TEKNOROT – Kein Frieden ohne Brot und Arbeit

Sinan Cokdegerli

Es ist ein bekanntes Geschehen in der Türkei und vielen anderen Ländern der Welt, wobei es besonders in der Türkei und vielen weiteren Schwellenländern sehr viele lokale und konkrete Beispiele gibt, die diesem Fall ähneln. In der Türkei hatte es zuvor einen ähnlichen Fall bereits 2015 bei Renault gegeben. Damals entwickelten sich die Geschehnisse ähnlich wie die beim Metallwerk TEKNOROT jetzt. Die Proteste und Auseinandersetzungen bei Renault 2015 wurden damals so stark und legten den Betrieb soweit lahm, dass die Arbeitgeber die türkische Gendarmerie zur Hilfe holten, Arbeiter verhaftet und entlassen wurden und die Streiks staatlich verboten worden sind. Die Staatsmacht ging mit voller Härte gegen die Arbeiter und für die Interessen der Arbeitgeber vor.

Das haben damals auch die TEKNOROT-Beschäftigten mitbekommen und müssen nun ihre Lehren aus dem Arbeitskampf ziehen, den zuvor bereits tausende Metaller geleistet haben und an dessen Beginn sie sich gerade befinden.

Wir haben die Segeln gesetzt …“

Die Firma Teknorot ist ein Stahlbetrieb in Düzce, in der Nähe von Istanbul, das im Vergleich zu vielen anderen Firmen in der Türkei stetig am wachsen ist. Nach eigenen Angaben liefert die Firma in nahezu alle Kontinente und hat Zweigstellen in Frankreich, China und Indien. Im Firmeneigenen Werbevideo wird am Ende betont, wie sehr man die eigenen Arbeiter schätzt. So sehr, dass man sogar mit ihnen Billard spielt etc. Jedoch anscheinend nicht genug, um den Arbeitern, trotz des wirtschaftlichen Wachstums des Unternehmens, die geforderte Lohnerhöhung zu geben.

Als die Arbeiter sich, nachdem ihre Forderungen nicht angenommen wurden, an ihre Gewerkschaft „Türk Metal“ wandten, waren sie anfangs davon überzeugt, dass sie die volle Länge des Arbeitskampfes mit der Gewerkschaft gehen würden. „Sie haben uns zwei Stunden Reden gehalten und meinten, wir sollen ihnen alles überlassen, sie werden das schon regeln“ sagt einer der Arbeiter im nach hinein bei einem Interview mit Düzce TV. Er fügte hinzu, „sie haben uns aber stattdessen verkauft.“

Ursprünglich forderten die Arbeiter eine Lohnerhöhung von 510 Lira, was die Arbeitgeber natürlich nicht annahmen. Als bei Verhandlungen auch die Gewerkschaft nicht mehr rausholte, versicherten ihre Vertreter den Arbeitern „Wir haben die Segel gesetzt und werden streiken!“ Darauf bereiteten sich die Arbeiter nun vor, sie hatten sich darauf eingestellt, das Werk zu besetzen, die Arbeit niederzulegen und die Produktion komplett zu blockieren. Doch noch während der Streikvorbereitungen am 8. Mai unterschrieb die Türk Metal einen Tarifvertrag, demzufolge eine Lohnerhöhung von 198 bis 300 Lira vereinbart wurde. Dies geschah jedoch ohne die Kenntnis und Zustimmung der Belegschaft.

Seid nicht undankbar oder es fließt Blut“

Die Arbeiter akzeptierten diese Vorgehensweise der Gewerkschaft nicht, dass über ihre Köpfe hinweg ein Tarifvertrag unterschrieben worden war, dem sie nicht zustimmten und der ihnen zusätzliche Arbeit aufzwang. Mit der Losung „Kein Frieden ohne Brot und Arbeit“ legten daraufhin über 1200 Arbeiter in drei Schichten die Arbeit nieder, ähnlich wie zwei Jahre zuvor bei Renault. Ähnlich wie damals verfolgte die Gewerkschaft nun eine andere Strategie gegenüber den Arbeiter. Die Beschäftigten berichteten, dass die Gewerkschafter die Arbeiter mit den Worten „Seid nicht undankbar oder es fließt Blut“ bedroht hätten, woraufhin die Arbeiter die Vertreter von Türk Metal verjagten.

Die Türk Metal ist dafür bekannt, in den Betrieben in denen sie verankert sind, unliebsame Arbeitervertreter beim Arbeitgeber anzuschwärzen und rausschmeißen zu lassen. Ebenso sind sie auch dafür bekannt, fortschrittliche und besonders kämpferische Arbeitervertreter von Schlägertrupps entführen und verprügeln zu lassen, als Versuch die gesamte Belegschaft einzuschüchtern. Nun befinden sich die Arbeiter bei TEKNOROT im Widerstand, nicht nur gegen den Arbeitgeber, sondern auch gegen die Gewerkschaft Türk Metal.

Der Staat wird es schon verbieten“

So oder so ähnlich könnte der Arbeitgeber jedes Werkes denken, dessen Arbeiter zum Streik aufrufen. Denn in der Geschichte der Arbeitskämpfe in der Türkei ist es nicht unüblich, dass der Staat den Arbeitgebern mit Sicherheitskräften zur Hilfe eilt. So auch in den letzten Jahren immer wieder beim kleinsten Keim von Arbeitskampf. Beim Metallstreik 2015 was dies ebenso der Fall, als die Polizei und Gendarmerie, nachdem die Einschüchterungswellen der Türk Metal nicht geholfen hatten, auf die Arbeiter losgelassen wurde.

Zuvor waren die Streiks von der damaligen AKP-Regierung, damals wie heute unter Recep Tayyip Erdogan, verboten worden. Kurze Zeit darauf ging die Polizei mit Wasserwerfern und schwerem Gerät auf die Arbeiter und ihre solidarischen Familien los und zwang den Arbeitern die Wiederaufnahme der Arbeit mit Gewalt auf. Dies war nicht nur bei Renault der Fall, sondern auch bei SIDEMIR, Greif, Yüksel Endüstri und etlichen anderen Streikbemühungen.

Doch die Arbeiter lernten aus dem Arbeitskampf ihrer Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fabriken. Bereits jetzt erklärten die Beschäftigten bei Renault, dass sie bei den Verhandlungen dieses Jahr, auch in Anbetracht des Verrats der Türk Metal bei TEKNOROT, sich nicht mehr auf diese Gewerkschaft verlassen werden.

2017 scheint bereits jetzt wieder ein Jahr des Arbeitskampfes zu werden und das nicht nur in der Metallbranche. Etwa 6.000 Arbeiter von Şişecam haben in 9 Standorten am 24. Mai zum Streik aufgerufen. Hier ist die Kristal Iş, eine Schwestergewerkschaft der Türk Metal, die beide dem Dachverband Türk–Iş angehören, im Betrieb ansässig. Dort haben die Arbeiter jetzt bereits im Vorfeld eine Botschaft in die Richtung der Kristal Iş gesendet. Mit den Worten „Die Gewerkschaft muss unverzüglich ihre Stille brechen“ und dem Zusatz „Unterschreibt nichts, was ihr morgen bedauern werdet“ machten die Glasarbeiter klar, dass sie einen Fehler der Gewerkschaft nicht tolerieren werden. In ihren Aussagen stellten sie auch fest „Ein Vertrag ohne die Befragung der Arbeiter wird die Arbeiter nicht zufrieden stellen.“