DIDF-Festival erfolgreich und symbolisch


Sezen Dinc – Zilan Yavuz

Für Zusammenhalt und Solidarität – unter diesem Motto versammelten sich mehrere Tausend Menschen in Köln am Tanzbrunnen, um gegen Rassismus und Diskriminierung ein Zeichen zu setzen. Das Open-Air-Festival wurde von der Föderation Demokratischer Arbeitervereine -DIDF- organisiert und setzte ein Zeichen gegen Rassismus und für das friedliche Miteinander.
Neben vielen interessanten Reden fand ein ausgewogenes Kulturprogramm statt. So waren neben Künstlern aus der Türkei auch deutsche Gruppen und Kulturschaffende im Programm.
Zu diesen zählen z.B. Rolly, Stephan und Peter Brings aus Köln. Sei Jahren macht „Rolly Brings und Band“ antifaschistische Musik und genießt in der Kölner Landschaft einen großen Bekanntheitsgrad. Rolly Brings, der Vater mit den beiden Söhnen hat in Köln so einige Auszeichnungen erhalten für seinen engagierten Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung. Die Tanzgruppe Köln Dance Academy sorgte mit Tänzen aus Anatolien und Mesopotamien für abwechslungsreiche Stimmung. Highlight für die jüngeren und Junggebliebenen Festivalbesucher waren PU von der Stand-Up-Comedy Gruppe REBELL COMEDY und der einflussreiche Rapper AZAD, der mit seiner Gruppe eine Stunde Programm machte. Zum Abschluss traten die Band Kardes Türküler mit ihren anatolischen Liedern und Selcuk Balci mit Tanz- und Kampfmusik aus der Schwarzmeerregion auf. Wir hatten das Glück, uns mit vielen der Künstler unterhalten zu können.

Akzeptanz fehlt aber auch der Wille
So auch mit Rolly und Stephan Brings, die sich besonders auf ihre Heimatstadt Köln beziehen. Sie selbst sind schon seit Jahren engagierte Musiker, die sich mit gesamtgesellschaftlichen Phänomenen beschäftigen. Das kulturelle, sowie das generelle Zusammenleben von verschiedenen Völkern in Köln schätzt Stephan beispielsweise folgendermaßen ein: „Du kannst sagen, dass es bestimmt viele schöne Ebenen gibt, wo das gut läuft, aber auch viel mehr, in denen es gar nicht läuft.“ In Köln und generell in Deutschland lief es in den 80`ern viel besser, meinen die beiden Brings. „Es fanden früher einfach viel mehr Konzerte statt, die alle zusammenbrachten“, sind sich beide einig. Vor allem in der Phase der „Deutschen Einheit“ wurden laut ihrer Einschätzung die Türkeistämmigen weniger akzeptiert, als vor dem Mauerfall. Zudem kapsele sich die türkische Gemeinde in Köln immer weiter ab, vor allem „seit den Zuständen in der Türkei“. Vor allem stellen die beiden fest, dass sie früher auch einfach viel öfter auf türkische oder kurdische Veranstaltungen eingeladen wurden, als heutzutage.
Generell erkennen die Brings auch in Köln den sich immer weiter in der Mitte der Gesellschaft ausbreitenden Rechtsruck. Rolly erzählt aus den Jahren seiner Kindheit und stellt fest, dass es heute zwar sehr Finster wirkeund dass es auch gar nicht zu unterschätzen sei, aber es früher noch schlimmer wäre. „Alle meine Lehrer waren Faschisten und keiner von ihnen hat uns jemals beigebracht, dass die Demokratie etwas Gutes ist“, so Rolly. Es habe sich dann zu Zeiten den 68`er Bewegung und der Auflehnung gegen Autoritäten verbessert und in den 80-90`er Jahren gab es laut seiner Einschätzung eine Offenheit gegenüber den Arbeitsmigranten, welches „heute einfach wieder weg“ ist. Und genau dieser Unmut wurde von türkischen Faschisten gut genutzt, meint Rolly. Mit der nationalistischen Schiene kamen sie bei den Menschen an, nach dem Motto „Wir sind eure Anker, kommt zu uns“ und Sätze sinngemäß wie „übertreibt es nicht mit der Integration“ von Erdogan seien alles andere als förderlich für das Zusammenleben gewesen.

