Experiment: Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt

Eren Gültekin

Viele kennen das: Man sucht eine Wohnung, will umziehen, sucht auf schwarzen Brettern und Kleinanzeigen. Wenn man was passendes gefunden hat, bewirbt man sich drauf und wartet auf eine Antwort. Wenige bekommen eine Rückmeldung und können diese Wohnung besichtigen, aber zu genanntem Termin werden ca. 30 weitere Menschen eingeladen. Diesem „Wohnungswahnsinn“ sind einige Wissenschaftler und Journalisten vom Bayerischen Rundfunk und des Spiegels nachgegangen. Dabei haben sie sich vor allem einem bestimmten Aspekt gewidmet: Entscheidet der Name über die Einladung zur Wohnungsbesichtigung? Ihre Erkenntnis: Ja. Bewerber mit einem ausländischen Namen haben es schwerer auf dem Wohnungsmarkt, als mit einem deutschen Namen. Vor allem Männer mit arabischen und türkischen Namen werden selten eingeladen, wenn es um eine Wohnungsbesichtigung geht.

„Deutsch“ gegen „ausländisch“

Die Leitfrage des Experiments war es, herauszufinden, ob es sich um einen Zufall handelt oder dahinter eine systematische Benachteiligung steckt. Um dieser Frage genau nachzugehen, haben die Journalisten über mehrere Wochen hinweg 20.000 Wohnungsanfragen verschickt, mit fiktiven deutschen und nicht-deutschen Profilen. Auf einer Seite die Bewerberin Hanna und auf der anderen Seite Ismail. Beide sind neu in der Stadt und haben auch sonst viel gemeinsam: Beide sind Ende 20, Single, arbeiten in einer Agentur und suchen dringend eine bezahlbare Wohnung. Wie viele andere Bewerber haben sie im Internet gesucht, gefunden und sich beworben. Beide haben nahezu mit identischen Bewerbungen angefragt, in klarem, freundlichem und gutem Deutsch. Die ersten Termine bekam Hannah ziemlich schnell, wo hingegen Ismail wesentlich länger warten musste.

Es kamen rund 8000 Antworten auf die 20000 Anfragen. Bei der Auswertung dieser Antworten wurde belegt: Menschen mit ausländischem Namen werden auf dem Mietmarkt deutlich diskriminiert. In jedem vierten Fall, in dem ein Deutscher eine Einladung zu einer Besichtigung erhielt, wurden türkische oder arabische Namen übergangen. Wichtig ist: Die Benachteiligung kann aufgrund der Vorgehensweise und der nahezu identischen Bewerbungen einzig und allein auf den Namen zurückgeführt werden. Und das ganze schon in der ersten Stufe des Auswahlprozesses. Ein Besichtigungstermin ist nämlich längst kein Vertrag! Die Entscheidung des Vermieters und des Maklers stehen noch aus, was höchstwahrscheinlich weitere Nachteile für Menschen mit einem ausländischen Namen bedeutet.

„Mann“ gegen „Frau“

Ebenfalls konnte man durch das Experiment sehen, dass das Geschlecht eine enorme Rolle spielt. Denn türkische Männer wurden gegenüber deutschen Männern stärker benachteiligt, als türkische Frauen gegenüber deutschen Frauen. Genauso ist es bei den arabischen Testpersonen, die Männer waren ebenfalls von stärkerer Benachteiligung betroffen.

Das Experiment, das in zehn großen Städten geführt wurde, fiel vor allem in München auf. Denn nicht nur, dass der Wohnungsmarkt hier sehr rar ist, ist der Anteil der privat vermittelten Wohnungen sehr hoch. In Zahlen: Für Menschen mit nicht-deutschem Namen ist die Chance in München etwa halb so groß, wie für einen deutschen Bewerber. Auch in Frankfurt ist es ähnlich. In Magdeburg und Leipzig sieht es etwas anders aus: Da fällt der Chancenunterschied zumindest geringer aus.

Um den Versuchsaufbau zu kontrollieren wurden ebenfalls „ein sehr guter“ und „ein eher schlechter“ Bewerber eingebaut. Sehr guter Bewerber: Dr. Carsten Meier, alleinstehender Arzt, eloquent. Eher schlechter Bewerber: Lovis Kuhn, Langzeitstudent, flapsig und unprofessionell bei der Kontaktaufnahme. Dr. Carsten Meier erhielt natürlich wie erwartet die meisten Rückmeldungen von allen Testpersonen, jedoch schnitt Lovis Kuhn nicht wie erwartet auf der Skala so schlecht ab, wie man erwarten würde. Trotzt der schlechten und unprofessionellen Bewerbung stand er in der Skala noch vor den Bewerbern mit arabischen und türkischen Namen und erhielt im Durchschnitt mehr Rückmeldungen für eine Wohnung.

Anscheinend trauen Vermieter einem Langzeitstudenten mehr zu, ein guter Mieter zu sein, als einem perfekt deutsch sprechenden, festangestellten Mann mit Migrationshintergrund. Dieses Verhalten ist sowohl rational, als auch wirtschaftlich kaum erklärbar, ohne Studierende diskriminieren zu wollen. Man muss sich das einmal vor Augen führen: Wenn ein Bewerber mit einem Migrationshintergrund, mit einem fehlerfreien Anschreiben und einer festen Anstellung, solche Probleme auf dem Wohnungsmarkt hat, wie schwierig ist es dann für Menschen mit Migrationshintergrund, die erst seit kurzem hier oder keine ausgebildeten Akademiker sind?

Wohnungsmarkt und gezielte Ghettos

Dabei wird von der Politik der Wohnraum neben der Sprache und dem Job meist als einer der wichtigen Punkte für die Integration erwähnt. Doch dies sind Worte, die nur ausgesprochen werden. Es gibt zwar ein Antidiskriminierungsgesetz, der konkrete Nachweis einer Benachteiligung bei der Wohnungsvergabe ist im Einzelfall jedoch äußerst schwierig. So wird von Vermietern sowie Maklern „eher unter der Hand“ diskriminiert und nicht offen und direkt. Somit zeigt sich eine klare Ghettoisierung. Zwar geht die Studie nicht gezielt drauf ein, aber sicherlich sind die Wohnungen, zu denen türkische und arabische Namen eingeladen werden, meistens auch in Stadtteilen mit einem großen Migrantenanteil.

Neben der Diskriminierung bei der Wohnungsfrage wissen wir durch ähnliche Studien, dass dieses Problem genauso bei der Bewerbung um einen Job der Fall ist. Dort wird als Maßnahme oft die „Anonyme Bewerbung“ gehandhabt, bei der der Bewerber keine Daten angeben muss, die auf eine ethnische Herkunft hindeuten können. Diese Methode kann vielleicht kurzfristig eine Lösung bieten, aber die Diskriminierung wird in diesen Fällen nicht gelöst. Jobs und Wohnungen sollten nicht nach der Herkunft, sondern nach den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen vergeben werden und darum sollte sich die Politik und Gesellschaft schleunigst kümmern.