Wenn sich der Rassismus breit macht

Sinan Cokdegerli

Wenn man sich das Bild von vor allem jungen männlichen Migranten in den Medien anschaut, bekommt man sehr schnell den Eindruck, dass alle Männer, die ihren Ursprung nicht in Deutschland haben oder ihre Vorfahren aus dem arabischen oder afrikanischen Raum stammen, schwerkriminell, gewalttätig und unberechenbar seien. Vor allem in den letzten Monaten verschärfte sich dieses Bild und auch die politische Stimmung orientiert sich sehr stark an diesem Bild.

„Zuwanderer begehen weniger Straftaten“ und der Zusatz: „Vertraulicher BKA Bericht“ so titelte die Tagesschau einen Beitrag auf ihrer Seite am 30. Dezember 2016. Ein Tag bevor das Jahr endete, veranschaulichte dieser Bericht und die Reaktionen, welche es auf sozialen Medien mit sich brachte, das mediale Bild in Bezug auf „die Zuwanderer“. So sei „einem vertraulichen Lagebericht des Bundeskriminalamts“ grundsätzlich zu entnehmen, dass „Zuwanderer“ (also Asylsuchende, Asylberechtigte und sich in Deutschland unerlaubt Aufhaltende), grundsätzlich kriminell seien. Allein die Tatsache, dass es zu diesem Thema laut BKA einen eigenen Lagebericht brauche, wobei diese Gruppe gesondert betrachtet werde, ließe darauf schlussfolgern, dass hier auf jeden Fall eine erhöhte Wahrscheinlichkeit der Kriminalität gegeben sein müsse! So oder ähnlich waren die Kommentare zu dem Beitrag.

Übertroffen wird dieser Eindruck, den das BKA vermittelt, nur noch durch die konkreten Medienberichte zum Thema Kriminalität. Die Überschrift der Tagesschau könnte höchstwahrscheinlich nicht noch mehr Leute ansprechen, wenn sie irgendwie anders gestaltet wäre. Nur „Bild“ könnte das vielleicht besser, da ist man auf das Polarisieren mit Bildern und Headlines spezialisiert. Spätestens seit dem Anschlag in Berlin, ist das Netz und die Politik Bühne der Rassisten und Rechtspopulisten, die sich nur zu gerne auf diesen Artikel stürzen. Als hätten alle in den Startlöchern nur auf so einen Anschlag gewartet, um sich in der Anonymität des Internets auszutoben und gar den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen. Denn rassistische oder kulturelle Erklärungsmuster für Kriminalität sind längst enttabuisiert und salonfähig geworden.

„Der Silvester naht“

Nach dem Berliner Weihnachtsmarktanschlag, bei dem 12 Menschen ums Leben kamen und für den ein Mann verantwortlich gemacht wird, der seine Papiere im LKW vergas und der später in Italien erschossen wurde (übrigens das gleiche Muster, wie auch in Paris und Brüssel: alle dummen Terroristen vergessen ihre Papiere am Anschlagort und werden Tage später auf der Flucht erschossen „gefasst“ !) , stellte ein Reporter der NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft die Frage, ob die nordrhein – westfälische Ministerpräsidentin sich an Silvester 2016 auf einen öffentlichen Platz trauen würde. Gemeint war ein Platz, wo sich viele Migranten aufhalten könnten. Das Blut der Opfer war noch nicht trocken und schon wurden die Opfer zu „Merkels Morde“ aufgestuft. Menschenrechte und Demokratie wurden in Medien und sozialen Netzwerken für die Tat von Terroristen geschlachtet und geopfert. Es wurde so dargestellt, als wären Millionen von Geflüchteten nach Deutschland gekommen, um hier nur mordend und vergewaltigend durch die Straßen der Städte zu ziehen und dabei Menschen auszurauben. In einer Nacht wurde aus Geflüchteten medial eine Horde aus jungen Männern, die sexuell unbefriedigt und alleine seien und deswegen tendenziell mehr dazu neigen würden, Sexualstraftaten zu begehen.

Seit Silvester 2015 wird diskutiert, inwieweit die „Vergewaltigungskultur“ mit der Herkunft der Geflüchteten zusammenhängen würde und wieso diese mutmaßlichen Straftäter, die sie angeblich alle seien, das Gastrecht, das ihnen vom deutschen Staat erteilt werde, so missbrauchen würden. Von den Sexualstraftätern in Köln wurde auf alle Geflüchteten geschlossen, vor allem alle aus Nordafrika, später von der Kölner Polizei als „Nafris“ bezeichnet. Es gab 2015 über 130 mit Raub zusammenhängende sexuelle Übergriffe auf Frauen in Köln. Aber man wird das Gefühl nicht los, als würde jeder jemanden kennen, die von einem Flüchtling sexuell belästigt wurde. Diese Aussage soll nicht die Tat legitimieren oder die Täter vor einer Bestrafung schützen, sondern lediglich darauf aufmerksam machen, dass ein einige Hundert faule Äpfel nicht für Hunderttausende in einem Korb stehen dürfen! Die Täter müssen bestraft werden, keine Frage! Aber nicht selten liegt es an dem von Parteien und Medien vermittelten Bild, was in der deutschen Bevölkerung für Unsicherheit sorgt und von rassistischen und rechtspopulistischen Strömungen benutzt wird, um Angst und Unsicherheit in der Gesellschaft zu befestigen!

Willkommenskultur adé

Die Geflüchteten, deren Leid und Elend nur wenige Menschen in Europa mitbekommen, wurden 2015 noch mit offenen Armen in den Bahnhöfen empfangen. Es wurden bundesweit Projekte gestartet gegen Rassismus, für ein solidarisches Miteinander und um den Geflüchteten eine Hilfeleistung bieten zu können. Wo der Staat scheiterte, waren Millionen ehrenamtliche Helfer bereit, mit anzupacken. Doch auch diese können das Loch nicht stopfen, das durch die fehlende politische Leistung entstanden ist. Statt sich dem Problem wirklich anzunehmen, pochten politische Vertreter gegen offene Grenzen, durch die unkontrolliert Massen an Geflüchteten gekommen seien und forderten, diese zu schließen. Auch in den Zeitungen und Fernsehsendern wurden diese Ereignisse begleitet.

Jedoch schwankte seit Anfang des Jahres 2016 die allgemeine Berichterstattung immer mehr in die Richtung der rechten Kommentatoren auf den Seiten dieser Medien. Obwohl sie weiterhin wesentlich differenzierter ist, als diese Hetzkommentatoren in den sozialen Netzwerken, neigen auch diese immer wieder dazu, dem rassistischen und nationalistischen Druck nachzugeben und positionieren sich in der gleichen Ecke.

Nach dem Weihnachtsmarktanschlag in Berlin sendete das Erste eine Dokumentation mit dem Titel „Der Silvester – Schock, eine Nacht verändert Deutschland“. Interessant war die Frage, um die es ging: Wieso werden nicht so viele Menschen abgeschoben, wie es sollte? Als wären Abschiebungen wirklich die richtigen Maßnahmen, um einer Radikalisierung in Deutschland entgegenzutreten! Strafen für Täter – JA, aber nicht auf Kosten gesamter gesellschaftlicher oder kultureller Gruppen!