„ Ich bereue nicht, dass ich meinen Job getan habe“

Deniz Yücel sitzt seit 11 Monaten im türkischen Gefängnis von Silivri in Untersuchungshaft. Niemand weiß, wie der Tatvorwurf gegen ihn genau lautet, weil der zuständige Staatsanwalt die Anklageschrift bis heute nicht vorgelegt hat. In einem Interview beantwortete er die Fragen des Chefredakteurs der Tageszeitung „Evrensel“, Fatih Polat, den wir hier leicht gekürzt veröffentlichen.

Seit 11 Monaten sitzt du in U-Haft und die Anklageschrift liegt noch immer nicht vor. Wie denkst du darüber?

Was soll ich schon denken? Vielleicht hat man mich ja vergessen. Oder die Anweisung, auf die man wartet, ist noch nicht gekommen. Den Lesern von „Evrensel“ muss man das alles ja nicht ausführlich erläutern. Trotzdem möchte ich beispielhaft einige Berichte nennen, die ich über die Türkei geschrieben habe. Vor anderthalb Jahren hatte ich mich mit dem Fall von Ilhan Çomak beschäftigt. Ich habe seine in Izmir lebende Familie besucht und Gespräche mit seinen Rechtsanwälten geführt. Anschließend habe ich für „Die Welt“ einen Bericht über seine Geschichte geschrieben. Zu der Zeit saß Ilhan seit 22 Jahren im Gefängnis ohne ein rechtskräftiges Urteil. Später wurde er zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Vor kurzem wurde sein Gedichtband publiziert. In diesem Land gab es und gibt es also viele ähnliche Geschichten. Das Unrecht, das mir widerfahren ist, kann ich nicht kleinreden. Jeder Tag, den man mir und meiner Frau Dilek geraubt hat, ist ein sehr wertvoller Tag. Trotzdem möchte ich nicht so tun, als wäre ich das größte Opfer dieser politischen Rechtsprechung.

Man hat den Eindruck, dass die türkische Regierung die Wogen mit Westeuropa wieder glätten möchte.

Vielleicht hat die Regierung erkannt, dass sie sich einen Krieg gegen alle nicht leisten kann. Ich glaube aber nicht, dass diese Bemühungen Früchte tragen werden. Denn die derzeitige Macht ist unter zweierlei Gesichtspunkten antiwestlich. Für sie wurde es zu einer Form des Krisenmanagements, den Westen für alle Probleme verantwortlich zu machen. Zweitens missachtet sie alles, was als „westliche Werte“ bezeichnet wird. Dabei geht es eigentlich um universelle Werte.

Wird diese Annäherung Auswirkungen auf deine Situation haben?

Ein anderer Kollege saß ca. 2 Monate in der Türkei in U-Haft. Nach seiner Entlassung im September gab es in den französischen Medien folgenden Bericht: “Es wird gesagt, es habe Verhandlungen zwischen den Regierungen gegeben. Die französische Regierung habe im Gegenzug für die Freilassung von Bureau einen Waffenhandel mit Luftabwehrsystemen zugesichert.“ Soweit ich mitverfolgen konnte, wurde dies nicht dementiert. Und während des jüngsten Besuchs von Erdoğan in Frankreich wurde ein solcher Vertrag unterzeichnet. Macron schließt einerseits das Kapitel EU-Türkei ab, andererseits möchte er anscheinend kurz vor Torschluss alles in seinen Lagern an die Türkei verhökern. Vielleicht werden ja internationale Beziehungen auf diese Art und Weise umgesetzt. Allerdings möchte ich meine Freiheit weder mit Panzern und Kanonen deutscher Rüstungskonzerne beflecken, noch möchte ich, dass die früheren Mittäter der heutigen Machthaber, die sich nach Deutschland abgesetzt haben, die meiner Ansicht nach vors Gericht gehören, als Gegenleistung für meine Freilassung an die Türkei überstellt werden. Ich werde nicht Teil von schmutzigen Verhandlungen sein.

Wie kam es eigentlich dazu, dass du Journalist wurdest?

In der neunten Klasse musste ich als Schüler ein Betriebspraktikum machen. Im Städtchen Rüsselsheim in der Nähe von Frankfurt/Main, wo ich aufwuchs, habe ich mein Praktikum in der Lokalredaktion einer Regionalzeitung gemacht. Auch danach habe ich einige Jahre für die Zeitung weiter geschrieben. Ich war damals 16 Jahre. Ich möchte ja nicht angeben, aber für das Kind einer türkeistämmigen Migrantenfamilie war das schon ein kleiner Erfolg. Am Anfang, als sich dieser Berufswunsch herauskristallisierte, verfolgte ich linke Ideale. Von der Wahrheit berichten, Menschen aufklären, die Welt zum Guten zu verändern usw. Auch heute finde ich das alles gut. Nur war die damals, also vor 30 Jahren, nur schwarz und weiß. Die grauen Zwischentöne sah ich damals nicht. Natürlich hatte die Sache auch einen anderen Aspekt. Und ich war ein neugieriger Mensch, was das A-und-O des Journalistenberufs ist.

