Wem die Stunde schlägt – Grenzenlose Solidarität in Zeiten des Spanischen Bürgerkriegs

Moritz Gailus

Vor 80 Jahren befand sich Spanien auf der Höhe eines blutigen Bürgerkriegs. Mittendrin befindet sich ein junger Amerikaner, der Held von Hemingways Wem die Stunde schlägt. In diesem Frühling jährt sich zudem eines der bis dahin größten Kriegsverbrechen unter deutscher Regie. Ein Roman über internationale Verbundenheit – im Guten wie im Schlechten.

Immer und immer wieder tauchen sie am Horizont auf, die baskische Kleinstadt zum Ziel. Welle für Welle werfen sie ihre todbringende Last ab. Es ist später Nachmittag, die Sonne steht bereits tief, als die ersten Kampfgeschwader der deutschen Luftwaffe Guernica im Norden Spaniens erreichen. Noch bevor die Nacht des 26. Aprils 1937 anbricht ist ein Großteil der Stadt durch die Bomben verwüstet, die ausufernden Brände tun ihr übriges. Am folgenden Tag werden die Ausmaße sichtbar: 80 Prozent der Stadt sind zerstört, mehrere Hundert Einwohner sterben.

Vielleicht zur gleichen Zeit, an anderer Stelle, aber dafür ebenso verwoben mit den Geschehnissen des Spanischen Bürgerkriegs, befindet sich der Amerikaner Robert Jordan. Er ließ sein geordnetes Leben in der amerikanischen Provinz hinter sich und wurde Teil der Internationalen Brigaden. Seite an Seite mit einer guten Handvoll spanischer Widerstandskämpfer verharrt er in den Bergen südlich von Segovia, in ständiger Furcht, vom Feind entdeckt zu werden.

Legion Condor ins Leben gerufen

Guernica steht wie kaum eine zweite Stadt für die Gräuel der Kriegsmaschinerie des Dritten Reiches. Unter Führung des Generals Franco vollführten Offiziere des spanischen Militärs 1936 einen Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung Spaniens – die faschistischen Staatsoberhäupter Italiens und Deutschlands, Mussolini und Hitler, sicherten ihrem Bruder im Geiste sogleich militärische Unterstützung zu. In Berlin wurde eigens für den Spanischen Bürgerkrieg die Legion Condor ins Leben gerufen, eine verdeckt agierende Einheit der Luftwaffe mit bis zu 10.000 Mann. Der Vorhang für die Generalprobe des bevorstehenden Weltkriegs war somit gefallen.

Doch so wie den Nationalisten um Franco internationale Unterstützung zuteilwurde, so stand auch der Widerstand nicht alleine da. Dem Amerikaner Robert Jordan gleich, zog es an die 60.000 weitere Kämpfer aus Nationen wie Frankreich, Italien oder Deutschland in die Reihen der Internationalen Brigaden – freiwillig und aus rein ideellem Antrieb. Viele unter ihnen waren Kommunisten und wollten die spanischen Arbeiter unterstützen, die schon früh eine Gegenbewegung zu den Putschisten gebildet hatten. Kräfte wie die Anarchisten, die für eine Revolution kämpften und die bürgerlichen Republikaner – ursprünglich erklärte Gegner – gingen Seite an Seite in einer Volksfront auf. Gemeinsam galt es, dem Faschismus Einhalt zu gebieten.

Grausige Verbrechen

Im Unterschlupf der Partisanen wartet Robert Jordan auf einen Befehl aus der Zentrale des Widerstandes. Als Sprengstoff-Spezialist bekam er den Auftrag, die nahegelegene Brücke zu passender Zeit zu zerstören, um den Vormarsch der Nationalisten zu verzögern. Mehrere Tage vergehen ohne Neuigkeiten. Vor dem Hintergrund des nahenden Feindes wächst die Anspannung in der Gruppe. Der offizielle Kopf der Bande Pablo fängt an, den Neuling sein Misstrauen spüren zu lassen. Roberto, so nennen ihn seine spanischen Mitstreiter, lernt in dieser Zeit aber auch die Geschichten seiner Leidensgenossen kennen, die vom Schmerz und Schrecken des Krieges zeugen.

