„Sharing Economy“: Eine schöne alte Welt…

Robin Haberkorn

Seit einigen Jahren „erschüttern“ neue Webportale verschiedene festgefahrene Märkte und bieten ihren Nutzern relativ günstige Alternativen zu Taxis, Hotels und anderen Dienstleistungen, weshalb sie gerade von Jugendlichen gern genutzt werden. Die Rede ist von Uber (Taxi-Konkurrenz), Blablacar (Mitfahrgelegenheiten), Airbnb (Hotel-Alternative) und vielen weiteren.

Bei diesem Trend möchten wir zwei Aspekte hervorheben: Zum einen ist er nur machbar auf Basis bestimmter technischer Innovationen, sprich der allgemeinen Verfügbarkeit des Internets und der Verarbeitung großer Datenmengen in so genannten „Clouds“, bestimmter Webtechnologien etc. Das Internet ermöglicht die Verbreitung von Informationen bzw. Daten zu äußerst geringen Kosten und Cloud-basierte Dienste (worunter praktisch alle Webanwendungen mit Kundenlogin zählen…) können beispielsweise ohne signifikante Mehrkosten 10 Millionen zusätzliche Kunden bedienen.

Zum anderen, ist das Geschäftsmodell all dieser Dienste darauf ausgelegt existierende Märkte zu erweitern, indem Privatleute ihr spärliches Eigentum – vom eigenen Auto bis zum Schlafzimmer – für den Handel zur Verfügung stellen. Das ist sehr lukrativ, da Kapital immer nach neuen Anlagemöglichkeiten sucht, und danach strebt alle Lebensbereiche der Menschen, dem Markt zu unterwerfen. Einigen Anbietern wie Uber ist es sogleich gelungen innerhalb dieser neuen Marktsegmente Monopolstellungen zu erobern (87% Marktanteil in den USA). Die Fahrten- oder Zimmeranbieter sind keine Angestellten, sondern formell Selbstständige, die um Kunden konkurrieren und von denen die Portale für die abgewickelten Geschäfte Provisionen einstreichen. Zur Verschleierung ihrer nur allzu kapitalistischen Praktiken vergleicht Uber seinen Taxi-Dienst gerne mit dem Trampen oder Mitfahrgelegenheiten und Airbnb das Übernachten gegen Geld bei Fremden gerne mit dem unkommerziellen und persönlichen Kennenlernen neuer Menschen und Kulturen. Daher kommt auch der euphemistische Begriff der „Sharing Economy“ (Wirtschaft des Teilens), mit dem die bürgerlichen Ideologen versuchen die Sehnsucht vieler Menschen nach einer besseren Welt aufzugreifen.

Wird sich der Kapitalismus von alleine abschaffen?

Aufgrund dieser Werbemaschen hegen einige progressive Menschen Illusionen in die neuesten Entwicklungen. Sie glauben dass sich der heutige raffgierige monopolistische Kapitalismus dank der technischen Innovationen demokratisieren und zügeln lasse. Die TAZ schreibt beispielsweise „dass es gegenwärtig reale Chancen gibt, die Wachstumswirtschaft zu unterlaufen und zu demontieren.“ („Solidarität ohne Zwang“, 2.10.2016). Der einflussreiche bürgerliche Ökonom Jeremy Rifkin prognostiziert, dass der Kapitalismus in eine „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ hineinwüchse, in der die Stückkosten in der Industrie stark fallen oder wie in der digitalen Welt Kopien äußerst billig sind und in der folglich das Privateigentum durch „öffentliche Güter“ abgelöst werde.

Diese Gedankenspiele beruhen auf durchaus richtigen Beobachtungen und realen Tendenzen und wir teilen die Vision einer Gesellschaft ohne Privateigentum. Allerdings behindern die Spielregeln des Kapitalismus die freie Entfaltung des technischen Potentials und verkehren sie sogar in ihr Gegenteil. Dort wo die reine „Null-Grenzkosten-Wirtschaft“ bereits seit vielen Jahren Realität ist – in der Softwareindustrie und den Medien bei denen nur Computerdateien zirkulieren – entkräftet der real existierende Kapitalismus derlei Illusionen tagtäglich. Widersprüche werden nicht gelöst, sondern verschärfen sich. Privateigentum verschwindet nicht, sondern wird mit den absurdesten Mitteln aufrechterhalten. Man denke nur an die immer neuen Kopierschutzmechanismen und die repressiven Maßnahmen zur Verteidigung eines reaktionären Urheberrechts – wie will man auch sonst Profit machen? Ein revolutionärer Bruch mit diesem System ist notwendig!

Angriff auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse

Nicht anders sieht es mit der „Sharing Economy“ aus. Auf den umkämpften Märkten wird ein gnadenloser Verdrängungskampf geführt. In den USA mussten bereits mehrere Taxi-Firmen Bankrott anmelden, wie z.B. „Yellow Cab“ in San Francisco. Das ist u.a. möglich, weil Uber seinen Fahrern die Preise diktieren kann. Da die Fahrer ihr Auto selbst unterhalten müssen, keinerlei Beförderungslizenz benötigen und sämtliche Risiken selbst tragen müssen, kann Uber die Preise zeitweilig extrem drücken, um die Konkurrenten auszuschalten. Die Fahrer sind faktisch Tagelöhner unter extrem prekären Arbeitsverhältnissen. In Deutschland wehrte sich die Taxilobby und konnte 2014 ein defacto Verbot von Uber bewirken – ähnliche Machtkämpfe finden weltweit statt.

In der Hotelbranche führt der Siegeszug von Airbnb zu vergleichbaren Effekten. Laut Stichproben des Gaststättenverbands Dehoga werden in NRW bereits 10-20% aller Übernachtungen privat, also durch Dienste wie Airbnb, vermittelt. Da die Übernachtungen in Privatwohnungen stattfinden, von denen viele dauerhaft als Ferienwohnungen dienen, erhöht sich die Wohnungsknappheit in den betroffenen Städten und die Mieten steigen. Auch hier kann Airbnb mit gesetzeswidrigen Mitteln arbeiten, um die Konkurrenten auszustechen, denn die Wohnungsbesitzer zahlen i.d.R. keinerlei Bettensteuern und andere Abgaben. Natürlich sind die Eigentümer für alles selbst verantwortlich! Lästige Sozialabgaben, Kündigungsschutz etc. fallen damit ebenso weg. Sie steigen in das Geschäft ein, um sich das Gehalt aus einer prekären Arbeit aufzubessern oder als eigenständige prekäre Einnahmequelle. Auf den Anbietern, wie Kunden lastet ein enormer Leistungsdruck, denn sie bewerten sich gegenseitig online – eine einzige schlechte Bewertung kann die Lebensgrundlage des Anbieters zunichte machen.

Wie man sieht, ist der Begriff „Sharing Economy“ für die Arbeiter und Angestellten der reinste Hohn! Dahinter verbirgt sich nichts anderes als eine weitere Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, eine Festigung und Ausweitung prekärer Arbeitsverhältnisse. Alles unter der Ägide von Monopolen, die Preise diktieren und alle bürgerlichen Gesetze und Arbeiterrechte mit Füßen treten, so lange die Profitrate hoch genug ist. Eine Technologie, die dem Menschen dienen könnte, z.B. indem gesellschaftliche Belange unbürokratisch, günstig und im großen Maßstab über Webportale organisiert werden, verkehrt sich so in ihr Gegenteil.

Auf diese kapitalistische „Utopie“ können wir verzichten!