Nur ein Spielzeug?

Alev Bahadir

Frauen haben dem Mann zu gehorchen und ihm zu Willen zu sein, wann er es verlangt. Leider ist diese Überzeugung noch immer verbreitet. Doch was machen, wenn man eine solche Frau nicht findet? Mittlerweile gibt es selbst hierfür eine Lösung. Für das nötige Kleingeld (ca. 10.000 Dollar) kann man von der Firma „TrueCompanion“ einen lebensechten Sexroboter erwerben. Dieser sieht (fast) aus, wie eine richtige Frau und ist allzeit bereit für das Vergnügen ihres „Besitzers“.

Der Mensch= Sklave seiner niedrigsten Triebe

Was sich schon makaber genug anhört, geht sogar noch weiter. Eine spezielle Funktion des Roboters der besagten Firma sorgte nun für einen großen Aufschrei. Stellt man diesen auf die Einstellung „Frigid Farrah“ (frigide= nicht in der Lage sein, beim Sex Lust zu empfinden), gefällt ihm die Berührung nicht und sagt auch „nein“. Demnach wird der Roboter vergewaltigt. Diese Funktion spaltet nun die Geister. Es gibt Stimmen, die davon ausgehen, dass dadurch echten Vergewaltigungen vorgebeugt werde, da die „Phantasie“ ja an einem Roboter ausgelebt wird. Obwohl es zu diesem Bereich noch keine einschlägige Forschung gibt, ist diese Argumentation doch sehr lückenhaft. So geht es doch in einer Vergewaltigung nicht hauptsächlich um die Befriedigung des Sexualtriebs, sondern um Dominanz und Macht. Der „Frauen-Notruf: Beratung für Frauen und Mädchen bei sexualisierter Gewalt e.V. in Münster“ beschreibt die wahre Absicht hinter einer Vergewaltigung wie folgt: „Sexualisierte Gewalthandlungen sind in erster Linie durchdachte Gewalttaten.

Macht und Überlegenheit

Die Ausübung von Macht und Überlegenheit sind zentrale Motive von Vergewaltigungen. Der intime Bereich der Sexualität wird von den Tätern als Mittel gewählt, um die erniedrigende Auswirkung der Gewalthandlung zu erhöhen“. Wem es also um Macht, Überlegenheit und die Erniedrigung seiner Opfer geht, wird sich nicht lange damit begnügen sich an einer Puppe zu vergreifen. Da sollten wir uns nichts vormachen. Zu groß wird die Verlockung nach einem echten Opfer sein. Statt solche Leute dazu zu ermutigen sich psychologische Hilfe zu suchen, wird so ein Ventil geschaffen, in dem es ok ist zu vergewaltigen. Und wenn der Roboter schon so aussieht, wie eine Frau, ist der Weg zur echten Frau auch nicht mehr weit.

Anstatt sich Gedanken über das ohnehin sexistische Frauenbild in unserer Gesellschaft zu machen und besonders jungen Männern einen gesunden und respektvollen Umgang mit Frauen beizubringen, wird –neben der Überschwemmung durch Porno und co. – eine Maschine gebaut, die möglichst genauso aussieht wie eine echte Frau und „immer heiß“ ist, um es mit den Worten des Herstellers zu beschreiben. Und selbst, wenn sie mal nicht „heiß“ ist, ist es egal. Man kann trotzdem mit ihr machen, was man will. Dadurch wird ein Frauenbild vermittelt, in dem Frauen nur zu Befriedigung der eigenen sexuellen Bedürfnisse da sind und in dem ihnen auch nach Belieben Gewalt angetan werden kann.

