Aleppo – Bühne des Elends des Todes und der Interessen

Sinan Cokdegerli

Zwischen Bomben, Schüssen, Sirenen, Hilfsmaßnahmen, Verschiebungen von Territorien, Evakuierungen und Waffenstilllegungen leben die Menschen in Syrien nun seit 5 Jahren. Damals schrieben Medien von „Demokratiebestrebungen gegen das Assad–Regime“, aber schnell entwickelte sich ein Bürgerkrieg, den man auch deutlich als Stellvertreterkrieg bezeichnen kann, in dem sich imperialistische Staaten auf dem Rücken der Menschen in Syrien austoben. Mitten in diesem Chaos, das ehemalige wirtschaftliche und kulturelle Herzstück des Landes, Aleppo.

Immer wieder gewinnen diese oder jene Gruppen Zuwächse an Territorien, verdrängen andere aus Städten oder ganzen Landstrichen. Jeden Tag, nahezu stundenweise könnte man eigentlich eine Verschiebung der Fronten, zwischen den vielen Kräften, die sich dort gegenseitig bekämpfen, verzeichnen. Millionen Menschen sind seit Beginn der Kriegssituation auf der Flucht oder kamen ums Leben. Mit sich brachte der Krieg, wie jeder Krieg auch, Verbrechen an der Menschlichkeit, Vergewaltigungen, Folter, Massaker und vieles mehr mit sich. Von diesem Trauma wird sich das Gebiet womöglich Jahrzehnte nicht erholen können. Immer mehr Bilder sehen wir, auch über soziale Medien, von Menschen aus Aleppo, die, angeblich oder tatsächlich, in dieser Stadt leben. Die Situation in Aleppo ist nicht losgelöst von der überaus komplexen Situation, in dem sich das gesamte Land befindet.

Eine katastrophale Lage

Um einen gezielteren Blick auf die Lage Aleppos werfen zu können, ist es notwendig, die Geschehnisse in der Stadt, im Kontext der Lage des gesamtes Landes zu betrachten.

Die Terrorbanden des sogenannten Islamischen Staates (IS) morden in großen Teilen Syriens und regieren in diesen nach einem eigenen System mit brutalen Methoden. Im Norden des Landes leisten kurdische Truppen erbitterten Widerstand gegen den IS, Dschihadisten aus anderen kleinen Organisationen auf der einen und die Türkei auf der anderen Seite. Dieser hat erst vor einigen Monaten große Teile des nordsyrischen Gebietes besetzt, die wenige Dutzend Kilometer von Aleppo entfernt sind. Im Westen des Landes hält sich noch die Regierung Syriens, unter Assad, an der Macht und kämpft vor allem an seinen Grenzen gegen die selbsternannte Freie Syrische Armee (FSA) und dschihadistische Organisationen wie die al – Nusra Front.

Diese einzelnen militärischen Kräfte und Organisationen werden von verschiedenen Ländern unterstützt, die dort wirtschaftliche Interessen vertreten und diese versuchen durch die Hand ihrer verbündeten Kräfte vor Ort durchzusetzen. Assads Truppen werden hauptsächlich seitens Russlands unterstützt. Die Liste der Unterstützer des IS ist zwar vielfältig aber einer dieser Staaten ist unter anderem auch die Türkei, die, nachweislich, lange Zeit Terroristen über die Grenze gelassen, diese immer wieder in türkischen Krankenhäusern behandelt und dann wieder zurückgeschickt hat, um eine Kraft gegen das sich immer mehr stabilisierende kurdische Autonomiegebiet aufzubauen. Die Kämpfer des FSA, worunter auch viele islamistische Gruppierungen versammelt sind, werden seitens der westlichen Staaten um die USA und Deutschland, sowie deren Verbündeten aus Saudi Arabien mit Waffenlieferungen und militärischem Einsatz am Leben gehalten.

Aleppo im Fokus

Aleppo unterscheidet sich in der Grausamkeit nicht von anderen Teilen Syriens oder zum Teil des Nahen Ostens. Genauso wie in den von der IS besetzten Gebieten herrschen auch hier unmenschliche Bedingungen. Auch hier befinden sich die Menschen zwischen zwei Fronten. Auf der einen Seite islamistische Banden der al – Nusra, die hier in Deutschland als die positiv suggerierten „Rebellen“ betitelt werden. Diese hatten sich unter dem Namen FSA verbündet, jedoch nichts an ihren ideologischen Prinzipien abgegeben. Wenn man die Berichterstattung in den Ländern betrachtet, die ihnen beispielsweise Waffen liefern, könnte man meinen, es ist die Bevölkerung Aleppos, die sich in der Stadt gegen ihren Diktator auflehnt. Jedoch waren es hauptsächlich islamistische Banden, teilweise aus dem Ausland rekrutiert, die nach Syrien und nach Aleppo kamen, um die Stadt zum ersten mal zu erobern.

Auf der anderen Seite die Armee eines Machthabers, der wie viele seiner ehemaligen Verbündeten auch, die eigene Bevölkerung unterdrückt und ausgebeutet hat. Während Russland Bombenangriffe auf die Stadt fliegt, bringen Assads Bodentruppen die Stadt nach und nach unter ihre Kontrolle.

Ist Aleppo befreit, oder gefallen?

Während über soziale Medien Videos aus Aleppo geteilt werden, konzentriert sich die Berichterstattung in Deutschland eher auf die russischen Völker- und Menschenrechtsverletzungen. Dass Russland dort interveniert und die Stadt bombardiert, wobei auch Zivilisten getötet werden, ist kein Geheimnis. Jedoch wird hierbei vergessen, dass man islamistische bewaffnete Gruppen, die von der eigenen deutschen Regierung mit aufgebaut wurden, verharmlost, die dort über Jahre, analog zum IS im Osten des Landes, nach einem eigenen System regiert haben und hauptsächlich kurdische, kritische und christliche Teile der Stadt darunter litten.

Eine Erklärung dafür, dass die Stadt nun verstärkt im Mittelpunkt steht, ist die strategisch wichtige Lage Aleppos. Die Stadt fungierte nicht grundlos als wirtschaftliche Ader des Landes. Sie grenzt nahezu unmittelbar an die nun von den türkischen Streitkräften besetzten Gebiete und die Autonomiegebiete der Kurden. Außerdem ist sie die Tür in den Osten des Landes und somit zu den Ölquellen, die von der IS kontrolliert werden.

Zudem wird ein Sieg über diese lang umkämpfte Stadt die Moral unter Assads Truppen mit Sicherheit stärken. Die „Befreiung“ Aleppos wird Assads Standpunkt festigen und ihr „Fall“ ein harter Schlag gegen die westlichen Mächte sein. Man muss sich dessen bewusst sein, dass die Lage in Aleppo eine sehr komplizierte ist, alle beteiligten Kräfte Marionettencharakter haben und in den einzelnen Sponsorenstaaten medial anders dargestellt werden. Fakt ist, dass die Stadt weder gefallen, noch befreit worden ist. Sie wurde zerstört und zu einem verformten Abbild Syriens.