Weltfrauentag – nötiger denn je

Bahar Güngör-Candemir

Der 8. März, der internationale Weltfrauentag ist vorbei. Angesichts der politischen Entwicklungen und des Umstandes, dass im Jahr 2017 Frauen in Deutschland weiterhin knapp 20 % weniger verdienen, als Männer, ist dieser Tag noch immer hoch aktuell. Doch nicht nur die Entgeltlücke zeigt die Benachteiligung der Frau, sondern auch der Umstand, dass die Zahl der Gewalttaten an Frauen noch immer erschreckend hoch ist.

Körperliche Gewalt – kein Einzelphänomen

Beginnen wir mit den „hard facts“. Den Fällen von Gewalt an Frauen, die klar erkennbar sind: die körperliche und sexualisierte Gewalt an Frauen. Dass besonders häusliche Gewalt keine Ausnahme, sondern traurigerweise schon fast die Regel ist, benennt die Frauenrechtsorganisation „Terres des Femmes“ wie folgt: „Häusliche Gewalt ist die häufigste Ursache von Verletzungen bei Frauen: häufiger als Verkehrsunfälle und Krebs zusammengenommen“. In Deutschland hat jede vierte Frau bereits häusliche Gewalt erlebt. Jährlich suchen mehr als 45000 Frauen mit ihren Kindern Schutz in Frauenhäusern. Genauso ernüchternd ist die Zahl der sexuellen Übergriffe auf Frauen.“ Terres des Femmes erklärt weiter: „Jede siebte Frau musste in ihrem Leben schon einmal eine Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung erleben“. Auch sexualisierte Gewalt geschieht vorwiegend im eigenen Haus und weniger durch Fremde. Zwar erstreckt sich die häusliche bzw. sexualisierte Gewalt über alle Einkommensgruppen hinweg, jedoch sind es besonders Frauen aus einkommensschwachen Verhältnissen, die zumeist auch finanziell von ihren Männern abhängig sind und deshalb den Schritt, diese zu verlassen oder gar anzuzeigen, nicht wagen.

Der Körper der Frau – Spielball der Rechten

Vergewaltigungen, sexuelle Belästigung und körperliche Gewalt sind keine Sache, die es erst seit zwei Jahren in Deutschland gibt. Doch verfolgt man die Medien und hört der Polizei oder Rassisten und Rechten zu, könnte man genau das glauben. Seit der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof ist vor allem ein Feindbild entstanden: Geflüchtete. Jeder Angriff bzw. sexueller Übergriff auf eine Frau ist zu verurteilen und die Schuldigen wegzusperren, doch mit Rassismus darauf zu antworten, ist ja wohl kaum der richtige Weg. Denn kaum haben wir uns versehen, da spielten sich Politiker der AfD plötzlich als die Beschützer der Würde der Frau auf. Die AfD, die so ziemlich das rückständigste Frauenbild vertritt, das es gibt, die am liebsten 150 Jahre Frauenbewegung wegradieren würde und Frauen am liebsten wieder zurück an den Herd schicken und ihnen vorschreiben würde, wie viele Kinder sie zu bekommen habe, will die Würde der Frauen beschützen? Nein, danke!

Auch die Polizei ist da nicht viel besser. Beim diesjährigen Kölner Karneval gab es über 30 sexuelle Übergriffe auf Frauen. Als eine junge Frau, die angegriffen wurde, der Polizei berichtete, dass die Täter weiß waren, reagierte die Polizei damit, dass sie sie immer wieder fragten, ob es nicht doch Nordafrikaner gewesen wären. Kein Wunder, schließlich hat die Kölner Polizei an Silvester letzten Jahres, mit ihrem „Racial Profiling“ sowie der öffentlichen Benutzung des Begriffes „Nafri“, ihre rassistischen Vorurteile geoutet und bestätigt.

Indem Rassismus als Antwort auf Sexismus eingebracht wird, ist das nicht nur zutiefst unfair für die betroffenen Gruppen. Das eigentliche Problem, die strukturelle Gewalt gegen Frauen, wird dadurch relativiert. Es wird nur als ein Problem von bestimmten Gruppen und nicht einer gesamten Gesellschaft gesehen.

Gewalt hat viele Facetten

Gewalt an Frauen ist nicht nur die Hand, die gegen sie erhoben wird. Da ist noch so viel mehr. Frauen scharenweise in Textilfabriken in Bangladesch und anderen Teilen der Welt in einer Fabrik einzusperren, sie für einen Hungerlohn unsere Pullover herstellen zu lassen, daraufhin die Tür abzusperren, damit sich keine von ihnen unerlaubt entfernt und sie dann kläglich bei lebendigem Leibe verbrennen zu lassen, ist nichts anderes als Gewalt. Die Arbeitskraft von Frauen wird auf eine ganz besonders brutale Art und Weise ausgebeutet. Denn den Fabrikbesitzern ist klar, dass diese Frauen jeden Cent brauchen, um ihre Existenz zu sichern und sich, wenn nötig, auch in so gefährliche Arbeitsverhältnisse begeben. Nie hätten sich Männer in diese Fabriken einsperren lassen.

Wenn in einem der mächtigsten Länder der Welt der Präsidentschaftskandidat Sätze, wie „Fass ihr an die Muschi“ bringen kann und dann dafür gefeiert und sogar noch gewählt wird, ist das ein Zeichen dafür, wie akut der Sexismus in dieser Gesellschaft ist. Wenn man ein ganzes Geschlecht systematisch herabwürdigt, ist das Gewalt.

Ein gesellschaftliches Problem

Um das klarzustellen. Jeder Mann, der eine Frau schlägt, sie vergewaltigt oder psychisch misshandelt, ist schuld und sein Verhalten ist nicht zu entschuldigen. Dennoch ist diese Gewalt vom System legitimiert. Ob in der Arbeitswelt, im Privaten, beim Autofahren usw. Auch im Jahr 2017 wird uns immer noch weisgemacht, dass die Frau einfach weniger wert ist, als ein Mann. Oder dass sie das Eigentum ihres Mannes, des Vaters, Bruders oder wessen auch immer ist. Klar, in der westlichen Welt kommen eher selten Männer und sagen: „Weib, du bist mein. Bleib zuhause“. Doch nur weil sich an der Oberfläche etwas verändert hat – und das geschah nur durch Jahrzehnte, in denen mutige Frauen und Männer für die Frauenrechte kämpften – bedeutet es nicht, dass das Fundament sich auch verändert hat. Denn auch heute noch leben wir in einer männerdominierten Gesellschaft. Und in solchen Gesellschaften geht die Gewalt vom Dominierenden gegen den Unterdrückten aus. Deshalb ist es umso wichtiger, Gewalt da zu sehen, wo sie ist und gemeinsam mit gleichgesinnten Männern entschieden gegen Gewalt an Frauen einzustehen. Um all jenen zu antworten, die sich fragen oder gar bezweifeln, ob der internationale Weltfrauentag noch aktuell ist und noch benötigt wird: Ja, solange, bis Frauen endlich das gleiche wie Männer verdienen, nicht länger der brutalsten Form der Ausbeutung ausgesetzt sind und nicht länger um ihr Leben fürchten müssen.