Rassismus an der Uni – ein Armutszeugnis

Dirim Su Derventli

Rassismus an der Uni gibt es nicht? Falsch. Die Universität ist einer der rassistischsten Institutionen unserer Gesellschaft. Natürlich passiert der Rassismus so unterschwellig, dass er kaum wahrgenommen wird und ist nicht so sichtbar wie etwa auf der Straße. Vom Lehrpersonal und der Service-Belegschaft zur Auswahl der Studierenden bishin zu Hochschulgruppen und Studentenvereinigungen, fast kein anderer Ort steckt so voller Rassismus und struktureller Diskriminierung.

Beginnend mit der Bewerbung an einer Hochschule steht gesetzlich festgeschrieben, welcher Mensch das Recht dazu hat, zu studieren und wer nicht. Neben den Schulnoten zählt nämlich auch die Herkunft. In der ersten Zulassungsrunde werden deutsche Staatsbürger zugelassen; in der zweiten Runde europäische Staatsbürger. Erst in der dritten Runde werden sogenannte Drittstaaten-Bürger zugelassen, etwa Staatsbürger aus der Türkei. Zugang zur Bildung wird in erster Linie also ganz bewusst nur Deutschen ermöglicht – und das obwohl Deutschland seit fast 20 Jahren als Einwanderungsland gilt.

Hürden für “Ausländer”

Eingeschrieben müssen Studierende mit Migrationshintergrund noch viele weitere Hürden bewältigen. Ein Termin beim Professor oder Dozenten kann schnell mal zur Meisterübung werden, denn viele Studierende mit Migrationshintergrund haben das Gefühl, sich nicht richtig ausdrücken zu können. Obwohl sie sich in der deutschen Sprache viel wohler fühlen,als in der Herkunftssprache und diese meist besser beherrschen, fällt ihnen eine angemessene Artikulation schwer. Studien zeigten, dass ihre deutschen Kommilitonen kaum einen Gedanken daran verschwenden, wie eine Gesprächssituation verlaufen könnte, während Migranten ihre Sätze vorher einstudieren.

Weitere Rassismus-Erfahrungen gibt es auch in Vertiefungskursen. Studierende mit Migrationshintergrund werden, falls sie sich zu Wort melden, seltener drangenommen oder ihnen werden komplexe Forschungsgebiete nicht zugetraut. In den Vorlesungen im großen Hörsaal trauen sie sich gar nicht erst einen Wortbeitrag zu machen.

Woran liegt das?

Schaut man sich die Belegschaft an den Hochschulen an, wird ein bestimmtes Muster relativ schnell deutlich. Hauptsächlich sind es weiße, männliche Professoren und Dozenten, die lehren. In der Mensa, hinter den Kassen oder als Putzpersonal arbeiten viel häufiger Personen mit Migrationshintergrund. Unterschwellig wird die hierarchische Ordnung einer Klassen-Gesellschaft vermittelt: Servicemigraten und Intellektsdeutsche.

Die akademische Mehrheit an der Universität wird immer eine weiße Mehrheit bleiben. Michael Hartmann von der TU Darmstadt zeigte mit einer Untersuchung auf, dass Bewerber, die ihren Vorgesetzten äußerlich ähneln, mit einer viel größeren Wahrscheinlichkeit ausgewählt und befördert werden. Denjenigen, die keine Ähnlichkeiten aufweisen, wird nicht so viel zugetraut und entsprechend werden die Stellen eher mit deutschen wissenschaftlichen Mitarbeitern besetzt. Die vornehmlich weiß-deutschen Mitglieder in Berufskommissionen wählen eben ihre Kollegen aus. Ein ewiger Kreislauf. „Dass hierbei Rassismus keine Rolle spielt, darf stark bezweifelt werden“, sagt auch Prof. Dr. Karim Fereidooni, Juniorprofessor an der Ruhr-Universität Bochum.

In einer Studie befragte Fereidooni 159 Lehrende mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen nach ihren Rassismus-Erfahrungen im beruflichen Kontext. Unabhängig von den Antworten erhielt Fereidooni die Ratschläge von Kollegen auch weiße Lehrende zu befragen, um die Aussagen der 159 Befragten auf Richtigkeit zu überprüfen. Fereidooni bewertet diesen Ratschlag als rassistisch, denn „Die Sichtweise einer weißen-keuschen Lehrkraft besitzt einen höheren Wahrheitsgehalt als die Perspektive einer ebensolchen of Color. In der deutschen Wissenschaft spielt demnach nicht nur eine Rolle, was gesagt wird, sondern zudem auch, wer was sagt und wer von wem gehört wird.“ Dieser Umstand ist bitterer Alltag in deutschen Hochschulen und viele Menschen mit Migrationshintergrund werden diese Situation aus ihrer persönlichen Erfahrung kennen.

