„Die haben gedacht, wir waren das!“

Cigdem Ronaesin

Können Sie sich kurz vorstellen?

Mein Name ist Bahar Aslan, ich bin Kölnerin und angehende Lehrerin für Englisch und Sozialwissenschaften. Darüber hinaus bin ich in unterschiedlichen Kontexten ehrenamtlich und parteipolitisch unterwegs. Die letzten drei Jahre habe ich mich intensiv mit dem Themenkomplex NSU auseinandergesetzt, mir Wissen angeeignet und verschiedene Seminare über Rassismus & Rechtsextremismus besucht. Soweit es mir möglich war, habe ich auch an den Sitzungen des NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag NRW teilgenommen, um mir einen besseren Überblick in die Thematik zu verschaffen. Ich habe sowohl in meiner mündlichen Examensprüfung als auch in meiner Staatsarbeit die mediale Darstellung der NSU-Mordserie sowie den Nagelbombenattentat in der Keupstraße analysiert. Das Thema ist inzwischen eine Herzensangelegenheit von mir geworden, und ich verfolge mit sehr großem Interesse, was in München beim NSU-Prozess passiert, aber auch die Arbeiten der einzelnen Untersuchungsausschüsse.
Sie sind Co-Autorin eines Buches zu dem Thema. Wie kam es dazu, dieses Buch zu schreiben?

Das Buchprojekt ziehe ich gemeinsam mit Kemal Bozay , Orhan Mangitay und Funda Özfirat auf. Letztes Jahr im November auf der Keupstrasse ist bei einem spontanen Essen in einem Restaurant in der Nähe des Anschlagortes der Entschluss gefasst worden, dieses Buchprojekt anzugehen. Die Idee zum Buch hatte ich bereits vorher bei vielen meiner Freunde zum Ausdruck gebracht. Aus meiner Sicht war dies längst überfällig, denn bereits während meiner Recherchen sowohl zu meinen Prüfungen als auch privat, ist mir immer wieder aufgefallen, dass Migranten in diesem Diskurs kaum wahrgenommen wurden, aber auch selbst das Wort nicht ergreifen, um die Debatte mitzugestalten, und dass obwohl sie selbst zu Opfern dieser rechtsextremen Mordserie gemacht worden sind. Die Berichterstattung in den Medien empfand ich zum größten Teil ziemlich unausgewogen, da die Perspektive der Opferfamilien und Migranten kaum bis gar nicht vorkam. Der Fokus lag eher auf Beate Zschäpe, der mutmaßlichen Täterin, sowie dem Innenleben des NSU-Trios. Die Medien schienen sich eher dafür zu interessieren, wie Mundlos, Bönhardt und Zschäpe zusammen gelebt haben, oder wie Beate Zschäpe sich für den Prozess gekleidet hat. Jedoch gab es keinen Diskurs darüber, wie die plötzliche und zufällige Aufdeckung des Trios am 04. November 2011 innerhalb der Migrationsgesellschaft aufgenommen wurde und welche Spuren sie hinterlassen hat. Als ich von der Mordserie erfuhr, war mir die Česká- Mordserie selbstverständlich zu dem Zeitpunkt ein Begriff, aber wirklich intensiv hatte ich mich damit nicht auseinandergesetzt. Dass nun dahinter eine rechtsextreme Terrorgruppe steckt, die jahrelang quer durch die Republik Bomben gelegt und gezielt Migranten ermordet hat, war selbst für mich unvorstellbar. Der Skandal war nicht nur, dass der NSU jahrelang trotz der vielen V-Männer im Umfeld unentdeckt blieb, sondern auch die Tatsache, dass Polizei und Sicherheitsbehörden an ihrer rassistischen Ermittlungspraxis festhielten und die Täter im Umfeld der Hinterbliebenen vermuteten. Migranten wurden problematisiert, kriminalisiert und in einem rassistischen Stereotyp gezeichnet. Nicht nur die Polizei hatte das Bild eines kriminellen Migranten gezeichnet, sondern auch die Medien, die das Ermittlungsergebnis der Polizei ungefragt übernommen und berichtet haben. Um nochmal alles kurz zusammenzufassen: Der Rassismus, den die Opferfamilien während der Ermittlungen seitens der Polizei erlebt haben, ist für viele von uns nicht fremd. Die meisten kennen diese Vorurteile aus dem Alltag, aus der Schule, von Freunden aber auch seitens der Politik. Der NSU- Komplex ist eng verknüpft mit Themen wie Alltagsrassismus, Rechtsextremismus aber auch Diskriminierung und Ausgrenzung. Jedoch gab es für uns ‚Migranten‘, für uns ‚Betroffene‘ keinen Raum, um diese Themen anzusprechen und zu debattieren. Daher war die Idee da, dieses Buch herauszubringen, und somit unsere Perspektive, unsere Empfindungen und Gedanken in Bezug auf die oben genannten Punkte wiederzugeben. Ich denke dass viele Menschen, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind, sich mit dem Buch identifizieren und auch wiederfinden werden.