„Problem nicht gelöst, wir sind zum Alltag zurückgekehrt“
Zur aktuellen Flüchtlingswelle sagen die Brings, dass es am Anfang definitiv eine Willkommenskultur gab und „die war auch ehrlich gemeint von den Menschen in Deutschland“. Dieses habe sich aber aufgrund der Medien und aufgrund der Haltung einiger Politiker schlagartig geändert. Außerdem meint Stephan: „Mittlerweile tun wir alle so, als wäre das Problem gelöst bzw. sind einfach wieder in unseren Alltag gekehrt, aber die Menschen sind noch da“ und es sei auch kein Wunder, dass es Probleme in den Flüchtlingsunterkünften gäbe, bei einem so engen Raum „kann es nicht gut gehen“. „Die Menschen können weder arbeiten, noch sich frei bewegen, das kann einfach nicht gut gehen“, so Stephan. Generell fassen die Brings zusammen, dass die Ursache dieser Probleme darin liegt, dass momentan die Machtinteressen mit der Fahne der Religionen ausgetragen werden. Sie meinen, dass Religion spaltet und fordern, dass
Religion reine Privatsache sein sollte.

„Negative Dinge führen zu Schlagzeilen“
Azad ist Rapper mit kurdischer Herkunft, er ist geboren im Iran und ist als kleiner Junge mit seinen Eltern nach Deutschland geflüchtet. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Musik und gilt als einer der einflussreichsten Rapper in Deutschland.
Er selbst bezeichnet sich als bekennender Kurde und zeigt dies auch in seiner Musik und auf der Bühne. „Ich stehe zu dem was ich denke, als Rapper und nicht als Politiker. Auch in Bezug auf die Kurdenfrage zeige ich meine Gefühle und Gedanken in meiner Musik. Ich finde es aber nicht richtig mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die vielleicht aus Angst nicht zu dem stehen, was sie denken.“
Auf unsere Frage in Bezug auf seine Texte in denen er sich mal sexistisch und mal gegen Frauenfeindlichkeit äußert, sagt er, dass er seine persönlichen Gefühle in seiner Musik wieder gibt. „Ihr habt jetzt ein positives Beispiel genannt, aber ich weiß, dass ich auch negative Texte habe, aber auch das sind meine Gefühle.“
Warum Rap meistens Negatives aufzeigt und kaum Positives in den Vordergrund rückt, sagt der Rapper aus Frankfurt: „Negative Dinge führen zu Schlagzeilen und bekommen größere Aufmerksamkeit.“


„Lieder der Geschwisterlichkeit“

Ganz ohne sie ging es dann doch nicht und so waren auch bei diesem Festival Kardes Türküler wieder mit dabei. Ihre Musik bringt die verschiedenen Klänge und Kulturen aus der ganzen Türkei und ihren Nachbarländern zusammen. Übersetzt man den Bandnamen „Kardes Türküler“ ins Deutsche, so kann man sinngemäß mit „geschwisterliche Lieder“ in etwa verstehen, wie sich ihre Musik zusammensetzt. Außerdem schätzt man sie dafür, dass sie sich für die Freiheit der Kultur und Kunst einsetzen.
In der Türkei wird momentan vieles verboten und das erreicht auch die Kulturwelt. Vedat Yildirim, einer der Solisten und Percussionist der Band erklärt uns, inwiefern die Situation sich auf ihr Leben als Musiker und generell auf die Kunst und Kulturwelt auswirkt: Momentan seien so gut wie alle Bereiche des Lebens von den Verboten betroffen. Das betreffe sowohl die Medien, als auch die Meinungsfreiheit. Darunter erwähnt er, dass es wegen dem Ausnahmezustand sowieso klare Verbote gäbe und dazu noch weitere Verbote kämen, die natürlich auch die Kunst und Kulturwelt erreichten. Das betrifft auch Kardes Türküler und mit Sicherheit auch andere Musikgruppen und Künstler. „Wir sind eigentlich eine Hochschulgruppe, die sehr oft auch genau dort auftritt, aber momentan kommen wir in keine einzige Universität rein“, so Vedat Yildirim. Es sei definitiv keine leichte Zeit in der Türkei. Aber er betont, dass es in der Türkei eine Kulturvielfalt gibt und diese sehr fruchtbar sei. Und trotz des Unmuts ginge es weiter mit der Musik und sie würden sich nicht einschüchtern lassen. Vedat betont ebenfalls, dass auch eine große Mehrheit in der Türkei sich gegen diese Verbote und Maßnahmen des Erdogan-Regimes auflehne und dass das eigentlich das Beste heutzutage ist, was man feststellen könne. Die Zunahme des „Ein-Mann, Ein-Regime, Ein-Volk“-Gedankens wäre nichts anderes als ein Hindernis. Vor allem auch für die Kultur und Kunstwelt. „Die besten künstlerischen und kulturellen Ströme gab es in kosmopolitischen Metropolen wie beispielsweise in London. Dort kommen 80% der Bevölkerung aus anderen Kulturen oder in den 1920er Jahren Paris.“ Er betont, dass es eigentlich genau die Vielfalt ist, die alle Bereiche der Kunst bereichern. Und das würde in der Türkei gerade leiden. Er geht davon aus, dass es sie auch in den nächsten Jahren noch schlimmer treffen könne. Die Türkei würde sich immer weiter spalten und abgrenzen und da müsse endlich mal eine klare Antwort aus Europa kommen und nicht nur eine Scheinsorge. Man müsse endlich sich klar von dem Regime in der Türkei distanzieren und das passiere momentan keinesfalls. Die Waffenlieferungen würden immer noch nicht gestoppt werden, es sei eigentlich ziemlich Widersprüchlich: Auf der einen Seite „die Augenbrauen zusammenzuziehen“ um im nächsten Moment der Türkei „wieder zuzuzwinkern“. Zusammenfassend sagt er, dass die politische Lage in der Türkei alle irgendwie erreiche und das es eigentlich unmöglich ist, sich nicht damit zu befassen. „Im Normalfall müssten wir als Musiker uns in erster Linie mit musikalischer und philosophischer Lektüre beschäftigen und auseinandersetzen, weil es unser Job ist. Aber wir beschäftigen uns mittlerweile ausschließlich mit aktuellen politischen Gegebenheiten“.