Burschenschaften und Hochschulgruppen

Sicherlich sind es nicht nur Lehrende und die Sachbearbeiter, die den rassistischen Tenor der Hochschule prägen. Schaut man sich rassistisch-totalitäre Studierendenverbindungen und Burschenschaften an, liegt es auf der Hand, dass ihr Einfluss mindestens genauso stark ist. Ihre Zielgruppe sind männliche Studierende, diese ködern sie mit (Sauf-)Partys, günstigen Unterkünften und sozialen Kontakten für die Zukunft. Als Gegenleistung erhalten die Verbindungen Loyalität und Treue auf Lebensdauer. Die Studierenden verzichten somit auf jegliche demokratischen Normen und Werte und vertreten diese Meinung dann auch in und nach der Universität.

Dieser Rassismus wird vor allem in den Hochschulgruppen deutlich. Die Erfolge der Alternative für Deutschland (AfD) machen sich auch an den Universitäten bemerkbar. Eine besondere Gefahr stellt die Hochschulgruppe der AfD „Campus Alternative“ (CA) und immer rechter werdende liberal-konservative Hochschulgruppen dar. Sie haben eine besonders große Reichweite und können viele Studierende begeistern. Sie stellen sich gegen die Zivilklausel, um dem Militär uneingeschränkten Zugang zur Forschung für Kriegszwecke zu ermöglichen oder fordern das Anbringen von Deutschlandfahnen auf dem Campus. Ihre Forderungen sind vor allem ökonomisch-wirtschaftsliberal; führt man sich vor Augen, dass vor allem Kinder aus reichen und sozialstarken Familien studieren, macht es nur Sinn, dass diese den Ausbau von Unternehmen an der Universität fordern. Aber auch ihre rechten Forderungen sind sehr präsent. Referate gegen Sexismus oder für die Gleichberechtigung von Studierenden mit Migrationshintergrund sehen sie als „Geldverschwendung“ und möchten diese abschaffen. Wer diese Referate als Verschwendung ansieht, weigert sich demnach der Wahrheit ins Auge zu blicken, denn Rassismus und Diskriminierung sind, wie bereits geschildert, ein reales Problem.

Ignoranz, Desinteresse und mangelndes Verständnis

Und obwohl es deutlich vor allen Augen passiert, wird Rassismus immer noch nicht beim Namen genannt. Seit dem zweiten Weltkrieg möchte sich die deutsche Gesellschaft vehement von Nationalismus und Rassenideologie distanzieren. Dies funktioniert aber nicht, indem man aktuelle Tatsachen ignoriert, sondern nur, wenn man gezielt durch Aufklärungsarbeit und Thematisierung dagegen kämpft. Stattdessen wird die Aufarbeitung tabuisiert und verdrängt, indem so getan wird, als gäbe es sämtliche Probleme in der Gesellschaft nicht. So werden Rassismus und rassistische Äußerungen, insbesondere der mittlerweile standardisierte Spruch „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ immer salonfähiger.

Studierende, die von allen Seiten vorgelebt bekommen, wem ein privilegiertes Leben zusteht, tragen diese Meinung dann in die Mitte der Gesellschaft. Nicht zuletzt verstand eine Kommilitonin bei bestem Willen nicht, dass in Deutschland geborene Kinder, deren Eltern ebenfalls in Deutschland geboren wurden (etwa die vierte Generation der Gastarbeiter) trotzdem keine Ausländer sind, auch wenn die Großeltern Migrationshintergrund haben. Viele pflegen immer noch die bewusste oder unbewusste Einstellung, dass Menschen einer „Rasse“ zugehören, die sie über das Blut erben. Aber gerade und vor allem wegen unserer Vergangenheit nennen wir Rassismus nicht beim Namen und verdrängen diese ganz nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn!“. Eine Lösung wird es langfristig so allerdings nicht geben und der Rassismus in der Hochschule wird immer weiter erstarken.