„Auch Arbeitgeber brauchen eines Tages gute Pflege!“

Sinan Cokdegerli

Wir haben uns im Rahmen der Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst mit einer aktiven Gewerkschafterin aus München getroffen und mit ihr über die Tarifrunde vor allem in Bezug auf die Situation der Azubis und Jungarbeiter gesprochen. Kathi ist 21 Jahre alt und macht eine Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. Sie ist im 3. Ausbildungsjahr und war 1,5 Jahre in der Jugend – und Auszubildendenvertretung (JAV) in ihrem Betrieb.

Der Verhandlungsauftakt in der Tarifrunde Öffentlicher Dienst ist nun vorbei. Was fordert die Gewerkschaft für die Jugend und was wollen die Arbeitgeber momentan geben?

Für die Azubis wird 100 € Erhöhung der Ausbildungs- und Praktikantenvergütungen und eine unbefristete Übernahme in Vollzeit aller Auszubildenden gefordert. Außerdem sollen die Ausbildungsbedingungen der bisher nicht tariflich geregelten Ausbildungs- und Praktikumsverhältnisse tarifiert werden und die vollständige Erstattung der Kosten für die Fahrten zu auswärtigen Berufsschulen ist ebenfalls eine wichtige Forderung.

Darüber hinaus erwarten wir 30 Tage Urlaub für alle Auszubildenden (bei Beibehaltung des Zusatzurlaubs in der Pflege), sowie den Lernmittelzuschuss von 50 Euro pro Jahr auch für die Auszubildenden in der Pflege, die bis jetzt die einzigen im öffentlichen Dienst sind, die das nicht bekommen.

Die Arbeitgeber halten unsere Forderungen und Erwartungen, wie erwartet, für komplett überzogen. Mit Aussagen wie „Die Auszubildenden verdienen schon genug!“ oder „Die sollen in der Ausbildung lernen, anstatt sich 30 Tage Urlaub zu gönnen!“ zeigen die Arbeitgeber wieder einmal, was sie von uns halten.

Besonders in der Pflege herrscht ja ein weit bekannter Personalmangel. Wie wichtig sind euch als Pflege – Azubis die Forderungen der Gewerkschaft? Würden diese langfristig für eine Aufwertung des Berufes sorgen?

Wir als Azubis finden diese Forderungen enorm wichtig, vor allem in München! Wie sollen wir uns eine Wohnung während der Ausbildung bezahlen und gleichzeitig am sozialen Leben teilhaben, Essen gehen, auch mal in den Urlaub fliegen? Und jetzt muss man sich mal überlegen, dass andere Ausbildungsberufe noch schlechter bezahlt werden, als die in der Pflege, bzw. manche Azubis kriegen sogar gar nichts.

Für eine Aufwertung der Ausbildung würde die Erfüllung der Forderungen schon sorgen. Für eine Aufwertung der Pflege allerdings kaum. Den Beschäftigten geht es allerdings schon lang nicht mehr ums Geld. In der Pflege muss eine im Gesetz festgelegte Entlastung her, in Form einer gesetzlich festgelegten Mindestpersonalbemessung, die eine humane Pflege ermöglicht und von dem sowohl die Pflegekräfte als aber auch die Patienten enorm profitieren würden. Viele Azubis und junge Leute fragen sich mittlerweile: Wozu die Ausbildung machen, wenn man nach fünf Jahren k.o. ist?!

Aus eigener Erfahrung auf Station habe ich schon examinierte Kollegen verzweifeln sehen wegen zu viel Stress und der Tatsache, dass man seinen eigenen Erwartungen, die Patienten korrekt und gut zu versorgen, nicht jeden Tag gerecht werden kann. Dabei sind auch schon häufig die Tränen geflossen.

Ich selber als zusätzlich geplante Pflegekraft habe regelmäßig ein schlechtes Gewissen, wenn ich z.B. wegen Krankheit daheim bleibe.

Die Tarifrunde im öffentlichen Dienst ist ja keine normale Tarifrunde, wie beispielsweise im Einzelhandel oder in der Metallindustrie. Dennoch läuft es in der Regel ähnlich ab und die Ausreden des Arbeitgebers (Kommune, Land oder Bund), sind meist die selben, wie die der Industriearbeitgeber. Was schließt du daraus?

Ich habe persönlich das Gefühl, dass die Berufe in denen man eine Ausbildung macht, statt zu studieren, generell schlechter bezahlt sind, was ich sehr schade finde, weil der Arbeitsaufwand an sich kaum Unterschiede hat.

Außerdem steht immer noch der Profit im Mittelpunkt statt der Mensch selber, was im Gesundheitswesen natürlich verheerend ist, da hier natürlich auch die Patienten als ein zu behandelndes Dollarzeichen gesehen werden. Und ich gebe nicht den Menschen, die im System arbeiten, die Schuld, sondern dem System selber. Und dieses gilt es durch gewerkschaftliche Arbeit ein Stückchen besser, wenn auch nur erträglicher zu machen.

In der letzten Tarifrunde im öffentlichen Dienst sind Tausende Azubis und insgesamt Zehntausende Menschen in Bayern auf die Straßen gegangen. Welche Erfahrungen hast du aus der letzten Tarifrunde in diese mitgenommen und warum ist es wichtig sich für die Forderungen einzusetzen?

Ja, das stimmt, ich war damals im 1. Ausbildungsjahr und selbst noch gar nicht gewerkschaftlich aktiv. Das war schon cool, als auf einmal so viele Menschen für eine Sache auf der Straße standen. Es hat ja auch was gebracht! Das erzähle ich auch immer den Azubis, die ich jetzt zum Streiken motivieren möchte, weil man einfach sagen kann „Hey, du kriegst jetzt 100€ und einen Urlaubstag mehr als ich damals, weil wir streiken waren! Hast du Bock das noch weiter zu steigern?“

Jetzt, wo ich gewerkschaftlich aktiv bin, merke ich erst, wie viel Arbeit generell und wie viel Überzeugungsarbeit so ein Streik ausmacht.

Es ist wichtig, sich für die Forderungen einzusetzen, weil sie uns persönlich im täglichen Leben betreffen. Wären wir außerdem nicht genug Leute auf der Straße, hat der Arbeitgeber bzw. Die Arbeitgeberin das Argument, dass es den Großteil ja gar nicht interessieren würde und alle mit dem status quo zufrieden seien. Im Extremfall würden sich die Bedingungen sogar verschlechtern.

Bei dem was die Arbeitgeber momentan bereit sind, zu geben, scheint es nicht so, als würdet ihr bei der nächsten Verhandlungsrunde auf den gleichen Nenner kommen. Seid ihr bereit zu streiken für den Fall, dass ihr streiken müsst und wie ist die Stimmung?

Auf jeden Fall sind wir bereit zu streiken! Es ist natürlich immer schwierig, alle zu motivieren, aber alles in Allem sind die Leute definitiv bereit. Also liebe Arbeitgeber: Zieht euch warm an, auch ihr braucht uns eines Tages!