Lohngerechtigkeit?

Sidar Carman

Die Frage, an der sich nach wie vor alle Probleme der mangelnden Gleichstellung von Frauen und Männern wie im Brennglas zeigen, ist die der Erwerbstätigkeit von Frauen. Obwohl Kinder unumstritten Mütter und Väter haben, wird die Verantwortung für die Versorgung der Kinder und die Frage, wie diese mit einer Erwerbstätigkeit vereinbart werden kann, immer noch allein den Frauen zugeschoben. In Deutschland verdienen Frauen durchschnittlich 21 Prozent weniger Lohn und Gehalt als Männer – bei gleicher bzw. gleichwertiger Arbeit. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts veranschaulichen es noch genauer: „Der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen ist mit 16,26 Euro um 21 % niedriger als der von Männern (20,71 Euro). D.h. für jeden Euro, den ein Mann verdient, erhält eine Frau lediglich 79 Cent.“

Frauen verdienen weniger als Männer. An dieser Wirklichkeit hat sich seit den Anfängen der Lohnarbeit und dem zahlenmäßigen Anstieg der erwerbstätigen Frauen nichts geändert. Die Lohngefälle zwischen Frauen und Männern hat sich verringert – ohne Frage. Doch von einer konsequenten Beseitigung der ungleichen Bezahlung zwischen den Geschlechtern sind wir noch fern entfernt. Weltweit arbeiten 600 Millionen Frauen in unsicheren, befristeten und geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen – eine Realität, mit der auch immer mehr Frauen in Deutschland konfrontiert werden.

Frauenerwerbsquote nimmt zu, doch nicht ihre Löhne

Im Juli 2017 veröffentlichte die Bundesagentur für Arbeit den statistischen Jahresbericht zur Arbeitsmarktsituation von Frauen und Männern 2016. So gingen in Deutschland im Jahr 2015 40,3 Millionen Menschen einer Erwerbstätigkeit nach – 21,5 Millionen Männer und 18,8 Millionen Frauen. Addiert man zu den Erwerbstätigen die Zahl der Erwerbslosen, ergibt sich eine Zahl von insgesamt 42,2 Millionen Erwerbspersonen. (Neuere Zahlen des Statistischen Bundesamts gehen sogar von einer Gesamtzahl von aktuell 44,2 Millionen aus). Der Anstieg der Beschäftigtenzahl geht dabei vor allem auf den Zuwachs von erwerbstätigen Frauen zurück. Zwischen 2005 und 2015 wuchs die Zahl der Erwerbspersonen um 3,2 Millionen, davon 2,2 Frauen!

Ja, immer mehr Frauen arbeiten. Spannend bleibt natürlich nun die Frage nach den Formen der Erwerbsarbeit. D.h. gibt es eine geschlechtsspezifische Aufteilung der Arbeit? Und auch hier wird wieder klar: Minijobs und Teilzeitbeschäftigung bleiben eine reine Frauendomäne. 70% der Beschäftigten in Teilzeit sind Frauen. Zwei Drittel der geringfügig Beschäftigten sind wiederum Frauen. Der Frauenanteil am Niedriglohnbereich beträgt insgesamt 69,6%. Weniger als ein Drittel der arbeitenden türkeistämmigen Migrant*innen arbeiten in sozialversicherungspflichtigen Tätigkeiten. Der Anstieg der Frauenarbeit ist eng verflochten mit ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen, gering entlohnten und entfesselten bzw. flexiblen und geringen Arbeitszeiten. Kurzum: Arbeit von der Frau nicht leben kann.

Arm trotz Arbeit

Mit dem Armutsbericht der Bundesregierung im Frühjahr 2017 wurde ebenfalls deutlich: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird tiefer. Dabei bildet er nur die Spitze des Eisbergs ab. Von einer konsequenten Bekämpfung der sozialen und ökonomischen Schieflage in der Gesellschaft bleibt die Politik weit entfernt. Die stetig wachsende Armutsentwicklung ist Folge einer Politik, die den Rücken der Reichen und Konzerne stärkt. Im Kern entspringt sie aus jener Logik, in dem der Profit Vorrang vor dem Menschen hat. Der Großteil der Beschäftigten, Frauen und Jugendlichen haben ihr Nachsehen: Mit prekären Beschäftigungsverhältnissen – wie Minijob, Teilzeit, Leiharbeit, Solo-Selbständigkeit und Werkvertrag – werden Löhne und Gehälter nach unten gedrückt. Fast jeder Dritte muss trotz Arbeit ergänzend „aufstocken“. Geringe Löhne und Gehälter, wie auch Lücken in der Erwerbsbiographie (z.B. Schwangerschaft) führen unmittelbar zu geringen Renten und erhöht das Risiko auf Armut im Alter. Diskriminierende Gesetze, Regelungen und Vorurteile gegenüber Migrant*innen legen den Nährboden für Ausgrenzung und das Abdriften in prekäre Arbeit.

Frauen sind nicht mehr Dazuverdienerinnen

Die Erwerbstätigkeit der Frauen ist zwar gestiegen, jedoch nicht ihr Arbeitsvolumen. D.h. Frauen sind zwar vergleichsweise mehr beschäftigt als früher, sie arbeiten jedoch zu weniger Arbeitsstunden und zu geringerem Lohn als Männer. Frauen üben Call-Center Tätigkeiten aus, sie sind in der Reinigung beschäftigt, sie sind im Sozialen tätig, sind Erzieherinnen oder vielleicht auch Laborantinnen. Die Verschiebung der weiblichen Rolle von der Hausfrau zur Hauptverdienerin in der Familie wird als Modernisierung der Geschlechterverhältnisse bewertet. Sicherlich, die Möglichkeit an der gesellschaftlichen Produktion teilhaben zu können, hat aus frauenpolitischer Sicht eine hohe Bedeutung. Ihre ökonomische Unabhängigkeit und die Möglichkeit, außerhalb der Familie, soziale Beziehungen aufbauen bzw. einen Platz am gesellschaftlichen Leben einnehmen zu können, sind unverzichtbar für die Gleichstellung von Frauen.

Was bleibt…

Frauen sind heute nicht mehr nur „Dazuverdienerinnen“. Sie bringen zunehmend den Großteil des Familieneinkommens auf. Die Erkenntnis, dass diese Entwicklung jedoch einher geht mit einem Modernisierungsschub in den Geschlechterverhältnissen, ist unvollständig. Die Verschlechterungen bei den Beschäftigungsbedingungen und der Rückgang der Löhne der Männer auf das „Niveau“ der Frauen, dürfen sicherlich nicht als Modernisierungsschub betrachtet werden. Zumal die Ergebnisse mitunter auch auf die prekäre soziale Lage der Menschen und Familien hinweisen. Denn, wenn das geringe Einkommen der Frauen bereits zunehmend den Großteil des Haupteinkommens in der Familie ausmacht, so belegt dies in erster Linie die verheerende Armutsentwicklung in der Gesellschaft, und damit auch in den Familien.

Es ist wichtig, sich nicht nur auf die Entwicklung der Beschäftigungszahlen von Frauen zu konzentrieren. Dieser Ansatz wäre nur ein Blick auf die äußere Hülle. Viel wichtiger ist es, ihn ins Innere zu richten. Auf die Bedingungen wie Frauen arbeiten, und zu welchen Löhnen. Denn Letztere verdeutlichen, dass die Löhne heute nicht mehr ausreichen, um die Familien zu versorgen. Dies gilt sowohl für Männer, viel mehr aber für Frauen.