Beobachtungen vom NSU-Untersuchungsausschuss

Dogus Ali Birdal

Der hessische NSU-Untersuchungsausschuss schloss am 27. November die Zeugenaufnahme mit dem letzten Zeugen: Ismail Yozgat. Sein damals 21 Jahre alter Sohn Halit wurde am 6. April 2006 in Kassel im Internetcafé der Familie Yozgat ermordet. Halit ist das jüngste Opfer der NSU-Mordserie.

Die Eltern Halits betreten den Ausschussraum „301 P“ mit einem Bild ihres Sohnes, den sie sichtbar vor sich aufstellen. Nachdem alle Formalitäten von dem Vorsitzenden des Ausschusses, Hartmut Honka, geklärt werden, äußert Ismail Yozgat seinen einzigen Wunsch: Die Holländische-Straße, in der Halit geboren und ermordet wurde, soll in „Halitstraße“ umbenannt werden.

„Wohin soll ich mich denn noch wenden?“

„Herr Temme war da, als mein Sohn ermordet wurde.“ erklärt Yozgat. Andreas Temme, ein Mitarbeiter des Landesamts für Verfassungsschutz Hessen (LfV), befand sich zur Tatzeit im Internetcafé der Yozgats. Er gab an, das Opfer nicht hinter dem Tresen gesehen zu haben und verließ das Internetcafé unmittelbar nach der grausamen Tat. Auch als Zeuge meldete er sich nicht bei der Polizei. „Wir akzeptieren die Ortsbegehung nicht, weil sie so vorgenommen wurde, wie Herr Temme es wollte! Wir beantragen eine Ortsbegehung an der ich teilnehmen möchte, damit alle Lügen aufgedeckt werden“, fährt Ismail Yozgat fort. Der Vorsitzende gibt zu verstehen, dass dieses Anliegen nicht in der Hand des Ausschusses läge. „Ich habe mein Anliegen schon dem Bundesverfassungsgericht geäußert und kriege keine Antwort, das Gericht in München weist mich auch ab und jetzt weisen sie mich ab, wohin soll ich denn noch gehen, was soll ich denn noch machen?“, antwortet Ismail Yozgat.

Der Vorsitzende erklärt, die Benennung der Straße läge im Ermessen der Stadt Kassel und die Frage der Tatortsbegehung sei Sache der Strafermittlungsbehörde.

Das Leid eines Vaters

Hochemotionale Szenen ereignen sich, nachdem der Ausschuss Ismail Yozgat darum bittet, den Tathergang zu schildern. Ismail Yozgat begibt sich in die Mitte des Raumes und rekonstruiert mithilfe von Stühlen den Tatort. „Ich habe noch nie in meinem Leben eine Schusswunde gesehen. Seine Augen waren blau. Ich schreie Halit! Halit! Mein Sohn, was machst du, was ist passiert? Doch er gibt mir keine Antwort“. Er kniet auf dem Boden und zeigt, wie er seinen sterbenden Sohn in den Armen hält.

Vielen Zuschauern kommen die Tränen. Auf der einen Seite das Leid eines Vaters, dessen 21 Jahre alter Sohn in seinen eigenen Armen stirbt, auf der anderen Seite die Kraft und die Entschlossenheit eines Menschen, der mit allem, was ihm noch verbleibt seine Forderung nach Aufklärung geltend macht.

Temme war an dem Mord beteiligt

„Jetzt erzähle ich Ihnen von Temme“, sagt Ismail Yozgat. „Temme sitzt hier und will die 50 Cent hinlegen, die er schuldet. Und er sucht angeblich nach Halit. Doch wie kann er mit seiner Größe von 1.90 Halit`s Körper unter dem Tresen nicht sehen? Jahrelang kam er jeden Tag für fast 2 Stunden. Jedes Mal hat er 2 Kaffee getrunken. Ich kannte ihn sehr gut. Warum blieb er an dem Tag nur 15 Minuten? Und warum meldete er sich erst 2 Wochen nach der Tat? Ich verstehe nicht, was versucht man zu verstecken? Entweder hat Temme die Mörder gesehen oder er hat sie geführt oder er selber hat die Tat geplant oder gar begangen. Ich finde keine anderen Antworten als diese.“

Der Vorsitzende bedankt sich für die Schilderungen und betont, dass auch sie nicht wissen, welche der Aussagen Temmes sie für glaubwürdig halten sollen. „Wir sind leider kein Strafverfolgungsorgan. Unsere Kernaufgabe ist die Ermittlungen zu hinterfragen“, betont der Vorsitzende anschließend.

