10. Kultur- und Literaturtage in Hamburg veranstaltet

Emre Ögüt

Vom 10. – 12. Februar veranstaltete der Arbeiter- und Jugendverein Hamburg zum bereits 10. Mal ihre Hamburger Kultur- und Literaturtage in der Heinrich-Wolgast-Schule, welche von insgesamt 500 Menschen verschiedener Herkunft besucht wurden.

Am ersten Tag war die Mehrzweckhalle rappelvoll, denn die Berliner Schauspielgruppe „Theater 28“ führte ihr Stück „Sınır“ (Grenze) auf, in der sie die Geschichte zweier sich gegenüberstehender Grenzsoldaten erzählt, die zwar durch eine Grenze voneinander getrennt, aber durch ihre über die Wehrpflichtzeit entwickelte Freundschaft und ihre Gemeinsamkeiten miteinander verbunden fühlen. „Wir hätten auch ein Stück spielen können, in dem zehn Soldaten aufeinander schießen; aber solche Geschichten kennen wir alle schon“, so Ufuk Güldü, einer der Darsteller, in der anschließenden Podiumsdiskussion. Die Gruppe wollte mit ihrem Stück den Faktor Mensch in den Kriegen hervorheben und insbesondere zeigen, dass die Kriege im Interesse der Reichen fernab von jenen jungen Menschen entschieden und geführt werden, die dafür ihr Leben lassen. In der Hoffnung, dass keiner von uns einen Krieg miterlebt, schlossen die Schauspieler unter brausendem Applaus ihre Diskussion.

„Das Wort hat die Jugend“

Nach der Eröffnung am folgenden Tag durch die Vorsitzende der DIDF-Hamburg, Dilan Baran, wurde der diesjährige Ehrengast Tonguc Baykurt auf die Bühne gebeten. Der Gewerkschafter Hüseyin Yilmaz lobte Baykurt für seine kontinuierliche Hilfe und Unterstützung der Kultur- und Literaturtage sowie der letztes Jahr zum ersten Mal veranstalteten Kinotage und überreichte ihm den Ehrenpreis.

Darauf folgend referierte ein Vertreter von der DIDF-Jugend Hamburg über die Kraft von Medien und Literatur in der politischen Arbeit und hob infolge dessen die Bedeutung der kritischen und linken Medien hervor, bevor er im Rahmen einer Neuheit für die Hamburger Kultur- und Literaturtage Baran Özdemir zur Vorlesung seiner Kurzgeschichte auf die Bühne bat; denn die DIDF-Jugend Hamburg führte mit ihrem Programmteil zum ersten Mal ein „Open-Mic“ ein. So konnte jeder, der wollte, die Möglichkeit nutzen, um etwas vorzutragen oder vorzuspielen.

Wertschätzung der Literatur

Der immer wieder gerne gesehener Gast der Kultur- und Literaturtage Schauspieler Michael Weber trug gemeinsam mit Sylvia Wempner Bertolt Brechts „Flüchtlingsgespräche“ vor. Zum Abschluss des Tages erzählte die Autorin und Soziologin Oya Baydar unter dem Titel „Wir sind wie Skorpione, liebe Geschwister…“ von ihrer Einschätzung der Lage der Türkei über ihren eigenen Werdegang bis hin zu ihrer persönlichen Wertschätzung der Literatur.

Schließlich leitete den traditionell am stärksten besuchten Tag, den Sonntag, Vorstandsmitglied der DIDF-Hamburg und Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft Deniz Celik mit einer Rede ein. Celik prangerte die Angstpolitik, die von den wahren Problemen der Menschen ablenkt, an. Als Antwort darauf unterstrich er die Bedeutung von Kultur als eine Lebens- und Hoffnungsquelle für werktätige Menschen, bevor er dann die Besucher über die kommenden Veranstaltungen in Hamburg informierte, insbesondere über die Aktionen gegen den G20-Gipfel.

Im Anschluss führte die Journalistin Nuray Sancar unter der Moderation von Düzgün Altun eine Podiumsdiskussion zum Thema Islam, Laizismus und Demokratie durch. Ihrer Einschätzung nach durchleben wir eine Phase, in der das Kapital eine sehr aggressive und radikalere Haltung einnimmt und an Stelle von Parlamentarismus in Richtung Ein-Mann-Systeme tendiert, wie es in den USA und der Türkei geschieht. Allerdings sieht Sancar im anstehenden Verfassungsreferendum in der Türkei eine realistische Chance auf ein „Nein“, weshalb sie dazu aufrief, den politischen Kampf in Betriebe und Stadtteile zu tragen.

Diese Notwendigkeit sieht auch der „Hürriyet“ Journalist Ismail Saymaz, der aufgrund seiner Entfernung zum Alltag der werktätigen Menschen bereits Probleme habe, seine eigene Familie von etwas zu überzeugen. In seiner zweiteiligen Diskussion über Arbeitsunfälle und den Journalismus in der Türkei schilderte er unter anderem, wie Angehörige von Arbeitsunfallopfern sich organisieren, da der Staat den fahrlässig handelnden Unternehmern den Rücken stärke statt der ihren; wie es sich anfühlt, als kritischer Journalist in Visier der Regierung und seiner treuen Medienanstalten zu stehen und wie sich aus Angst vor Repressalien unlängst eine Selbstzensur in den Köpfen der Journalisten durchgesetzt hat. Mit einer Fragerunde endete auch diese Diskussion und damit die zehnten Hamburger Kultur- und Literaturtage.