Kurt Gossweiler, ein Widerstandskämpfer und Kommunist

Kurt Gossweiler ist am 17. Mai kurz vor seinem 100. Geburtstag verstorben. Er kämpfte in Berlin im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) gegen den Faschismus und desertierte 1943 von der Wehrmacht zur Roten Armee. Gossweiler war ein marxistischer Faschismusforscher.

In Andenken an Kurt Gossweiler bringen wir ein verkürztes Interview (das gesamte Interview auf kurt-gossweiler.de) , der Monatszeitschrift „Özgürlük Dünyasi“, die mittlerweile von der türkischen Regierung geschlossen wurde.

Gespräch mit Kurt Gossweiler in der Zeitschrift „Özgürlük Dünyasi“ (25. Februar 2005 http://kurt-gossweiler.de/?p=868 )

Özgürlük Dünyasi (in der Folge: ÖD): Das letzte Jahrhundert war ein Jahrhundert der großen Siege der Arbeiterklasse. Das letzte Jahrhundert war aber auch das Jahrhundert der größten Niederlage der Arbeiterklasse; der Sozialismus ist zusammengebrochen; … Wie Sie auch in Ihrem Buch (“Die Taubenfuß-Chronik”) schreiben, sind wir nun durch diese Niederlage mit einer “Menschheitskatastrophe” konfrontiert. Bevor wir auf die Hintergründe zu sprechen kommen, würde ich Doch gern zuerst von Ihnen als einem Mensch, der seit seinem 14. Lebensjahr für den Sozialismus kämpft, erfahren, wieso Sie immer noch daran festhalten, dass der Sozialismus keine Utopie ist? Woher schöpfen Sie Ihre Zuversicht bezüglich einer sozialistischen Zukunft?

Kurt Gossweiler: Es ist ja nicht so, dass ich als Kommunist zum ersten Mal eine schwere Niederlage erlebe. Zum ersten Mal musste ich 1933, mit dem Machtantritt der Nazis in Deutschland, mit einer langen nicht für möglich gehaltenen Niederlage fertig werden. Damals war ich gerade 15 Jahre alt, also von Festhalten an meiner kommunistischen Überzeugung aus “Altersstarrsinn” konnte damals keine Rede sein. Aber für uns Jungkommunisten kam eine Kapitulation vor dem Faschismus ebenso wenig in Frage, wie ich heute, 70 Jahre älter als damals, mich denen anschließen könnte, die aus dem zeitweiligen Sieg der Konterrevolution die Schlußfolgerung ziehen, wir hätten für die falsche Sache gekämpft. Was uns damals weiterkämpfen ließ, hatte den gleichen Grund wie heute. Wir hatten im Jugendverband – vor 1933 und nachher, in der Illegalität -, gründlich Marx, Engels und Lenin studiert- wie das Kommunistischen Manifest, Engels‘ Ursprung der Familie und des Privateigentums”, Lenins Imperialismusanalyse, “Staat und Revolution” und “Der Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus”-, und wir hatten das begeisternde Vorbild der Sowjetunion vor uns. Wenn man begriffen hat, dass der Marxismus-Leninismus wirklich eine Wissenschaft ist, die die Geschichte nicht als eine Anhäufung von Zufälligkeiten betrachtet, sondern als einen Prozess, dem Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung zugrunde liegen, und wenn man um die Widersprüche weiß, die den Kapitalismus in immer tiefere Krisen und schließlich seinem Ende entgegentreiben, dann können einen auch Rückschläge nicht umwerfen. 1916 schrieb Lenin in seiner Arbeit über die Junius-Broschüre – und das immer im Kopfe zu haben, ist gerade für Revolutionäre ganz wichtig -: “Zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig.“” (Lenin, Werke, Bd. 22, Berlin 1960, S. 315). Aber solch ein Riesensprung rückwärts, wie wir ihn 1989/90 erlebten, führt letzten Endes dazu, – wie wir es gerade jetzt sehen – daß sich die Widersprüche gewaltig verstärken und der Kapitalismus seine Menschenfeindlichkeit noch brutaler offenbart, bis es schließlich keinen anderen Ausweg, keine Überlebenschance für die große Mehrheit der Gesellschaft gibt, als mit diesem kapitalistischen System Schluß zu machen.

ÖD: Gibt es im heutigen Alltag Ereignisse, die Sie zuversichtlich stimmen?

Kurt Gossweiler: Ja, durchaus. … Sicherlich, von einer revolutionären Stimmung ist das alles noch weit entfernt, aber die Meinung: “So kann es nicht weitergehen!” ist schon eine Mehrheitsmeinung.

