„Geschichte wird neu geschrieben“

Silan Kücük

Wir haben mit Lynn, 22 Jahre alt und Mitorganisatorin des Antifa-Workcamps über die Ziele und Inhalte des Camps gesprochen. Lynn studiert in Bielefeld und ist seit fast 7 Jahren politisch in den verschiedenen Feldern aktiv.

Seit wann gibt es das Camp?

Das Camp wurde in den 70`er Jahren gegründet, nachdem Nazis angefangen haben, Nachts den Friedhof zu beschmieren und zu schänden. Jugendliche haben sich damals zur Aufgabe gemacht, ihn am ersten Septemberwochenende zu schützen und das Camp zu veranstalten. Dieses Jahr war der Veranstaltungskreis neu aufgestellt. Trotz einer relativ kurzen Vorbereitungszeit haben wir es geschafft, das Wochenende mit ungefähr 80 Teilnehmern zu verbringen – mit sehr positivem Feedback. Dazu konnten wir als SDAJ durch die Mitorganisation in eine eigentlich schon lange bestehende Tradition wieder einsteigen. Das freut mich sehr!

Warum ist dieses Gedenken so wichtig für dich?

Klar beschäftigt man sich spätestens im Geschichtsunterricht mit den Auswirkungen des deutschen Faschismus. Doch wenn ich mich daran erinnere, wurde die Geschichte des Faschismus als ein abgeschlossener Teil neben dem Mittelalter, Romantik oder Ähnliches behandelt. Dass Konzerne die NSDAP nicht nur nach, sondern auch vor der Machtübernahme gefördert haben, wird nicht gesagt. Diese Konzerne hatten damals ein großes Interesse an einer Ideologie, wie sie die NSDAP vertrat. Sie konnten durch die Ausbeutung in den Lagern hohe Gewinne machen, genauso wie an Kriegsausrüstung. Und es gibt sie bis heute.

Da stelle ich mir die Frage, warum man nicht darüber redet!

Eine andere Sache kann ich ganz gut an einem Beispiel darstellen: Die Gefangenen des Straflagers – Kriegsgefangene, sowie Menschen, die sich gegen den Faschismus gewehrt haben – haben sich kurz vor Ende des Krieges organisiert und sich selbst befreien können. Die offizielle Version der Geschichte leugnet das und erzählt, dass das Camp durch die Alliierten befreit wurde. Hier wird die Geschichte neu geschrieben, aber nicht richtig und vollständig. Die Wahrheit über den Widerstand gegen die Verhältnisse wird verdreht! Und das geht gar nicht! Nach der Befreiung erbauten die Befreiten selbst die Gedenkstätte, auch um nachfolgende Generationen zu mahnen, dass so etwas nie wieder passieren darf. Die rote Fahne, die sie an dem Obelisken auf dem Friedhof anbrachten, wurde erst später abgenommen. Ich nehme wieder einmal mit, dass ich die Geschichte, die uns beigebracht wird, hinterfragen muss. Da ist das Gedenken an diesem Ort eine tolle Möglichkeit, für die ich mich engagieren möchte!

Wie war das Gefühl, ein Teil davon zu sein?

Ich muss sagen, ich war nicht darauf eingestellt, wie mich die Gedenkfeier am Samstag berührt. Was mich besonders geprägt hat, war die konkrete Erinnerung an die Menschen, die sich Faschismus und deutschen Kriegseinsätzen widersetzten. Sie wurden ermordet, dafür dass sie etwas getan haben, was ich auch heute versuche. Das gibt mir das Gefühl, Menschen verloren zu haben, die für eine Sache kämpften, die auch in meinem Interesse ist. Es wird uns verschwiegen, dass diese Leute etwas getan haben gegen ihre Situation. Und ich denke, dass es auch unsere Verantwortung für uns selbst und ein wichtiger Teil der Gedenkarbeit ist, Schlüsse und Handlungsperspektiven mitzunehmen.

So haben wir uns auf dem Camp nicht nur mit der Geschichte beschäftigt, sondern in verschiedenen Workshops zum Beispiel über den Rechtsruck in Europa, die Militarisierung und die vermehrten Einsätze Deutschlands unterhalten. Uns ausgetauscht, welche Auswirkungen dies in unserem Alltag, wie zum Beispiel in der Schule und Studium hat und wie wir dazu arbeiten wollen. Nicht nur als Einzelpersonen oder einzelne Verbände, sondern gemeinsam als Jugend!


ANTIFA CAMP – REMEMBER HISTORY – FIGHT FASCISM“

Wie jedes Jahr am ersten Septemberwochenende fand auch dieses das antifaschistische Workcamp vom 02.09.2016 – 04.09.2016 mit 80 Teilnehmern am ehemaligen Kriegsgefangenenlager in Stukenbrock statt.

Rassisten können immer noch unbesonnen auf den Straßen marschieren und Parteien mit rechtem Gedankengut werden scheinbar immer „Normaler“. Die Hetze und Instrumentalisierung der Geflüchteten, sei es in der digitalen Welt oder im Herzen der Gesellschaft und Politik sind weiterhin an der Tagesordnung. Die Situation wird für die Geflüchteten in den Flüchtlingsheimen immer unerträglicher. Deutschland und Europa erleben einen Rechtsruck. Viele Staaten rüsten massiv militärisch auf, auch Deutschland versucht vorne mitzumischen und beteiligt sich an immer mehr Kriegen. Daher ist es notwendiger denn je, das Erinnern und Lernen aus der Zeit des Faschismus.

Das Antifa-Workcamp bot hierfür eine gute Gelegenheit. Gemeinsam mit verschiedenen Organisationen und Teilnehmer wurde über die Situation in Deutschland geredet, Strategien entwickelt und in verschiedenen Workshops aus der Geschichte berichtet und gelernt. Im Vordergrund stand das faschistische Deutschland im 2. Weltkrieg und was man heute gegen Rassismus und Krieg tun könnte. Unter anderem war auch ein Thema, wer denn damals wie heute vom Krieg profitiert und ein Interesse an Krieg hat. Abends saß man gemeinsam singend mit Liedern gegen Krieg und Faschismus am Lagerfeuer. Und im Rahmen der Veranstaltung „BLUMEN FÜR STUKENBROCK“ wurde an die Opfer des Sennelagers gedacht.


Das Antifa Workcamp findet an einem historischen Ort statt: 1941 errichteten die Nazis in Stukenbrock-Senne das StaLag 326, ein Lager für (v.a. sowjetische) Kriegsgefangene. Während der NS-Zeit wurden hier über 300.000 Menschen ausgebeutet und gequält. Sie dienten der örtlichen Industrie als Arbeitssklaven. Am 2. April 1945 wurde das Lager befreit, die Überlebenden errichteten einen Friedhof für die 65.000 ermordeten Menschen und einen Obelisken als Mahnmal. Seit 1967 veranstaltet der „Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock e.V.“ jährlich am Antikriegstag eine Mahn- und Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof. Das Antifa Workcamp entstand aus den Mahnwachen, die in den 60er Jahren, nachdem in der Nacht zum Antikriegstag Neonazis den Friedhof geschändet hatten, ins Leben gerufen worden war.