Deutsch-türkischer „Beziehungskrieg“ auf Kosten der Kinder

Yücel Özdemir

Die deutsch-türkische Freundschaft reicht bis ins 11. Jahrhundert zurück. In dieser Zeit erlebten beide Länder Höhen und Tiefen. Am Gipfel befand sich die Beziehung zweifelsohne mit dem ersten Weltkrieg als „Waffenbrüder“ und der gemeinsamen Niederlage. Die intensive Annäherung wurde nach Fürst Bismarck von Kaiser Wilhelm II fortgeführt und der deutsche Einfluss auf die Türkei verstärkte sich spürbar in der Regierungszeit von Talat Pascha und Enver Pascha gegen Ende des Osmanischen Reiches.

Deutschlands Einflussnahme auf das osmanische Reich in allen Bereichen vom Militär bis zur Industrie schwand mit der gemeinsamen Niederlage im ersten Weltkrieg, ganz verloren ging sie nie. Erst nach dem erfolgreichen „Befreiungskrieg“ der Türken und der Republikgründung Anfang der 1920`er Jahre nahm sie wieder zu. Pläne, auch im zweiten Weltkrieg an der Seite des faschistischen Hitlerdeutschlands als „Waffenbrüder“ in den Krieg zu ziehen, wurden durch diplomatische Manöver der Briten und Franzosen verzögert.

Dennoch war die Türkei nicht im Stande, die Beziehungen zum faschistischen Hitlerdeutschland gänzlich abzubrechen. Einerseits gewährte man Intellektuellen, Akademikern und Künstlern im Exil Zuflucht, andererseits pflegte man weiterhin wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen zum Hitlerregime. Erst im Laufe des Jahres 1940 fror man wegen Versprechungen der Franzosen und Engländer die Beziehungen ein. Hitlers Reaktion war hart und er stoppte alle Rüstungsgeschäfte mit der Türkei.

Die militärischen Erfolge des Hitlerfaschismus in den ersten Jahren des Krieges an der Westfront stimmten die Türkei bedenklich. Die Wehrmacht versprach der Türkei für eine Durchgangserlaubnis auf dem Weg zum persischen Golf einst verlorengegangene osmanische Gebiete zurück. Doch dieses „attraktive“ Angebot ließ der damalige Ministerpräsident İnönü nur noch mehr zögern. Die türkische Regierung wartete mit ihrer Antwort und als die Briten den Süden des Iraks und des Irans besetzten, wurde die Durchgangserlaubnis endgültig verweigert. Nach der Niederlage des faschistischen Hitlerdeutschlands und dem Verlust seiner weltweiten Einflussnahme, haben bis zum heutigen Tag die USA den bestimmenden Part in der türkischen Politik übernommen. Doch deutsch-türkische Beziehungen wurden nie abgebrochen.

Die Welle der Gastarbeiter als Neuanfang

Am 30. Oktober 1961 wurde in Bonn ein Anwerbeabkommen unterzeichnet, da Deutschland nach billiger Arbeitskraft suchte. Die deutsch-türkischen Beziehungen nahmen somit erneuten Schwung. Seit diesem Zeitpunkt spielen die türkischstämmigen Arbeiter und Arbeitskräfte in Deutschland eine bedeutende Rolle in den bilateralen Beziehungen. Seither hat jede Regierung im Sinne ihrer eigenen Interessen die Sorgen und Nöte der unter schweren Bedingungen arbeitenden und ungleicher Behandlung ausgesetzten Industrie – und Metallarbeiter ausgenutzt, die Probleme aber nie von Grund auf gelöst. Im Laufe der Zeit ließen sich die „Gastarbeiter“ in Deutschland nieder, neue Generationen wuchsen heran und wurden ein Teil Deutschlands. Für viele blieb die Türkei erste Heimat und Deutschland wurde die Zweite. Die Türkei versuchte immer, diese zweite Heimat in eine Diaspora umzuwandeln. Die Ereignisse der vergangenen zwei Wochen sind eigentlich nur die konsequente Fortführung dieses Gedankens.

Die Idee, im Ausland und insbesondere in Deutschland auf Wählerfang zu gehen, zielt darauf ab, die jüngeren Generationen, die zu einem festen Teil Deutschlands geworden sind, für die türkische Regierung (wieder) zu gewinnen. Man kann sagen, dass die Anstrengungen der Türkei, die Kontrolle über sie zu erlangen, unter der AKP-Herrschaft systematisch betrieben wird. So werden neue Behörden und Organisationen ins Leben gerufen und die entsprechenden Gelder bereitgestellt.

Wir sind wie Kinder, die unter den Streitereien ihrer Eltern leiden

Wenn die AKP im Ausland für das Referendum wirbt und Deutschland sich dagegen stellt, dann geht es in Wirklichkeit darum, wer seinem politischen Einfluss auf die türkeistämmigen Migranten Geltung verschafft. Und dabei wird seit einiger Zeit mit harten Bandagen gekämpft.

Für uns, die hier in Deutschland leben und einen deutschen oder türkischen oder gar beide Pässe besitzen, gleichen die Kämpfe einem Ehestreit von Vater und Mutter kurz vor der Scheidung. Zugespitzt gesagt: noch vor dem Trennungsjahr streiten sich beide Elternteile bereits um das Sorgerecht ihrer türkeistämmigen deutschen Kinder. Für uns ist es unbegreiflich, warum ein derart lauter Streit über uns geführt wird. Deswegen gleicht unser seelischer Zustand dem eines Kindes, das zwischen dem Streit seiner Eltern hin – und hergerissen ist.

Einige von uns glauben, dass das Land aus dem wir stammen, im Recht ist, andere verteidigen das Land, in dem wir leben. Manch einer brüllt einfach nur noch: „Es reicht! Hört mit der Streiterei auf!“ Doch keiner schenkt dem Gehör. Am schlimmsten betroffen von diesem Streit sind diejenigen, die sich aufgrund der doppelten Staatsbürgerschaft beiderseits verbunden fühlen. Also jemand wie Deniz Yücel. Wer die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, hat nicht die Möglichkeit, zu schreien: „Lasst mich in Ruhe!“. Denn beide Seiten haben sich an einen geheftet und erheben umso deutlichere Ansprüche.

„Kinder“ müssen eine Lektion erteilen

Niemand glaubt daran, dass alle Stricke endgültig reißen und die Eltern sich scheiden werden, nicht einmal die Eltern selbst. Wie so oft werden sie sich am nächsten Tag wieder ins gemeinsame Bett legen und ruhen. Doch was ist mit den Kindern, auf deren Rücken sie so erbarmungslos gestritten haben? Jeder Streit verletzt und hinterlässt tiefe Spuren. Aus diesem Grund sind die eigentlichen Leidtragenden der deutsch-türkischen Auseinandersetzungen die heute in Deutschland lebenden drei Millionen Türkeistämmigen. Leider wurde bis heute nichts aus den Streitereien gelernt. Bei jedem Streit und jeder Auseinandersetzung wiederholen sich die Szenarien. Das einzige, was jetzt getan werden kann, ist das gemeinsame Leben unter einem Dach weiterzuführen und den Streithähnen zu sagen: „Lasst uns in Ruhe!“.

Andernfalls werden beide Seiten nicht damit aufhören, uns zu bedrängen, zu prügeln und in ihrem Würgegriff zu halten. Der jüngste Streit hat das den Deutsch-Türken deutlich vor Augen geführt.

Übersetzt und gekürzt von Ceyda Tutan