(Soziale) Kältewelle in Europa

Alev Bahadir

Die letzten Wochen waren nicht nur in Deutschland besonders hart. In ganz Europa fielen die Temperaturen in zum Teil zweistellige Minusgrade. Besonders kalt wurde es für die Menschen in Bayern, Polen, Tschechien, der Türkei und Griechenland. Wo so eine Kälte für Menschen, auf die ein warmes Zuhause wartet, schon anstrengend genug ist, trifft es diejenigen, die keine beheizte Wohnung haben oder gar auf der Straße leben müssen, viel härter.

Manchen kostete die jüngste Kältewelle sogar das Leben. Zahlreiche Menschen, vor allem Obdachlose, sind in diesem Jahr bereits erfroren. Allein in Polen waren es 30 Menschen. Nimmt man den Zeitraum ab dem 1. November, gab es laut dem polnischen Krisenzentrum RCB insgesamt 65 Tote. Auch in Tschechien, Italien oder der Türkei kam es zu zahlreichen Todesfällen.

Besonders qualvoll ist der Fall der Temperaturen für Geflüchtete. Für diejenigen, die sich in Deutschland und Serbien in unbewohnten, unbeheizten Häusern verstecken und jene, die in den Zeltcamps an Grenzen und auf den griechischen Inseln ums Überleben kämpfen. Momentan befinden sich knapp 15 000 Geflüchtete auf den griechischen Inseln. Meist leben sie dort unter den härtesten Bedingungen. Nicht selten übernachten sie in unbeheizten Zelten, die eher für einen Campingausflug im Sommer geeignet sind, als Menschen bei Minusgraden zu beherbergen. Auch gibt es kaum die Möglichkeit überhaupt an warmes Wasser oder ähnliches heranzukommen. Im Auffanglager „Moria“ auf Lesbos, wo zurzeit etwa 2500 Geflüchtete untergebracht sind, gibt es kaum Heizmöglichkeiten. Nur Holzöfen in der Kantine, die nicht annährend ausreichend sind, um so viele Menschen zu erwärmen. Besonders nachts wird die Lage umso schwieriger, so dass zahlreiche Geflüchtete im Zentrum der Stadt nach Orten suchen, in denen sie sich aufwärmen können.

Dass die Lage der Geflüchteten in Europa menschenunwürdig ist und bei weitem mehr Geld in die Geflüchtetenabwehr als in deren Versorgung gesteckt wird, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Doch wie kommt es, dass in europäischen Ländern, dem Mittelpunkt der westlichen Welt, Menschen erfrieren können?

Zwar sind in der neuesten Kältewelle keine Menschen in Deutschland erfroren, unwahrscheinlich ist es jedoch nicht. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. waren 2014 335.000 Menschen wohnungslos. Diese Zahl ist nicht eindeutig und aktuellere Zahlen gibt es nicht, da es keine gesetzlich geregelten Erhebungen zu den genauen Zahlen gibt. Dies sind also nur Schätzungen. Als wohnungslos gelten in Deutschland Menschen, die überhaupt keinen Wohnsitz haben, also obdachlos sind, aber auch jene, die ohne Mietvertrag in staatlich finanzierten Wohnungen leben, in Heimen oder bei Verwandten untergekommen sind.

Laut den Schätzungen der BAG Wohnungslosenhilfe sind von den 335.000 29.000 Kinder, 86.000 Frauen und 220.000 Männer betroffen. 31 % dieser haben einen Migrationshintergrund. Die Zahl sei in den vergangenen Jahren gestiegen und ein Anstieg auf über eine halbe Million Menschen bis zum Jahr 2018 sei zu erwarten, prognostiziert die BAG Wohnungslosenhilfe. „Wir müssen leider davon ausgehen, dass das Wachstum der Wohnungslosigkeit zwischen 2012 und 2014 unseren früheren Prognosen entsprochen hat und die Zukunft noch düsterer aussieht“, so Thomas Specht, Geschäftsführer der BAG Wohnungslosenhilfe, in einer Pressemitteilung. Laut dem Verein liegt die Zahl jener, die in keiner Wohnung oder Heim leben, also der Obdachlosen, in der BRD bei 39.000 Menschen.

Kaum zu glauben ist, dass in einem der reichsten Länder der Welt, wie der BRD, knapp 40.000 Menschen auf der Straße leben müssen. Dabei sehen wir sie alltäglich. Es sind die, die sich Lager unter Brücken oder in öffentlichen Parks bauen, die in Banken oder Passagen übernachten. Bei einer Anfrage der 22 im Bundessozialministerium, bezog dieses sich auf die Zahlen des BAG. Während für die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe die Gründe für die hohe Zahl an Wohnungslosigkeit klar sind, versucht sich das zuständige Ministerium jedoch herauszureden. In der offiziellen Antwort heißt es: „Wohnungslosigkeit liegt vielfach nicht in fehlendem Wohnraum begründet, sondern hat in der Regel eine Reihe anderer sozialer und zum Teil auch psycho-sozialer Ursachen“. Winfried Uhrig, der Vorsitzende des Vereins sieht die Sache etwas anders: „Mehrere Faktoren sind maßgeblich für den dramatischen Anstieg der Wohnungslosenzahlen: Dazu gehört das unzureichende Angebot an preiswertem Wohnraum in Verbindung mit dem ständig schrumpfenden sozialen Wohnungsbestand, dem nicht durch Neubau und soziale Wohnungspolitik gegengesteuert wurde und wird“. Weiterhin gibt die BAG an, dass es eine Millionen weniger Sozialwohnungen gibt, als noch im Jahr 2002. Dazu werden noch Gründe, wie die Veräußerung staatlicher Wohnungsbestände an private Investoren, die damit verbundene Gentrifizierung, der Mangel an dringend benötigten Kleinwohnungen (1-3 Zimmer), die steigende Armut, durch den Niedriglohnsektor und Hartz IV, mangelnde Fachstellen zur Prävention von Wohnungslosigkeit, sowie zu wenige Unterkünfte für Obdachlose, benannt.

Die Auswirkungen von prekärer Beschäftigung und der steigenden Gentrifizierung, besonders in Ballungsräumen, fordern in diesen Tagen ihren Tribut. Willkürlich steigende Mieten sind in den attraktiven Großstädten keine Seltenheit mehr. In Berlin, der Stadt mit dem stärksten Zuzug, aber auch den niedrigsten Löhnen, sind die Mietpreise in den vergangenen zwölf Jahren um 35,5 % im Westen bzw. sogar um 83,3 % im Osten gestiegen. Vorher unattraktive Viertel werden saniert und aufgewertet, doch damit steigen die Mietpreise um ein Vielfaches, was sich zahlreiche Bürger nicht (mehr) leisten können und aus ihrem Lebensraum vertrieben werden. Was in Berlin gilt, kann auf nahezu jede deutsche Großstadt übertragen werden. Bezahlbarer Wohnraum ist kaum noch zu finden und längst eine Mangelerscheinung geworden. Dies verbunden mit dem niedrigen Einkommen bzw. Arbeitslosengeld, kann schneller, als man erwarten würde, jemanden in die Obdachlosigkeit treiben. So leben wir in einer Gesellschaft, in der der Staat nicht einmal annährend die minimalsten Bedürfnisse der Ärmsten bedienen möchte. Die Menschen, die auf der Straße schlafen und an der Kälte erfroren sind, sind demnach weniger die Opfer der Kältewelle, als einer „sozialen Kälte“.