Der jüngster Bundestagskandidat

Alle Parteien haben bei diesen Wahlen versucht die Jugend für sich zu gewinnen. Seit Jahren wird über die Politikverdrossenheit unter der Jugend diskutiert und spekuliert. Bei diesen Wahlen kann man durchaus eine Mobilisierung der Jugend beobachten. Viele Jugendliche sind von Tür zur Tür gezogen und haben für ihre Partei geworben. Einer dieser Jugendlichen ist Diyar Agu aus Gummersbach.

Interview: Aziz Kocyigit

Kannst du dich uns kurz vorstellen?

Ich bin 18 Jahre alt und gebürtiger Gummersbacher, jedoch mit kurdischen Wurzeln.

Ich war bis vor kurzem noch Schüler und habe im Juli 2017 mein Abitur am Städtischen Lindengymnasium Gummersbach mit 1,5 abgeschlossen. In der Schule war ich als Stufensprecher tätig und habe neben der Schulkonferenz auch am Gummersbacher Schülerforum teilgenommen. Zudem habe ich ein Benefizkonzert für Geflüchtete in der Halle 32 mitorganisiert. Für mein soziales Engagement habe ich den Förderpreis des Fördervereins des Gummersbacher Lindengymnasiums erhalten.

Ich bin 2015 in die Partei „DIE LINKE“ eingetreten und habe ein Schülerpraktikum bei der Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau absolviert. 2016 wurde ich zum Sprecher des Gummersbacher Ortsverbandes der LINKEN gewählt. Die Funktion übe ich bis heute aus. Außerdem war ich Delegierter auf dem jüngsten Bundesparteitag der Linken. Auf der NRW-Landesliste der LINKEN war ich auf Platz 24. In meiner Freizeit schaue ich mir sowohl Formel 1 Rennen als auch die Handballspiele des VfL Gummersbach gerne an.

Du trägst den Titel „jüngster Bundestagskandidat“. Was sind deine Gründe, dich mit Politik zu beschäftigen und dich für deine Ideen einzusetzen?

Mein Interesse für Politik begann damit, dass ich irgendwann nicht mehr länger Zuschauen wollte wie Ungerechtigkeiten täglich durch unsere Welt gehen, ohne dass etwas konkretes dagegen getan wird. Neben der vielen direkten Gewalt, mit denen Menschen in Krisen geprägten Regionen täglich konfrontiert sind, gibt es noch ein Gewalt, die strukturell bedingt und systematisch vom Staat ausgeht. Dazu gehört Bildungsungleichheit, die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen, aber auch der Hungertod.

Mir ist das Thema der Ungerechtigkeit auch deshalb so wichtig, weil ich kurdische Eltern habe, die aus dem Südosten der Türkei kommen. Meine Großeltern wissen noch ganz genau, was es heißt wenn Dörfer niedergebrannt, Menschen verschleppt werden oder fliehen müssen. Ich habe ein ganz anderes Empfinden dafür, weil ich und meine Familie es am eigenen Leib erfahren haben. Ich habe meine Seite relativ früh gewählt, ich stelle mich an die Seite der Schwächsten in der Gesellschaft. Für die will ich kämpfen.

Und Da wo meine Eltern herkommen, werden Menschen, die sich politisch engagieren verfolgt und inhaftiert. Bei uns hingegen herrscht die Freiheit. Wir leben in einer Demokratie. Deshalb sehe ich es als Selbstverständlichkeit und Pflicht an für junge Menschen, dass sie sich engagieren und in die Gesellschaft einbringen. Es ist eine schwierige Herausforderung, aber durchaus machbar, dieser Aufgabe muss sich die Jugend stellen.

Du hast mehrere Wochen und Monate unermüdlich Wahlkampf geführt. Was sind deine positiven und negativen Erlebnisse?

Es gab Einige die Zweifel an meiner Kandidatur hatten, weil sie dachten mir könnte die Erfahrung in so jungen Jahren fehlen. Nichts desto trotz habe ich versucht vor allem argumentativ zb. Auf Podiumsdiskussionen zu beweisen, dass man auch durch aus in jungen Jahren politisch etwas zu sagen hat. Ich halte nicht nur mit den Älteren Kandidaten mit, sondern biete Ihnen regelrecht die Stirn. Es ist nie einfach gewesen, aber wir jungen Menschen haben oft bewiesen, dass wir es können.

Andererseits gab es auch viel Lob von älteren Menschen, die es gut finden, wenn sich die Jugend politisch engagiert. Eine Akzeptanz ist vorhanden, vor allem dann, wenn ich auch die Möglichkeit habe mich vor anderen Menschen zu äußern. Ich konnte mit meinem Auftreten viele Menschen davon überzeugen, dass das Alter keine Rolle spielt, sondern in erster Linie die Wünsche und Ziele, die man im Bundestag umsetzen will, wichtig sind.

Im direkten Gespräch konnte ich den Wählerinnen und Wähler, die noch Vorurteile gegenüber meine Partei hegten, ein ganz anderes Bild der LINKEN vermitteln. Dann hieß es „Ich wusste nicht, dass DIE LINKE. solch guten Positionen vertritt.“. Beim Häusertürwahlkampf traf ich auch auf AfD-Sympathisanten, die zu keinerlei Gesprächen bereit waren.

Wie bewertest du das Wahlergebnis?

DIE LINKE. konnte sowohl im Oberbergischen Kreis als auch bundesweit zulegen. Besonders zufrieden bin ich aber vor allem mit unserem Wahlkampf vor Ort. Ich konnte mein wichtigstes Ziel für die Bundestagswahl erreichen und eine Vorbildfunktion für junge Menschen einnehmen. Ich habe geschafft, dass Politik für die Jüngeren interessanter wird. Viele Menschen sind auf mich zugekommen und wollen jetzt auch aktiv werden in einer Partei, nachdem sie gesehen haben, dass ich kandidiere. Darauf bin ich stolz und hoffe für meine Partei, dass wir in Zukunft noch stärker werden und gleichzeitig die AfD schwächen. Dass eine offen rassistische und neofaschistische Partei so viele Stimmen bekommen hat, ist ein Rückschlag für unsere Demokratie. Hier sehe ich in kommenden vier Jahren eine große Verantwortung bei der Linkspartei eine erfolgreiche Gegenstimme zu sein.

Wie geht es für dich weiter mit deinem Leben und deinem Engagement?

Ab Oktober werde ich an der RWTH Aachen Wirtschaftsingenieurwesen studieren, denn eine Grundausbildung ist unglaublich wichtig, vor allem in den jungen Jahren. Danach kann man ohne Probleme in die Bundespolitik gehen. Ich will neben meinem Studium mich weiter politisch engagieren, mich stärker in der Partei zB. Im Landesvorstand einsetzen. In 10 Jahren möchte ich aber im Bundestag sitzen und an Gesetzen mitwirken, die in unserem Land für mehr Gerechtigkeit sorgen. Ein Wunsch bleibt dennoch: ich würde irgendwann gerne wieder in die Heimat meiner Eltern reisen wollen, um meine Familie zu besuchen, was derzeit unter Erdogan jedoch nicht möglich ist.