Studiumabbrecher – Wer und Warum?

Aylin Melis Ayyildiz

Immer mehr Studierende entscheiden sich für einen Studienabbruch. Dies ergab eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Laut der Studie sind 29 Prozent aller Bachelorstudenten Studienabbrecher. Und das, obwohl die Zahl der Studienanfänger in Rekordhöhe steigt. Dennoch macht knapp jeder dritte Student seinen Abschluss nicht. Meist verlassen die Studierenden die Uni sehr früh. Etwa die Hälfte bricht in den ersten beiden Semestern ab, ein Drittel im dritten oder höheren Semester. Zu den Hauptgründen gehören die hohen Leistungsanforderungen, fehlende Motivation oder zu wenig Praxisbezug im Studium.

Einige Ergebnisse der Studie sind interessant: Die Mehrheit der Abbrecher kommt nicht über das Gymnasium an die Hochschule, sondern hat ihre Hochschulreife etwa an einer Fachoberschule, Abendgymnasium oder auf einem anderen Weg erworben. Die Autoren der Studie erklärten, dass nicht-gymnasiale Schulen, die zur Hochschulreife führen, offenbar nicht genug auf das Studium vorbereiten, wie das Gymnasium.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist nicht unbekannt: Studierende aus Akademikerhaushalten brechen dabei seltener das Studium ab, als Kinder aus Arbeiterfamilien. Nur 16 Prozent der Studierenden, deren beide Eltern Akademiker sind, gehören zu den Studienabbrechern.

Am meisten betroffen von Studienabbrüchen seien laut den Autoren der Studie Studierende mit Migrationshintergrund, die kein Gymnasium besucht haben. In der Tat ist die Abbrecherquote bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei 41 Prozent, während diese bei ihren Mitstudenten ohne Migrationshintergrund bei etwa 28 Prozent liegt. Im Bachelorstudium sind es sogar 43 Prozent. Die in der Studie aufgeführten Gründe dafür sind neben zu hohen Leistungsanforderungen und Probleme mit der Sprache bzw. Wissenschaftssprache, vor allem finanzielle Schwierigkeiten.

Studienfach und Arbeitsmarkt

Die DZHW-Studie ergab auch, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund ihre Studienfachauswahl danach richten, welches Fach die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt bietet und nicht unbedingt danach, welches Fach sie wirklich interessiert. Sie treffen ihre Entscheidung mit Schwerpunkt auf ökonomische Erfolge in der Zukunft und gönnen sich nicht den „Luxus“, ein „brotloses“ aber für sie interessantes Fach zu studieren. Diese Tatsache sagt viel über die Existenzängste junger Migranten aus und unter welch einem Druck sie schon vor Studienbeginn stehen, die vermeintlich richtige Entscheidung zu treffen.

….

3-Gliedrigkeit schafft Ungleichheit

Doch dies ist nur ein Auswuchs des eigentlichen Problems, was sich das dreigliedrige Schulsystem nennt. Schon im frühesten Alter nach dem Grundschulabschluss werden die Schüler auf drei verschiedene Schulformen aufgeteilt, bei denen nur eine wirklich auf die akademische Zukunft der Schüler hinarbeitet.

Deutschlands Schulsystems ist eines der selektivsten auf der ganzen Welt. Die Zahlen über die Studienabbrecher mit Migrationshintergrund machen insofern „Sinn“, als dass diesen Menschen schon nach der Grundschule eine akademische Karriere verwehrt bleibt. Mit der Empfehlung nach der Grundschule wird der erste Grundstein gelegt, der alle nächsten Schritte in der Schullaufbahn beeinflusst.

Studierende mit Migrationshintergrund sind nicht etwa weniger befähigt, ein Studium abzuschließen. Vielmehr führt ein gewaltiges Ungleichgewicht im Schulsystem zu dem Ergebnis, dass sie nicht die gleichen Chancen und damit eine gleichwertige Ausbildung erfahren haben.

Wenn dann noch die finanziellen Sorgen hinzukommen, weitet sich die Kluft noch weiter. Für die wenigen, denen BaFöG bewilligt wird, reicht dieses Geld kaum zum Leben aus. Dies führt zu zusätzlichen Minijobs, um sich den Lebensunterhalt zu finanzieren, was wiederum weniger Zeit für die Studienvor- und Nachbereitung zulässt.


Und die Lösung?

Zu den Lösungsansätzen des Abbruch-Problems hat die Studie folgende Vorschläge:

  • Nicht-gymnasiale Schulen müssten die Schüler besser auf ein Studium vorbereiten.

  • An den Hochschulen sollten Angebote zur fachlichen Studienvorbereitung weiter ausgebaut und stärker auf heterogene Zielgruppen – unter anderem Studieninteressierte mit Migrationshintergrund und/oder aus Nichtakademikerfamilien – ausgerichtet werden.

  • Sozial benachteiligte Studierende sollten bei der Sicherung ihrer Studienfinanzierung mehr Unterstützung erhalten.

  • Der Bezug von BAFöG stellt in vielen Städten keine ausreichende Grundlage zur Finanzierung des Lebensunterhalts dar. Der Umgang mit Deutsch als Wissenschaftssprache sollte in der schulischen Oberstufe und auch zu Studienbeginn gefördert werden.

Im Grunde sind diese Ansätze nicht schlecht, doch sie beheben nicht das Grundproblem des ungerechten Schulsystems, das einen erfolglosen Studienverlauf nahezu automatisch hinter sich zieht. Die Vorschläge versuchen, die Folgen eines Ungleichgewichts mit kleineren Zugeständnissen wieder wett zu machen. In einer idealen Welt würde man das Problem an der Wurzel packen und eine Grundlage schaffen, die auf Chancengleichheit und Gleichbehandlung basiert.

In Realität stehen allerdings nicht einmal die reformerischen Lösungen der DZHW-Studie auf dem Plan der Regierung. Die Politik geht eher in die andere Richtung und kürzt ihre Ausgaben vor allem im Bildungssektor. Zusätzlich werden in Baden-Württemberg und Nordrheinwestfalen die Studiengebühren wieder eingeführt und damit errungene Fortschritte zunichte gemacht.