Welcher deiner bisherigen Berichte gefällt dir am besten?

Vielleicht sollte ich von dem Bericht erzählen, der für die Türkei am interessantesten ist. Es ging natürlich um die „Gezi-Bewegung“. In den Jahren davor hatte ich immer weniger mit Bezug zur Türkei geschrieben. Während der Gezi-Proteste versuchte ich, mithilfe von sozialen Medien die Entwicklungen aus nächster Nähe zu verfolgen. In den ersten Juni-Tagen sagte ich zu meinem Chefredakteur: “Ich gehe dahin. Ob du mir den Auftrag erteilst, oder nicht. Ob du die Spesen übernimmst, oder nicht. Dabei hatte die taz ihren eigenen Türkei-Korrespondenten. Ich hatte gespürt, dass da etwas Außergewöhnliches im Gange ist. So kam ich nach Istanbul und schrieb alle Berichte aus dem Park. Ursprünglich wollte ich vier Tage hier bleiben, daraus wurden sechs Wochen. In dieser Zeit fuhr ich nach Ankara und Kayseri und traf die Vorbereitungen für ein Buchprojekt. In dem Buch mit dem Titel ‘Her yer Taksim’ waren Porträts von den „anderen 50 %“. Es wurde auch auf Italienisch publiziert, aber leider nicht auf Türkisch. Es war schon interessant, dass die meisten Journalisten, die von den Gezi-Protesten berichteten, nicht Türkei-Korrespondenten der Zeitungen waren.

Hast du es jemals bereut, nach Istanbul gekommen zu sein?

Nein. Ich wusste ja, dass ich ein Land komme, in dem „die Presse frei wie sonst in keinem anderen Land“ ist. Sonst hätte ich meine Frau nicht kennengelernt. Ich wurde ja nicht nur wegen meiner Arbeit als Geisel genommen, sondern deshalb, weil ich meine Arbeit gut mache. Warum soll ich dann etwas bereuen? Man sollte seine Entscheidungen niemals bereuen und stets sagen: „ich würde es immer wieder tun.“

In wieweit kannst du im Gefängnis Nachrichten lesen? Was bekommst du von der Solidarität mit?

Zurzeit kaufe ich täglich 11 Zeitungen. Auch meine Freunde in Deutschland schicken mir regelmäßig Zeitungen, die ich mit Verspätung erhalte. Ich habe mir einen Fernseher angeschafft. Und meine Anwälte versorgen mich auch mit Informationen. Ich habe also den Kontakt zur Außenwelt nicht abgebrochen. Vieles von der Solidarität bekomme ich auch mit. Ob in der Türkei, in Deutschland oder wo anders auf der Welt – allen, die mich und meine Mithäftlinge nicht vergessen, die sich mit uns solidarisieren, bin ich zum Dank verpflichtet.

Vor kurzem wurde die Isolationshaft beendet. Wie wirkte sich das auf dein Leben im Gefängnis aus?

Eigentlich wurde die Isolationshaft nicht ganz aufgehoben, sondern etwas gemildert. Rechte wie Sport, Gespräche, Kurse etc., die es vor dem Ausnahmezustand gab, wurden aufgehoben. Dass ich mich jetzt nach 10 Monaten Einzelhaft mit Menschen unterhalten kann, ist schön. Derzeit bin ich mit dem Journalisten Oğuz Usluer von Habertürk untergebracht. Wir haben zwar getrennte Zellen, können aber zusammen frühstücken und den Hofgang gemeinsam unternehmen. Allerdings ist Osman Kavala zurzeit der einzige (links-)oppositionelle Häftling in Isolationshaft. Er hat lediglich eine halbe Stunde in der Woche Redezeit mit seinen Anwälten.

Was sind deine Lieblingsbücher bzw. -musik?

In den ersten Monaten der Haft durfte ich keine eigenen Bücher ins Gefängnis bringen. In der gefängniseigenen Bibliothek waren viele Bücher vom Diyanet-Verlag oder von Necip Fazıl Kısakürek. Dort gab es aber auch Werke von Freud, Lenin und Horkheimer oder ehemalige Gefängnisinsassen wie Nâzım Hikmet, Kemal Tahir oder Sevgi Soysal. Ahmet Altan, der hier in U-Haft sitzt, ist mit seinen Büchern auch vertreten.

Ich habe 20 Jahre in Berlin gelebt und höre gerne Minimal House Music, aber auch Rock und Soul.