Die Kurden in Syrien sind nicht unsere Feinde

Yusuf KARATAŞ

Zunächst flogen türkische Kampfjets Luftangriffe gegen Rojava und Schangal. Danach wurden türkische Panzer und schweres Kriegsgerät in die Grenzregion verlegt. Später wurden die in der Region „aus Sicherheitsgründen aufgestellten Betonblöcke“ entfernt und Gräben ausgehoben. Und schließlich erklärte Staatspräsident Erdoğan, die türkischen Sicherheitskräfte könnten „über Nacht und unvermittelt einmarschieren“. Wer diese Entwicklungen als Außenstehender verfolgt, würde unweigerlich die Schlussfolgerung ziehen, zwischen der Türkei und den syrischen Kurden herrsche Kriegszustand.

Warum stecken wir im Kriegszustand mit den Kurden in Syrien? Haben sie der Türkei etwa den Krieg erklärt? Oder waren sie es, die türkische Soldaten gefangen nahmen und bei lebendigem Leibe verbrannten?

Oder haben sie etwa die zahlreichen Bombenanschläge in der Türkei verübt, denen Hunderte zum Opfer fielen?

Keins davon trifft zu. Ganz im Gegenteil: Die Kurden in Syrien, haben seit ihrer Machtübernahme im Jahre 2012 im Norden Syriens, also in Rojava, unzählige Male erklärt, dass sie keine Bedrohung für die Türkei darstellen. Sie beließen es nicht nur bei verbalen Erklärungen. Während es aus vom IS kontrollierten Gebieten in Syrien zahlreiche Übergriffe gegen die Türkei gab, gab es aus den von Kurden kontrollierten Gebieten keinen einzigen Übergriff.

Und mehr noch. Bei der Verlegung der von IS bedrohten Grabstätte von Schah Suleyman im Februar 2012 haben sie die türkische Seite unterstützt. Als türkische Soldaten Kobanê passierten, erhielten sie von Einheiten der PYD/YPG Geleitschutz.

Und wie erwiderte bzw. erwidert die Türkei diese freundschaftlich ausgestreckte Hand der Kurden in Syrien? Die Machthaber, die nichts gegen eine von IS und al-Nusra kontrollierte Grenze einzuwenden hatten, erklärten, die von Kurden in Syrien übernommene Grenzkontrolle sei „inakzeptabel“. Sie gewährten den dschihadistischen Banden Unterstützung bei deren Überfällen auf Kurden. Schließlich erklärte Erdoğan den Kurden in Syrien den Krieg.

Aber warum das Ganze? Die Antwort auf diese Frage geben sie selbst: „Wenn die Kurden in Syrien in Rojava ihre eigene Verwaltung aufbauen, werden auch unsere Kurden Ähnliches fordern. Bekanntlich hatten die Regierungssprecher die Beendigung des Lösungsprozesses damit begründet, man sei bei dem Versuch, die demokratischen Kantonverwaltungen der Kurden in Syrien zu vernichten, gescheitert.

Und woran erinnert diese Haltung der Machthaber gegenüber den Kurden in Syrien? Sie erinnert an einen Unternehmer, der die gewerkschaftliche Arbeit in einem Nachbarunternehmen verhindern möchte, damit die Belegschaft in seinem Unternehmen nicht auf ähnlich dumme Gedanken kommt! Die Antwort auf seine Pläne darf dann nicht lauten, dass die betroffene Belegschaft die Angriffe des eigenen Arbeitgebers auf die Kollegen im Nachbarbetrieb zu unterstützen. Vielmehr muss man sie bei ihrem gewerkschaftlichen Kampf unterstützen.

Ist es vorstellbar, dass die Kurden und andere Bevölkerungsgruppen in der Türkei in Frieden zusammenleben können, wenn dieses Land den demokratischen Kampf niederschlägt, den die Kurden in einem anderen Land gemeinsam mit Menschen aus anderen Nationalitäten führen?

Oder stellen wir uns einmal vor: Würden die Machthaber in der Türkei die Versuche der Kurden in Syrien zum Aufbau einer demokratischen Verwaltung als Bedrohung empfinden, wenn sie den Lösungsprozess nicht aufgekündigt und die Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben in der Türkei geschaffen hätten?

Wenn unsere Antwort auf diese Frage „Ja“ heißt, dann müssen alle türkischen, kurdischen Arbeiter und Werktätigen in der Türkei sich gemeinsam gegen die Kriegspolitik der türkischen Regierung stellen, damit ein friedliches Zusammenleben in ihrem eigenen Land ermöglicht werden kann.

Denn dieser Krieg ist nicht unser Krieg und die Kurden in Syrien sind nicht unsere Feinde!