Mann = Arithmetik — Frau = Grammatik ?

Pinar Aki

Die Annahme, dass Mädchen besser lesen und schreiben können und die Jungen dafür besser in Naturwissenschaften sind, vor allem in Mathe besser abschneiden, gibt es schon seit vielen Jahrzehnten. Irgendwann einmal wurde solch eine Hypothese aufgestellt und seither ist es in den Köpfen unserer Gesellschaft fest verankert. Sogar Schülerinnen rechtfertigen ihre Misserfolge z.B. in Mathe oft mit dieser Annahme. Auch für die Lehrkräfte ist es oft der einfachste Weg, schulische Leistungen  so zu beurteilen. So einfach ist das aber nicht!

Nach einer Studie des Deutschen Instituts für internationale pädagogische Forschung (DIPF) fällt der Einfluss des Geschlechts auf die Leistungen von Schulkindern je nach sozialer Herkunft unterschiedlich aus. Verallgemeinernde Aussagen über den Bildungserfolg von Jungen und Mädchen greifen also zu kurz, da deren Leistungsunterschiede sozial bedingt variieren. Jungen und Mädchen sind keine homogenen sozialen Gruppen, von daher muss man mit generalisieren Aussagen zum Bildungserfolg nur aufgrund des Geschlechts vorsichtig sein. 

Die Forscher vom DIPF untersuchten Daten von 3935 SchülerInnen aus der sechsten Klasse von knapp 90 öffentlichen berliner Grundschulen. Sie konzentrierten sich auf die Ergebnisse von Leistungstests in Lesen, Mathematik und Englisch sowie auf die Angaben der Eltern zu ihrem sozioökonomischen Status in Fragebögen. Das Team errechnete anschließend mittels statistischer Regressionsanalysen die Beziehung zwischen den Variablen. Die Ergebnisse bestätigen zunächst die bekannten Befunde, dass Mädchen im Lesen und in Sprachen, Jungen in Mathematik besser abschneiden. „Der Effekt der Geschlechtszugehörigkeit wird jedoch durch den sozioökonomischen Status der Jungen und Mädchen moderiert“, so Forscherin Lühe. Das bedeutet, dass die Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern je nach sozialem Hintergrund unterschiedlich ausfallen – in allen drei getesteten fachlichen Bereichen. Ein weiterer Befund: Im Vergleich mit den Mädchen ist bei den Jungen der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und der Leistung größer. Ihre Leistungen steigen also bei einem höheren sozioökonomischen Status stärker an und fallen umgekehrt bei einem niedrigeren Status deutlicher ab.

Mathematische Kompetenzen werden weder genetisch übertragen werden, noch ist es das Gesetz der Natur, dass es eine männliche Begabung ist. Einem Embryo kann man nicht die Zukunft aus den Ultraschallbildern ablesen. Es ist also falsch, einen Menschen durch Rollenzuschreibungen und Vorurteilen auf eine entsprechende Bahn zu lenken. Mit den Leistungen in der Schule ist es wie mit den Spielsachen im Kaufhaus. Für Mädchen sind es rosa Puppen und für Jungen sind es blaue Autos oder eben „Jungen können rechnen und Mädchen können lesen und schreiben“. Richtig ist es, dass man diese Bildungs- und Leistungsunterschiede aus sozio-ökonomischem Blickwinkeln betrachtet.