„Die Polizei hat meine Psyche zerstört“

Zu der Frage, wie sie von der Polizei behandelt wurden, antwortete Ismail Yozgat: „Jeder kann einen Fehler gemacht haben. Sie haben mir gesagt, wenn ich aussagen würde, kann das hilfreich sein. Natürlich wollte ich den Mörder meines Sohnes finden, man hat mich 9-10 Stunden lang verhört. Ich habe das gerne gemacht, da habe ich keine Beschwerden.“

„Aber ich als Mutter habe Beschwerden.“, räumt Ayse Yozgat ein. „Niemand hat mir gesagt, was passiert ist. Ich habe es erst in der Türkei erfahren, als es darum ging, meinen Sohn zu bestatten. Er war mein einziger Sohn. Auch wenn ich 10 Söhne hätte, er war mein ein und alles. Und zu hören, dass mein Sohn Drogen genommen hätte, dass er ein Verbrecher gewesen sei, für eine Mutter ist das unerträglich.  Ich muss sagen, dass sie meine Psyche zerstört haben. Ich habe mich 5 Jahre eingesperrt, bin nicht einmal einkaufen gegangen. Ich hatte Angst davor, dass die Menschen mir Vorwürfe machen würden“.

Stigmatisierung und Observation statt Hilfe

Auf die Frage des Grünen-Obmann Jürgen Frömmrich, warum die Polizei nicht in Richtung Rechtsextremismus ermittelte, obwohl Familie Yozgat sich mehrmals dafür eingesetzt hatte, sagte Ayse Yozgat, dass sie „Woche für Woche“ gesagt hätten, dass es sich um „Ausländerfeindlichkeit“ handle. Sie wisse jedoch nicht, ob die Polizei ihr „wirklich zugehört“ hätte. Stattdessen wurde die Familie über mehrere Jahre observiert, abgehört und verfolgt.

„Nach 2 Jahren haben wir erfahren, dass wir abgehört werden, nachdem wir die Polizei danach gefragt haben. Mir fiel auf, dass uns ständig ein Auto verfolgte. Das hat uns sehr beunruhigt. Wir sind nach Österreich und sie haben uns verfolgt. Wir sind nach Holland und sie haben uns verfolgt. Wir sind in die Türkei gegangen und sie kamen uns hinterher. Das Ganze ging von 2006 bis 2011. Ob wir weiterhin abgehört werden, wissen wir nicht. Aber oft habe ich das Gefühl, dass wir von jemandem verfolgt werden.“, erklärt Frau Yozgat.

„Wir wollten zeigen, dass wir eine Stimme haben“

Als Linken-Obmann Hermann Schaus nach dem Zweck der Demonstration fragte, die die Familie Yozgat in Kassel mitorganisiert hatte, antwortete Ismail Yozgat voller Entschlossenheit: „Mein Sohn wurde ermordet. Mein einziger Gedanke war, dass niemand anderes dasselbe erleiden soll. Das war der einzige Sinn, den wir verfolgten.“
Frau Yozgat räumt ein: „Bei den Opfern zuvor wurden ja die Väter umgebracht worden. Und die Kinder waren die Hinterbliebenen. Aber wir waren keine Kinder, wir wussten, wir können unsere Stimme erheben, wir wollten der ganzen Welt zeigen, dass wir eine Stimme haben, damit niemand mehr sterben muss. Unabhängig vom Glauben oder von der Herkunft. Es geht um den Menschen. Solange unsere Gesundheit das mitträgt, werden wir dafür einstehen und unsere Stimme erheben.“

„Halitplatz ist nicht was wir wollten“

Von der FDP-Fraktion, die ihr Beileid aussprach, aber dennoch sichtlich nicht sonderlich berührt war, kam der Einwand, dass schon der Halitplatz nach ihrem Sohn benannt wäre und ob dies denn nicht eine ausreichende Genugtuung für die Familie sei. „Mein Sohn ist in dieser Straße geboren und ermordet worden. Wir wollten von Anfang an diese Straße umbenannt haben. Danke für den Halitplatz, aber das war nicht das, was wir wollten. Vor Gericht hat der Anwalt von Tschäpe mal gesagt: Was wollt ihr noch? Wir haben euch 860 tausend Euro gegeben! Ich habe mich gemeldet und gesagt, dass die Familie Yozgat nicht einen Cent vom deutschen Staat angenommen hat, uns ging es nur darum, dass die Holländische Straße in Halitstraße umbenannt wird.“, antwortet Ismail Yozgat.

Wie kann es denn sein, dass in einem Land, in dem Straßen nach Kolonialverbrechern und Ex-Nazis benannt werden, kein Raum ist für eine Halitstraße ist? Eins ist klar: Die Forderung der Familie Yozgat muss unterstützt werden. Die Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße ist keine Lösung, aber steht als Symbol, das diese Gesellschaft braucht, um rechtem Gedankengut den gar aus zu machen. Es ist ein Schritt dafür, dass das Zusammenleben in Vielfalt auch auf den Straßen Deutschlands sichtbar wird.