„Damit die Menschen wieder frei werden können“
Neben Kardes Türküler kam auch Selcuk Balci als letzter Act direkt aus der Türkei. Selcuk Balci ist ein junger Musiker aus der Schwarzmeerregion. Er beschäftigt sich nicht nur mit der Musik, sondern ist auch ein aktiver Umweltschützer. „Der Grund, dass ich mich für die Umwelt einsetzte“ erklärt er, „ist unter anderem meine Musik. Ich liebe die Musik, die Musik aus meiner Region. Wir versuchen unsere Musik auf der ganzen Welt zu vertreten. Wenn wir von unserer Region singen, singen wir von den Meeren, den Wäldern, den Bergen und der Natur. Und eben das versuchen wir mit allen Mitteln zu beschützen und zu erhalten.“ erzählt Balci.
Dass dies in seinem Land nicht immer gut aufgenommen wird und er dadurch auch Probleme und Morddrohungen bekommt, nimmt er gelassen: „Diese Drohungen zeigen uns nur, dass wir das Richtige tun.“ Er fasst die Zustände in der Türkei zusammen: „Es sollen keine Menschen mehr auf den Straßen sterben, die Natur soll nicht zerstört werden. Nur weil einige Reiche noch reicher werden wollen, dürfen unsere Lebensräume nicht zerstört werden. Dafür werden wir uns immer einsetzen.“ Ob seine Musik Protestmusik sei? „Das soll nicht heißen, dass ich Protestmusik mache, meine Musik ist die Musik meiner Region, der Schwarzmeerregion. Aber diese Musik zu machen ist eigentlich schon Grund genug sich für die Natur einzusetzen, denn die schönste Natur der Türkei ist am Schwarzmeer.“
Balci deutet im Gespräch an, dass die Morddrohungen doch nicht spurlos an ihm vorbeiziehen. Er sagt, dass er oftmals seine Stimme nicht gegen die undemokratischen Zustände in seinem Land erheben kann, nicht zuletzt wegen Kritiken auch aus seinem eigenen Publikum. „Manchmal ziehen wir es vor, nichts zu sagen, obwohl wir wissen, dass es nicht das Richtige ist. Aber manchmal halten wir es nicht aus und erheben unsere Stimme. Leider gibt es viele Menschen, die nicht so denken wie wir, auch in meinem Publikum. Wir leben in einem Land, wo Journalisten, welche die Wahrheit aussprechen, in Gefängnissen sitzen. Für Gerechtigkeit muss man kämpfen, dessen bin ich mir auch bewusst. Die Türkei ist kein freies Land mehr, es ist zur Normalität geworden, dass man täglich Nachrichten von Toten erhält. Ich hoffe, dass diese Zustände sich so schnell wie möglich ändern, damit unser Land wieder in Freiheit ist und Menschen ohne Todesangst auf die Straßen gehen können. Ich hoffe, das wir wieder Straßenkonzerte geben können. Die Menschen sollen wieder gemeinsam singen und tanzen können.“