen in die Türkei, nach Amed (Diyarbakirs kurdischer Name). Ich möchte der Bevölkerung zeigen, dass sie nicht alleine sind aber auch zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen werden von den staatlichen Repressionen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die uns zum Schweigen bringen. Was in der Türkei passiert, betrifft uns alle. Es ist ein Krieg gegen die Menschheit.

Du bist Fußballer bei Amedspor. Wie sieht es mit der Freundschaft zwischen den Mannschaften unter den Spielern aus. Was erwartet euch, wenn ihr auswärts spielt? Gibt es auch schöne Momente?

Ich bin ehrlich, dieses Jahr hatten wir als Amedspor noch keine schönen Momente bei Auswärtsspielen. Wir hatten immer Auseinandersetzungen, besonders nach dem Spiel gegen Bursa und die 12 Spielsperren für mich wurde es nur noch schlimmer. Die Medien berichten zwar mehr als früher über uns, aber natürlich nur im negativen Sinne. Berichtet wird über uns als Volksverräter oder ähnliches. Wir sind das im Fußball, was die HDP in der Politik ist: Der Buhmann und Terroristen! Vor allem die Medien berichten nur schlecht über uns. Natürlich gibt es auch Unterstützung von Mannschaften vor allem von Adana Demirspor, aber auch von Fangemeinden wie zum Beispiel Besiktas Carsi oder Fenerbahce Sol Taraf. Wenn es hart auf hart kommt, sind wir aber alleine und haben keinerlei Unterstützung von anderen Mannschaften oder Fangemeinden.

Nach dem Vorfall hast du auch Unterstützung aus Deutschland bekommen. Viele Jugendliche haben sich mit dir solidarisiert und nehmen dich auch als Vorbild, nicht nur wegen des Fußballs. Hast du ein Appell an die Jugendlichen in Deutschland?

Zuerst einmal möchte ich mich bei der Bevölkerung in Deutschland, aber auch in Europa bedanken. Durch die Demonstrationen, Kundgebung und Festivals bringen sie unsere Forderungen und unser Leid an die Öffentlichkeit. Es ist wichtig, auch hier in Europa, die Menschen darüber aufzuklären, was in der Türkei geschieht. Aber genauso wichtig ist es auch, dass hier in Deutschland ein Druck auf die Politik ausgeübt wird, damit Verhandlungen mit der türkischen Regierung nicht auf Kosten von Menschenleben und der Demokratie zu Stande kommen. Natürlich sollten sie auch an den Demonstrationen hier in Deutschland teilnehmen aber hierbei auch nie die Rolle und den Bezug zur deutschen Regierung verlieren. Besonders möchte ich betonen, dass es keinen Sinn macht, sich hier die Köpfe gegenseitig einzuschlagen. Wir sollten vielmehr auf einen Zusammenhalt zuarbeiten, statt uns auch hier in Deutschland spalten zu lassen. Unsere Forderung nach Frieden sollte immer an erster Stelle stehen.