Türkisch-russische Beziehungen in Gefahr?

Der russische Botschafter in Ankara, Andrey Karlov wurde am vergangenen Montag bei einem Attentat ermordet. Er war zur Tatzeit Gastredner bei der Eröffnung einer Fotoausstellung in der türkischen Hauptstadt. Der Schütze war ein Polizist und wurde noch in der Kunstgalerie von türkischen Sicherheitskräften bei einem Feuergefecht erschossen. In den offiziellen Erklärungen der Türkei und Russlands wurde beteuert, man werde nicht zulassen, dass die Tat die guten Beziehungen beeinträchtige.
Augenzeugen berichteten, der Attentäter habe sich mit seinem Dienstausweis Zutritt in das Gebäude verschafft und mit seiner Dienstwaffe mehrere Schüsse auf den Botschafter abgefeuert. Dabei habe er islamistische Losungen gerufen und gesagt: „Ihr seid verantwortlich am Tod von Kindern in Aleppo. Dafür werdet ihr bezahlen!“ Kurze Zeit später wurde die Kunstgalerie von Spezialkräften der Polizei gestürmt. Es kam zu einem Schusswechsel, bei dem der Attentäter getötet wurde.
In den Erklärungen aus Moskau und Ankara, in denen das Attentat als „abscheuliche Tat“ verurteilt wurde, wurden auch die Bemühungen beider Seiten deutlich, die russisch-türkischen Beziehungen, die nach früheren Verstimmungen in jüngster Zeit wieder normalisiert wurden, vor einem neuerlichen Tiefpunkt zu retten. Der russische Staatspräsident Putin bezeichnet die Tat als „Provokation, mit der die Normalisierung der russisch-türkischen Beziehungen gestört werden sollen“. In den letzten Wochen hätten beide Länder bei der friedlichen Lösung des syrischen Problems gemeinsam Fortschritte erzielt. Das Attentat verfolge das Ziel, diesen Friedensprozess zu torpedieren.
Auch der türkische Staatspräsident Erdogan bezeichnete das Attentat als eine gegen die Normalisierung der Beziehungen gerichtete Provokation. Er habe in seinem Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Einigkeit darüber erzielt, dass beide Länder ihre Zusammenarbeit in internationalen Fragen stärken wollten. Beide Länder vereinbarten, die Tat gemeinsam zu ermitteln.
Die Tatsache, dass der Attentäter ein Polizeibeamter war, brachte allerdings die türkische Führung in Erklärungsnöte. Der Innenminister Süleyman Soylu erklärte, der 22-jährige Attentäter Mevlüt Mert Altıntaş sei vor 2,5 Jahren bei der Polizei eingestellt worden. Man untersuche, zu welchen Kreisen er Verbindungen habe.
Der Berater von Erdogan, İlnur Çevik, brachte indes die Möglichkeit ins Spiel, der Attentäter könnte im Auftrag von FETÖ gehandelt haben. Dies begründete er damit, dass diese Organisation die Verantwortung für den Abschuss eines russischen Kampfjets im vergangenen Jahr trage. Nach Çevik kommen aber auch andere internationale Kräfte als Hintermänner des Attentats ins Spiel. “Sicherlich störte die perfekte Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Russland in Alleppo viele Kreise. Sie wird als eine Gefahr für die Interessen des Westens angesehen. Die USA verübten in letzter Zeit Kritik an dieser Zusammenarbeit, mit der ihre Rolle in Syrien untergraben wurde.”