Die prägenden Gestalten um Robert während seiner Zeit in den Bergen sind zwei Frauen – Pilar und Maria. Pilar ist die heimliche Anführerin der Gruppe, seitdem ihr Mann Pablo dem Alkohol verfallen ist. Sie berichtet von einem grausigen Verbrechen auf Seiten des Widerstandes, was sie merklich belastet und beweist, dass in diesem Krieg keine Seite ihre Unschuld behält.

So öffnet sich auch die zutiefst traumatisierte Maria gegenüber Robert und schildert, wie sie in die Fänge der Truppen Francos geriet und unvorstellbare Qualen erlitt. Sie musste die Hinrichtung ihrer Eltern an der Schlachthauswand des Dorfes miterleben.

Zu Kriegsverbrechen kam es auch andernorts: Nachdem die ersten Bomben Verheerendes in Guernica angerichtet hatten, flohen Bewohner vor dem Feuerinferno und den nächsten, sich bereits abzeichnenden Flugzeugen aus der Kleinstadt. Der Schandtaten gegen die Zivilbevölkerung noch nicht genug, beschossen die Besatzungen der Tiefflieger den Menschenstrom der verzweifelt Flüchtenden mit Maschinengewehren und ermordeten weitere Unschuldige.

Über die Brücke vor der Stadt zogen an den darauffolgenden Tagen die nationalistischen Truppen in Guernica ein und besiegelten das Schicksal des Ortes. Gelingt es Robert Jordan seine lebensgefährliche Mission auszuführen und zu verhindern, dass das feindliche Militär die Brücke in den Bergen passiert?


Das Schweigen ist zu spät gebrochen

Die Geschichte um die Person Robert Jordan ist Fiktion und in Wem die Stunde schlägt niedergeschrieben. Fesselnd, auch auf Grund der für Hemingway charakteristischen einfachen jedoch lebendigen Sprache, aber vor allem wegen der Einbettung des Schicksals Einzelner. Der Autor zeigt die menschliche Seite eines unmenschlichen Krieges. Ernest Hemingway, selbst zur Zeit des Krieges in Spanien gewesen, verarbeitet in dem Buch Erlebtes. Seiner ihm angedachten Rolle als neutraler Kriegsreporter wollte er nicht gerecht werden, bekannte klar Position und setzte sich gegen die Nationalisten ein.

Ein Jahrzehnt zuvor verließ er Paris nach einem jahrelangen Aufenthalt. Dort hatte er durch eine gemeinsame Freundin den bereits weltberühmten Maler Picasso kennen gelernt. Picasso sagte 1937 nach Ausbruch des Krieges, ein Künstler dürfe „(…) angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht gleichgültig halten.“ Daraufhin schuf er das Gemälde Guernica, welches die Stadt unmittelbar nach dem Angriff zeigen soll und zu den bekanntesten Werken Picassos gehört. Das Ereignis der Bombardierung Guernicas jährt sich in diesen Tagen zum 80. Mal. Sowohl Hemingways Roman, als auch Picassos Gemälde haben als bedeutende kulturelle Zeugnisse der Nachwelt eine Katastrophe im Gedächtnis gehalten, die noch immer im Schatten des zeitlich fast nahtlos anschließenden Zweiten Weltkriegs liegt. Auch die Verantwortung Deutschlands für die Beteiligung der Legion Condor an Verbrechen in Spanien zwischen 1936 und 1939 wurde in der Bundesrepublik lange verschwiegen. Erst 1997 bat der Bundespräsident Roman Herzog bei einem Spanienbesuch um Entschuldigung für die Bombardierung Guernicas. 1998 entschied der Bundestag nach intensiver Debatte, Bundeswehreinrichtungen fortan nicht mehr nach an der Legion Condor Beteiligten zu benennen. Eindeutig zu spät.