„Ich kann die Fragen nach viereinhalb Jahren immer noch nicht beantworten“

Eren Gültekin

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „NSU- Kein Vergessen. Aufklären. Entgegentreten“ hat die DIDF-Jugend in Marburg zu ihrer dritten Veranstaltung eingeladen, die in Kooperation mit der IG Metall Mittelhessen, dem Asta Marburg und der Bühne für Menschenrechte stattfand. Es kamen rund 200 Menschen zum Kinosaal des Capitols, um sich das Theaterstück „Die NSU-MONOLOGE“ anzusehen.

Im Anschluss an die Veranstaltung bekamen wir die Möglichkeit, die Anwältin Seda Basay-Yildiz sowie Kutlu Yurtseven, der in dem Theaterstück eines der NSU-Opfer, Ismail Yozgat, darstellte und sich aktiv an der Aufklärung des NSU-Komplexes beteiligt, zu sprechen.

Ist der Verlauf des Prozesses das, was Sie und ihre Mandantin sich erhofft haben?

Seda Basay-Yildiz: Ich bin enttäuscht, weil ich die Fragen meiner Mandantin nach viereinhalb Jahren Prozess immer noch nicht beantworten kann. Sie stellte mir viele Fragen und ich habe versucht, mit meinen Kollegen zusammen, Antworten auf ihre Fragen und die Fragen der anderen Familien zu finden. Etwa, was die Rolle des Verfassungsschutzes anbelangt oder was die V-Leute für Rollen hatten. Und das tut mir sehr leid, dass ich am Ende des Tages die Fragen meiner Mandantin nach viereinhalb Jahren nicht beantworten kann.

Wie wird es jetzt nach dem Prozess mit den Familien der Opfer weitergehen? Welche Schritte wollen Sie noch unternehmen?

Seda Basay-Yildiz: Erstmal werden wir abwarten, was für ein Urteil fallen wird. Dann werden wir schauen, ob wir gegen das Urteil vorgehen möchten. Wir haben auch Möglichkeiten, Einspruch einzulegen. Das werden wir erst in Ruhe besprechen, wenn wir die Urteile haben, z.B. ob alle Angeklagten verurteilt werden, je nachdem, ob die Angeklagten verurteilt werden, wie die Strafen ausfallen und was in der Urteilsbegründung steht. Deshalb gilt es erstmal abzuwarten. Für meine Mandantin ist die Angelegenheit mit dem NSU-Prozess-Abschluss nicht vorbei, solange die Fragen nicht beantwortet worden sind, wie z.B. es zur Auswahl des Tatortes kam oder wer alles dieses „Trio“ unterstützt hat. Die Frage nach dem Unterstützernetzwerk ist noch komplett offen.

Kutlu, du bist eher bekannt als Musiker bei Microphone Mafia. Wie kam es dazu, hier als Schauspieler mitzumachen?

Kutlu Yurtseven: Ich bin in der Initiative „Keupstrasse ist überall“ aktiv, bin einer der Mitbegründer der Initiative und bin auch beim „NSU-Tribunal“ dabei. Im Mai 2017, als wir das Tribunal organisiert haben, habe ich persönlich das erste Mal was von den „NSU-Monologen“ gehört.

Vor einigen Wochen war ich in Stuttgart auf dem Podium und hatte dabei die Gelegenheit, das Stück von Anfang bis zum Ende zu schauen und war hin und weg. Nach dem Podium in Stuttgart wurde ich nach Berlin eingeladen und habe Michael Ruf von der „Bühne für Menschenrechte“ gesagt, dass ich bereits Erfahrung im Theater habe und ihm gerne für die Rolle des Ismail Yozgats zur Verfügung stehe. Ismail Yozgat, weil ich ihn bewundere, weil ich in ihm vieles von meinem Vater sehe, als Kämpfer, dem es egal ist, was passiert, wenn er im Dreck wühlt. Deshalb war es mir eine große Ehre, hier mitspielen zu dürfen. Michael Ruf hat mich dann gefragt, ob ich in Marburg dabei bin. Ich hatte den Flyer schon vorher bei der DIDF-Jugend gesehen, die ich schon lange kenne und auch mitverfolge. So kam ich zu dieser Ehre, hier mitspielen zu dürfen.

Wie war das damals, als du vom NSU mitbekommen hattest, dass eine Terrorzelle mit Hilfe vom Verfassungsschutz zehn Menschen ungehindert ermorden konnte?

Kutlu Yurtseven: Ich war damals Anwohner der Keupstraße. Ich habe an der Seitenstraße gewohnt, als die Nagelbombe der NSU explodierte. Die Bombe ging vor dem Kiosk einer iranischen Familie hoch, über dem unser Studio war. Ich hatte somit einen direkten Bezug zum NSU, ohne zu wissen, dass es der NSU war. Für mich war es damals schon klar, dass es sich um Nazis handelt. Wenn es im Fall der Keupstraße wirklich um Geldwäsche ginge oder es ein Krieg zwischen Türken und Kurden wäre, wie die Polizei das unterstellte, nehmen wir mal an, das wäre so und wir akzeptieren das: Aber diese Menschen leben dort in dieser Straße, die Nagelbombe hat ja darauf gezielt, so viele Menschen wie möglich zu schaden und zu töten. Wenn die ganzen Geschäftsleute Krach unter sich hätten, weshalb auch immer, deshalb würden sie doch nicht die ganze Straße in die Luft jagen, dann würde doch niemand mehr diese Straße betreten, wo sie ihre Geschäfte haben. Also war das von der Polizei von Anfang an falsch untersucht worden. Irgendwann treffen wir die Entscheidung, welchen Weg wir einschlagen. Darum war mir klar, „Wir wussten es von vornherein aber sie wollten es den Menschen anhängen“. Das ist immer dasselbe Schema seit der Wiedervereinigung.

Der Prozess neigt sich dem Ende zu und eine wirkliche Aufklärung ist nicht in Sicht. Wie sollte es weitergehen bzw. wie machst du weiter?

Kutlu Yurtseven: Erstmal müssen wir alle aufmerksam sein, weil, wie bereits Ismail Yozgat sagte: „Der Rechtsradikalismus wütet weiter“ und ganz ehrlich, wenn nur Deutschland dieses Problem wäre, wäre es schön. Überall in Europa, in der Türkei, überall zieht immer die Rassismus-Keule und da ist die Frage: wieso funktioniert das? Wofür ist Rassismus der Motor und da sind wir ganz schnell bei einer Kapitalismusdebatte. Wir können Rassismus nicht ohne den Kapitalismus sehen. Wir können nicht sagen, dass es eine Volksgruppe gibt, die das Ganze lenkt. Wir müssen erstmal in den Kopf bekommen, dass es hier nicht um Nationalitäten oder Religionen geht, sondern um Menschen, die sich dem Rassismus nähern. Wir müssen aufmerksam und besser sein und können nicht sagen, dass nur weil Nazis grausam sind, wir auch grausam sein müssen! Wir müssen die Menschen dort abholen wo sie sind und Aufklärungsarbeit leisten.