Ich würde sehr gerne zu meinen Lebzeiten noch eine neue revolutionäre Situation erleben, aber bei meinem Alter kann ich realistischerweise nur darauf hoffen, noch zu erleben, wie die Entwicklung in diese Richtung beginnt und sich verstärkt. Das aber werde ich sicher noch. Wir Kommunisten sind unserer Natur nach Optimisten.

ÖD: Nun, Tatsache bleibt aber, dass der Sozialismus eine große Niederlage erlitten hat. Wie kam es dazu? Gab es dafür objektive Gründe, die eine Niederlage unausweichlich machten? Oder haben da unfähige Führer am falschen Ort und zur falschen Zeit unglückliche Entscheidungen getroffen? Oder spielten da objektive und subjektive Gründe zusammen eine Rolle?

Kurt Gossweiler: Diese Fragen sind mit einem Wort nicht zu beantworten und die Niederlage ist nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Aber eins ist sicher: sie war keineswegs unausweichlich.

Viele Leute meinen, die Niederlage sei wegen der ökonomischen Rückständigkeit der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Länder unvermeidlich gewesen. Aber die Sowjetunion ging nicht zu dem Zeitpunkt unter, da sie ökonomisch gegenüber dem Kapitalismus am rückständigsten war, sondern zu einem Zeitpunkt, da sie zur ökonomisch zweitstärksten Macht in der Welt herangewachsen war. Diese Ursachenerklärung geht deshalb fehl.

Stalin hat nach dem Sieg über den Faschismus zu recht gesagt: Die sowjetische Gesellschaftsordnung hat sich als lebensfähiger und stabiler erwiesen, als die nichtsowjetische Ge-sellschaftsordnung, als eine bessere Organisationsform der Gesellschaft als jegliche andere.

Aber wenige Jahre später erlebte das Sowjetland und das Sowjetvolk einen Bruch in seiner Entwicklung, nämlich statt weiterem Aufstieg einen Umbruch der Kurve zum Abstieg, zum Niedergang. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass nach dem Tode von Stalin etwas passiert sein muss, das die Ursachen und die Triebkräfte des bisherigen Wachstums beschädigt wenn nicht gar beseitigt hat.

Bei genauer Betrachtung der Politik der neuen Führung ist nicht zu übersehen, was da passiert ist: Der neue Generalsekretär der Partei, Chruschtschow, setzte durch, dass von der bisherigen wissenschaftlich begründeten leninistischen Generallinie der Partei abgewichen wurde. Das war zwar zunächst kaum zu erkennen, und ich selbst habe lange, bis zu den Ungarn-Ereignissen im Herbst 1956, gebraucht, um mir darüber klar zu werden.

ÖD: Wie beurteilen Sie die heutige Arbeiterbewegung in Deutschland? Welche Chancen sehen Sie für die Gründung einer kämpferischen kommunistischen Partei in Deutschland?

Kurt Gossweiler: … ich bin sicher, dass es früher oder später auch in Deutschland wieder eine wirklich marxistisch-leninistische, in den Massen fest verankerte Kommunistische Partei geben wird. Warum? Aus dem gleichen Grunde, aus dem die Kommunistischen Parteien entstanden: weil der imperialistische Kapitalismus früher oder später die von ihm Ausgebeuteten dahin bringt, dass sie seine Herrschaft nicht länger dulden wollen und nach Wegen suchen, wie sie sich von ihm befreien können. Diesen Weg zeigen und die Massen auf diesem Weg zum Sieg über das Kapital führen – das kann nur eine marxis-tisch-leninistische, eine kommunistische Partei. Ohne sie gibt es keine Zukunft für den Sozialismus, weder in Deutschland noch sonst wo.

Aber die Rolle als Führer der Massen im Kampf gegen den räuberischen Kapitalismus und für eine sozialistische Zukunft können die meisten kommunistischen Parteien gegenwärtig noch nicht spielen, sind sie doch infolge der betäubenden Niederlage und der fast ein halbes Jahrhundert währenden revisionistischen Verseuchung weitgehend von den Massen isoliert, außerdem zersplittert, und haben doch viele von ihnen noch damit zu kämpfen, sich von dem revisionistischen (oder auch sektiererischen) Ballast zu befreien.

Wir dürfen aber an keinen Selbstlauf glauben: die Gefahr ist groß, dass größere Teile der enttäuschten Massen – wie schon einmal – nach ganz rechts abdriften, weil sie links keine Kraft sehen, die imstande wäre, die Verhältnisse zum Besseren zu wenden.