Die verschleierte Wahrheit des Ausbildungsmarktes

Sezen Dinc

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt sieht laut der Betriebe folgendermaßen aus: „Wir wollen ausbilden, allerdings gibt es zu wenige Bewerber.“ Unterstützung kommt von der Agentur für Arbeit. Laut dieser seien 43.500 freie Ausbildungsplätze vorhanden und die Zahl der offenen Stellen sei damit nochmals gestiegen. Dem stünden ca. 20.000 Bewerber ohne Lehrstelle gegenüber. Außerdem würde der Trend zum Studium es den Betrieben immer schwerer machen, Auszubildende zu finden. Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt würde sich sogar zuspitzen, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) bei der Präsentation einer Unternehmensbefragung „Ausbildung 2016“. Zusammengefasst heißt es also, dass die Unternehmen ausbilden wollen, aber keine Jugendlichen mehr finden, die sich für eine Ausbildung interessieren.

Die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Elke Hannack, sagt aber ganz klar: „Die Geschichte vom bundesweiten Azubi-Mangel entpuppt sich bei Licht betrachtet als Märchen“, denn zahlreiche ausbildungssuchende Jugendliche werden der DGB-Analyse zufolge gar nicht in den Daten berücksichtigt.

Die erste Kritik ist, dass rund 20.000 junge Bewerber in diesem Jahr weder eine Lehrstelle noch eine Ersatzmaßnahme bekommen haben, diese seien nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit offiziell „unversorgt“. Dabei zählt die Agentur aber nur diejenigen mit, die als „ausbildungsreif“ gelten, alle anderen fallen dabei raus. Eine weitere Kritik des DGB ist, dass zehntausende Jugendliche, die ausbildungsreif sind, aber dennoch keine Lehrstelle haben, nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit als „versorgt“ gelten. Dabei haben sie keine Ausbildungsstelle, sondern stecken in einer Art Warteschleife, da sie ein Praktikum machen oder eine „berufsvorbereitende Maßnahme“ absolvieren.

Die Lehrstellenbilanz des DGB beleuchtet die Zahlen ganz anders. Rund 283.000 Jugendliche, die von der Bundesagentur für Arbeit als ausbildungsreif eingestuft wurden, hätten keinen Ausbildungsplatz bekommen. „Die Mehrheit von ihnen wird in Ersatzmaßnahmen geparkt – und wird in den kommenden Jahren kaum eine Chance auf einen Ausbildungsabschluss haben“, kritisiert Hannack. Immerhin bleiben dann noch rund 60.000 über, die sich bei der Bundesagentur für Arbeit 2016 angezeigt haben, dass sie akut noch einen Ausbildungsplatz suchen. Nach dem Gewerkschaftsbund müssten zumindest diese Jugendlichen auch als „unversorgt“ gelten. Demzufolge blieben allein im Jahre 2016 mehr als 80.000 Bewerber ohne Ausbildungsstelle. Diese Zahl übersteigt die Zahl der offenen Ausbildungsplätze von 42.500 sehr deutlich. „Von einem Bewerbermangel kann schon anhand dieser Daten folglich keine Rede mehr sein“, heißt es in der DGB-Analyse. Laut Hannack erklärt sich aus dieser Situation auch, warum in Deutschland insgesamt rund 1,2 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren keinen Berufsabschluss haben. Sie warnt vor den Folgen: „Auf diese Menschen wartet ein Leben in prekärer Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit. Sie werden kaum ihren eigenen Lebensunterhalt finanzieren können.“