Letztes Jahr hatten wir eine Kampagne für Asli und dieses Jahr für Ahmet

Aziz Kocyigit

Auf der Frankfurter Buchmesse interviewten wir Can Dündar, welcher an verschiedenen Diskussionen und Aktivitäten teilnahm, welche seine letzten Arbeiten thematisierten. Der auch als TV-Moderator arbeitende Kolumnist und ehemalige Chefredakteur der Tageszeitung Cumhuriyet wurde 2015 der Spionage angeklagt und festgenommen. Am 6. Mai 2016 wurde Dündar der Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen für schuldig befunden. Er wurde zu fünf Jahren und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Dündar legte Revision ein, das Urteil ist nicht rechtskräftig. Dündar lebt und arbeitet seitdem in Deutschland im Exil.
Dündar ist der Meinung, dass die Türkei schon immer ein Teil der deutschen Agenda darstellte. „Letztes Jahr hatten wir auf der Buchmesse ein Treffen für Asli Erdogan und dieses Jahr für Ahmet Sik“. Er berichtete über sein neues Buch „Vatan Haini“ (Verräter), welches um seine Zeit im Exil handelt.

Sie nahmen an zahlreichen Events auf der Frankfurter Buchmesse teil..
Die Türkei ist dabei das Top-Thema der Buchmesse, was ist Ihre Meinung dazu?
Ich war schon letztes Jahr hier und es war zu dieser Zeit sogar noch intensiver. Die Türkei war immer ein Teil der Agenda dieses Landes und ist Teil der deutschen Politik. Letztes Jahr befand sich Asli Erdogan im Gefängnis, wir hatten Veranstaltungen und Meetings für ihre Freilassung und diese waren sogar erfolgreich. Diese Jahr hatten wir welche für die Freilassung von Ahmet Sik, der sich gerade auch in Haft befindet.
Unglücklicherweise ist es so wie Ahmet sagt „Der Gott des Faschismus ändert sich, aber die Ideologie bleibt die gleiche“.

Würden Sie behaupten, dass Sie momentan Glück haben?
Ja, ich war im Gefängnis und sah der Pistole in den Lauf, ich entkam jedoch. Wenn man das als Glück bezeichnen möchte, dann ja. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich das persönlich so sehen würde. Die Menschen in der Türkei müssen verstehen, dass es außerhalb der Türkei auch nicht das Paradies ist. Deutschland ist das Land in dem der türkische Geheimdienst MIT sehr intensiv arbeitet. Wir sollten dabei an Erdogans Worte denken „ Erwürgt die Verräter wenn ihr sie seht“. Defacto muss man bei einem rachsüchtigen Anführer wie Erdogan immer darauf vorbereitet sein, in jedem Teil der Welt verfolgt zu werden.

„Wir werden die Bücher, die in der Türkei nicht veröffentlicht werden dürfen, veröffentlichen“

Dieses Jahr gab es eine große Zahl an türkischen Journalisten, Autoren und Verlägen, welche diverse Auszeichnungen erhalten haben. Würden Sie das als verstärkte, internationale Unterstützung auffassen?
Die Menschen verstehen endlich, was in der Türkei geschieht, was für eine Art von Person Erdogan ist und zeigen Solidarität uns gegenüber. Was man jedoch trotz alledem erwähnen muss ist, dass dies größtenteils erst ab der Inhaftierung von Deniz Yücel und Peter Steudner geschah.

 

Also würden Sie behaupten, dass das Interesse erst entstand nach der Inhaftierung eigener Staatsbürger?
Leider ja, aber das ist anderseits auch ziemlich verständlich. Ich meine: Wie viel Beachtung schenken wir selber denn den Journalisten die umgebracht wurden in Mexiko und den Zeitungen, welche in Polen geschlossen wurden? Es ist nun mal Tatsache, dass man meist Geschehnissen erst Beachtung schenkt, wenn man selber davon Betroffen ist. Dies ist auch das, was in diesem Fall geschah. Ich vermute Deutschland hat erst verstanden, was wir durchmachen, als ihre eigenen Staatsbürger davon betroffen waren.

Können Sie uns etwas über Ihre Zukunftspläne erzählen?
Wir haben ein neues Nachrichtenportal Namens „Özgürüz“ in die Welt gerufen, und angefangen, monatlich Journale mit detaillierten Analysen zur aktuellen Situation in der Türkei herauszubringen. Außerdem planen wir, einen Verlag zu gründen, welche die Bücher drucken soll, die in der Türkei nicht veröffentlicht werden dürfen.
Allgemein mache ich das, was ich im Leben gelernt habe: Bücher, Magazine und Online-Publikationen zu veröffentlichen. Mit anderen Worten versuchen wir alles, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Für die Zukunft steht auch schon der Plan, einen Fernsehkanal und einen Radiokanal zu eröffnen, diesbezüglich haben wir auch schon den Antrag eingereicht eine Radiostation ins Leben zu rufen.

„In meinem Buch beschreibe ich meine Zeit im Exil“

Wenn Sie sich Ihre Pläne ansehen, denken Sie dann daran, hier zu bleiben?
Ich könnte auch schon wieder morgen zurück sein. Die Türkei ist ein Land voller Überraschungen. Vor vier Jahren hätte niemand mit den Gezi Protesten gerechnet, genauso kann auch niemand die Zukunft voraussehen.

Ihr neues Buch „Vatan Haini“ (Verräter) wurde gerade erst veröffentlicht. Können Sie uns etwas darüber sagen?
Ich schrieb über das, was ich hier in dem letzten Jahr in Deutschland wahrgenommen habe. Es handelt über meine Zeit im Exil und was ich beobachtet habe, die deutsche Gesellschaft und die Situation derer, welche sich in Gefangenschaft befinden.

Was waren die ersten Reaktionen darauf?
Die Veröffentlichung ist nun eine Woche her, ich hatte einige Gespräche mit der deutschen Presse in den vergangenen Tagen. Die Reaktionen welche ich bekam waren sehr gut.

 

Übersetzt von Emek Babuskin Kocyigit