Dabei wird Frauen auf der ganzen Welt ohnehin schon viel zu oft Gewalt angetan. Wer in den vergangenen Wochen die Medien verfolgt hat, wird um den Fall von Kim Wall nicht herumgekommen sein. Die schwedische Journalistin, die bereits Reportagen auf der ganzen Welt gemacht hatte, wollte am 10. August einen Bericht über den dänischen Konstrukteur Peter Madsen schreiben. Peter Madsen war dafür bekannt, dass er als Hobby U-Boote und Raketen mit seinen Freunden gebaut hat. In Walls Reportage sollte es um sein letztes U-Boot, die knapp 18 m lange „UC3 Nautilus“ gehen. Dazu bestieg Wall gemeinsam mit Madsen an diesem Donnerstagabend das U-Boot, wo sie zuletzt gesehen wurde. Als Wall nicht nach Hause kam, rief ihr Freund die Polizei, Madsen wurde am nächsten Tag von einem Rettungsteam geborgen, als das U-Boot sank. Zunächst sagte er, dass er Wall noch an dem Abend an einer anderen Stelle abgesetzt hatte. Als die Widersprüche in seiner Geschichte immer größer wurden, gab er an, dass Wall bei einem Unfall gestorben sei und er ihr eine „Seebestattung“ bereitet hätte. So richtig glaubte da doch niemand dran. Wenige Tage danach wurde ein Frauentorso (ohne Arme, Beine und Kopf), der mit Metall beschwert war, an einer Insel angespült. Ein DNA-Vergleich ergab nun die schreckliche Gewissheit: bei dem Körper handelt es sich um Wall. Wohl hatte Madsen die junge Frau auf seinem U-Boot ermordet und anschließend zerstückelt und Metall an ihr befestigt, damit die Leiche nicht an die Oberfläche kommt. Was sich anhört wie eine Schauergeschichte ist nur ein besonders brutaler und medienwirksamer Fall von Gewalt an Frauen. In Südostasien (bekannt sind vor allem Thailand und die Philippinen, wobei Malaysia sich nunmehr zur Szene des „Sextourismus entwickelt) ist es keine Seltenheit, dass Frauen und auch Mädchen sich prostituieren müssen. Oft ist Prostitution die einzige Möglichkeit die Familie aus dem Elend und der Armut herauszuholen. Das Alter der Mädchen ist da den, oftmals aus dem Westen stammenden, Freiern herzlich egal. Auch ob das alles unter Zwang geschieht.

Frauen(körper) als Ware

Eines der gefährlichsten Länder für Frauen bleibt nach wie vor Mexiko. Zahlreiche Frauen werden hier tagtäglich ermordet. Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass sie nur aufgrund ihres Geschlechts zu Opfern werden. Oftmals sind es junge Frauen, die in Fabriken arbeiten. In Mexiko gibt es mittlerweile ein eigenes Wort für die Ermordung von Frauen: „Feminicido“, also Feminizid. Drogenkartelle, Organhändler, sonstige Verbrecher oder sogar Familienmitglieder, sie alle können Täter sein. Oft werden die Frauen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, nachdem sie zur Prostitution oder ähnlichem gezwungen wurden und anschließend einfach auf der Straße liegen gelassen. Besonders die Grenzstadt Ciudad Juarez galt lange Zeit als „Hauptstadt der Frauenmorde“. Wirkliche Ermittlungen seitens der Polizei werden selten angestrebt. Zu groß ist die Korruption dort, zu groß ist die Überzeugung, dass Frauen ermordet werden können – nur weil sie Frauen sind. Doch wehren sich die Frauen in Mexiko gegen die Gewalt, die ihnen angetan wird. Vor einigen Monaten setzte sich der Hashtag #SiMeMatan durch, der bedeutet: „Wenn sie mich töten…“. Das war eine Reaktion auf eine Aussage eines Staatsanwalts, der eine junge Frau, die ermordet wurde, als „Alkoholikerin und schlechte Studentin“ bezeichnete und ihr somit selbst die Schuld für ihr Schicksal gab.

Ob in Mexiko, Südostasien oder Deutschland, dieses Muster sehen wir überall. Die Frau wird für die Gewalt, die ihr angetan wird, verantwortlich gemacht. Dabei muss sich nicht an der Länge unserer Röcke etwas ändern, sondern in den Köpfen der Menschen. Wir sind keine Spielzeuge, mit denen man machen kann, was man will und anschließend auf den Müll werfen kann. Wir verdienen ein Leben mit gleichen Rechten und ohne Gewalt. Denn keine von uns, will #SiMeMatan schreiben müssen.