Ausbildungsbedingungen verbessern!

Tugba Bakirci

In ihrer Kampagne „Plan B“ bezüglich der Bundestagswahl fordert die DGB Jugend unter anderem einen bezahlbaren Wohnraum, bessere Bildung und gerechtes BAFöG. Der „12. Ausbildungsreport“ der DGB-Jugend zeigt deutlich, unter welchen Umständen Auszubildende in Deutschland heutzutage ausgebildet werden. Hierzu wurden über 12.000 Auszubildende aus den 25 häufigsten Ausbildungsberufen befragt. Der diesjährige Themenschwerpunkt lag bei der Qualität der Berufsschulen.

Überstunden machen auch bei den Auszubildenden keinen Halt

Insgesamt sind 71,9 Prozent der Azubis zufrieden mit ihrer Ausbildung, doch ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt, dass über 30% der Befragten regelmäßig Überstunden leisten muss. Pro Woche sind es im Durchschnitt 4,3 Stunden. Nach dem Gesetz sind Überstunden von Azubis besonders zu vergüten oder durch Freizeit auszugleichen. Doch hier gibt es Unterschiede zwischen gesetzlicher Regelung und Ausbildungspraxis. 13,4% derer, die Überstunden leisten, erhalten dafür keinerlei Gegenleistung.

Die Überstunden machen sogar keinen Halt bei minderjährigen Azubis. Jeder Zehnte der Minderjährigen muss in der Woche mehr als 40 Stunden arbeiten. Bei Minderjährigen gilt das Jugendarbeitsschutzgesetz, welcher ihnen einen besonderen Schutz bieten soll, aber sehr oft nicht eingehalten wird. Dabei sollte die Einhaltung des Jugendarbeitsschutzgesetzes selbstverständlich sein und der Staat trägt die Verantwortung, dies zu prüfen und -sogar mit Strafmaßnahmen- für dessen Einhaltung zu sorgen.

568 Euro für ein eigenständiges Leben?

Im Ausbildungsreport fordert die Gewerkschaftsjugend eine Ausbildungsvergütung, die Auszubildenden ein „eigenständiges Leben und gesellschaftliche Teilnahme ermöglicht“. Die durchschnittliche Ausbildungsvergütung liegt momentan bei 717 Euro über alle Ausbildungsjahre, Berufe und das Geschlecht hinweg.

Doch die durchschnittliche Vergütung kann täuschen und muss differenziert betrachtet werden. Beispielsweise verdienen Auszubildende im ersten Lehrjahr des Friseurhandwerks teilweise nur 200 € im Monat, während angehende Bankkaufleute bereits dritten Lehrjahr 1070 € verdienen.

Für ein eigenständiges und planbares Leben ist die Übernahme nach der Ausbildung ein bedeutender Faktor, doch 42,6 Prozent der Auszubildenden im letzten Jahr wissen noch nicht, ob sie im Anschluss an ihre Ausbildung übernommen werden. Auch bei der Frage der Übernahme gibt es gravierende Unterschiede. Besonders bei den Berufen der Mechatroniker oder auch der Zerspanungsmechaniker werden fast die Hälfte der Auszubildenden direkt nach der Ausbildung übernommen. Zum Vergleich, wird nicht mal jeder fünfte Verkäufer oder Tischler nach der Ausbildung übernommen.

Nicht nur der Mindestlohn ist lückenhaft und unzureichend, es fehlt auch eine Mindestausbildungsvergütung mit der junge Menschen von der Willkür ihrer Arbeitgeber geschützt werden können.

Junge Frauen sind häufiger in den Berufen mit der niedrigeren Ausbildungsvergütung

Wie in den Jahren zuvor, wird auch dieses Jahr deutlich, dass junge Frauen viel häufiger in Berufen mit niedrigeren Ausbildungsvergütungen und schlechteren Ausbildungsbedingungen arbeiten, als junge Männer. Nach wie vor sind die technischen und handwerklichen Ausbildungsberufe männlich und der Dienstleistungssektor eher stark weiblich geprägt. Diese Unterschiede zeigen sich auch in der Ausbildungsvergütung. Auszubildende in weiblich dominierten Ausbildungsberufen erhalten im dritten Ausbildungsjahr im Monat durchschnittlich 115 Euro weniger als Auszubildende in den männlich dominierten Ausbildungsberufen. Diese Schneise zieht sich durch die gesamte Gesellschaft und im weiteren Berufsleben weiter: Frauen bekommen trotz gleicher Arbeit weniger Lohn.

Nur jeder vierte Azubi kann sich in seiner Freizeit erholen

Jeder Vierte Azubi hat „immer“ oder „häufig“ Probleme, sich nach der Ausbildung zu erholen. Die Arbeitszeit, die Belastung durch ständige Erreichbarkeit und auch der Leistungs- und Zeitdruck spielen eine wichtige Rolle darin, dass viele Azubis psychische und körperliche Beschwerden haben. Aber auch die Notwendigkeit, wegen der unzureichenden Vergütung, einen Nebenjob annehmen zu müssen wirkt sich negativ auf die Ausbildungszufriedenheit aus. Dies führt dazu, dass die Auszubildenden fast keine Erholungszeit haben.

Viele Azubis müssen Arbeit mit nach Hause nehmen. So gaben beispielsweise über 30% der Befragten an, ihr Berichtsheft nie während der Arbeitszeit, sondern immer zu Hause auszufüllen, obwohl diese Tätigkeit gesetzlich ein Teil der Arbeitszeit ist und auch in dieser Zeit verrichtet werden muss. In vielen dieser Fälle ist eine stärkere gesetzliche Kontrolle der Ausbildungsbedingungen notwendig. Den Arbeitgebern eine Art Vertrauen zu schenken, ist nicht Aufgabe des Staates.

Ausbleibende Investitionen in das Bildungssystem

Die Berufsschule spielt im Rahmen der Ausbildung eine zentrale Rolle. Neben dem Betrieb ist sie der zweite Lernort für die Auszubildenden, weswegen Betrieb und Berufsschule gut abgestimmt sein müssen. Doch nur 49,6 % der Auszubildenden bewerten diese Abstimmung als „sehr gut“ bis „gut“. Außerdem fühlt sich insgesamt nur die Hälfte der Azubis gut auf die theoretische Abschlussprüfung vorbereitet.
Den Grund dafür sieht die Gewerkschaftsjugend in der seit über Jahren ausbleibenden Investition in das Bildungssystem. Auch die durchschnittliche Klassengröße von 21,5 Auszubildenden hat einen negativen Einfluss auf die Lernatmosphäre in der Klasse.

2016 haben von den 803.613 ausbildungsinteressierten Jugendlichen gerade einmal 64,7 Prozent einen Ausbildungsvertrag bekommen. Die Arbeitgeber behaupten, dass die Bewerber meist nicht ausbildungsreif seien, doch die Jugendlichen haben durchaus die notwendigen Kompetenzen für eine Ausbildung. Besonders schwer haben es Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss, denn viele Unternehmen suchen sich nur die besten aus.

Der Ausbildungsreport 2017 zeigt, dass sich im Vergleich zum vergangen Jahr wenig geändert oder gar verschlechtert hat. Das Berufsbildungsgesetz (BBIG) muss im positiven Interesse der Auszubildenden geändert und verbessert werden, statt Missachtungen von gesetzlichen Rahmenbedingungen gegenüber Stillschweigen walten zu lassen. Aber auch die Investition in die Berufsschulen ist umgehend notwendig.