Syrische Kinderarbeiter

Nilgün Tunçcan Ongan

Das auf Wirtschaft und Menschenrechte fokussierte Menschenrechtszentrum BHRRC führte eine Umfrage unter 37 europäischen Unternehmen durch, deren Zulieferer in der Türkei produzieren. Nach der Studie werden bei der Produktion für führende europäische Textilunternehmen Kinderarbeiter eingesetzt.

Bei einer weiteren BHRRC-Studie aus dem vergangenen Jahr war man zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Einige der befragten Unternehmen, darunter H&M und Next mussten damals einräumen, dass ihre türkischen Zulieferer syrische Kinder beschäftigen.

Die Angaben bestätigen, dass Kinderarbeit nicht ein Problem von ausschließlich unterentwickelten Ländern ist. Auch führende europäische Marken profitieren davon.

Das Wesen des Problems liegt also nicht im Entwicklungsgrad der jeweiligen Wirtschaft, sondern im Bestreben, billige Arbeitskraft zu erschließen. Ansätze, die diesen strukturellen Aspekt nicht berücksichtigen, leisten deshalb keinen Beitrag zur Lösung des Problems.

Der BHRRC-Sprecher bedankte sich damals bei H&M und Next für deren „Ehrlichkeit“. Viele europäische Marken erklären, sie hätten zum Schutz der eingesetzten Arbeiter wichtige Maßnahmen ergriffen. Insbesondere britische Textilfirmen lassen in China, Kambodscha, Bangladesch und der Türkei produzieren. Allerdings konnten sie bis heute keine einzige, konkrete Maßnahme zur Verhinderung von Kinderarbeit benennen.

Es ist bekannt, dass die derzeitige Flüchtlingskrise das Problem der Kinderarbeit vertiefen. So zeigen z.B. ILO-Studien auf, dass besonders in Jordanien und dem Libanon syrische Kinder als Arbeiter beschäftigt werden. So sind rund 20 Prozent der syrischen Arbeiter in Jordanien Kinder. Im Libanon werden syrische Kinder mehrheitlich in der Landwirtschaft oder an anderen gefährlichen Arbeitsstellen beschäftigt.

Laut einer in Kilis durchgeführten Studie gaben 45 % der syrischen Kinderarbeiter an, die einzigen Verdiener in der Familie zu sein. 75 % der Eltern arbeiten nicht. 64 % der Kinder bekommen einen Monatslohn unter 250 Lira.* Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, UNHCR, sind 51 % der weltweit Geflüchteten Kinder. Ein Großteil davon seien unbegleitete Kinder aus Syrien. Kinderarbeit stellt deshalb für syrische Kinder neben psychologischen Risiken und Nichtinanspruchnahme von Schulbildung eine der größten Gefahren dar.

Andererseits ist das Problem der Kinderarbeit in der Türkei nicht ausschließlich auf die Flüchtlingskrise begrenzt. Der Jahresbericht des Gewerkschaftsinstituts DISK-AR über Kinderarbeit von 2015 hat das Tempo bei der Bekämpfung von Kinderarbeit in der Türkei stark nachgelassen. Die Zahl der Kinderarbeiter zeigt seit 2006 eine steigende Tendenz auf, so der Bericht des Instituts.

Und Studien der türkischen Statistikbehörde TÜIK zeigen, dass bei Kinderarbeit auch die Defacto-Arbeitszeit immens hoch ist. Während Schüler wöchentlich 26,5 Stunden arbeiten, haben Kinder ohne Schulbesuch eine Wochenarbeitszeit von bis zu 54,3 Stunden. Ferner gaben 3,4 % der Kinder, die als Tagelöhner oder Lohnabhängige beschäftigt werden, an, eine Verletzung bzw. körperliche Behinderung von der Arbeit davon getragen zu haben. 33 % bekommen keine Verpflegung am Arbeitsplatz und 36 % müssen ohne freien Tag durcharbeiten.

* Muazzez Harunoğulları(2016): Suriyeli Sığınmacı Çocuk İşçiler ve Sorunları: Kilis Örneği, http://tplondon.com/dergi/index.php/gd/article/view/72