Was erwartet den Leser in dem Buch?

Den Leser erwartet ein Buch mit insgesamt 39 Beiträgen, die allesamt von Individuen mit Migrationshintergrund verfasst worden sind. Einige der Autoren werden dem Leser sicherlich bekannt sein, wie z.B. Cem Özdemir, Lale Akgün, Haci- Halil Uslucan, Yavuz Selim Narin oder Fatih Cevikkollu. Aber wir haben auch denen eine Stimme gegeben, die sich politisch und ehrenamtlich in unterschiedlichen Kontexten engagieren, jedoch keine Personen des öffentlichen Lebens sind. Ich würde sagen, dass jedes der einzelnen Beiträge ein Highlight für sich ist, da jeder der Autorinnen und Autoren seine eigene, ganz persönliche Perspektive zu dem Thema wiedergegeben hat.

Gab es Momente, die Sie bei der Recherche zum Buch zum Nachdenken gebracht haben?

Ich glaube am meisten bringt mich die Tatsache zum Nachdenken, warum ein Erdogan es schafft, so viele Deutsch-Türken auf die Straße zu bringen. Am liebsten würde ich fragen: Wo wart ihr eigentlich während der fünf Jahre beim gesamten Prozess? Habt ihr als zivilgesellschaftliche Einrichtung auch nicht einen Aufklärungsauftrag, dem ihr in Ansätzen gerecht werden solltet? Oder fühlt ihr euch im ‚Kampf gegen Rechts‘ nicht angesprochen? Es ist ernüchternd und sehr bitter mitanzusehen, wie so viele Menschen von der UETD für eine Solidaritätsbekundung mobilisiert werden können, aber im NSU- Komplex angesichts der Mauer aus Erinnerungslücken und der geballten Arroganz der Aufklärungsverweigerer, weiterhin schweigen. Der NSU-Prozess ist eines der umfangreichsten Verfahren, die in Deutschland jemals geführt worden sind. Das Vergessen, Schweigen und die bewusste Vertuschung der rassistischen Mordserie ist ein tragischer Beweis für das Scheitern der staatlichen Behörden bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus. Aber es ist auch unser Versagen! Nicht nur der Verfassungsschutz, die Sicherheitsbehörden und Teile der politisch Verantwortlichen scheinen auf dem rechten Auge blind zu sein, sondern auch bestimmte Teile der deutsch-türkischen Community. Insbesondere jene, die in Migrantenselbstorganisationen eine führende Rolle einnehmen und sich als vermeintliches Sprachrohr der migrantischen Community verstehen. Oder um es mal mit den Worten einer Journalistin auszudrücken: „Die NSU-Morde sitzen wie ein giftiger Stachel im Fleisch unserer jüngeren Geschichte. Warum nur tut er nicht weh?“