Der Traum von „Groß-Türkei“

Yusuf KARATAŞ

Die Propaganda der AKP-Erdoğan-Macht war stets von expansionistischen Träumen geprägt. Deshalb beschuldigte Erdoğan die Staatsgründer Atatürk und İnönü stets, mit dem Lausanne-Vertrag die Türkei geschwächt zu haben: „Die heutige Türkei mit einer Fläche von 780 Tsd. Quadratkilometer ist leider nur noch der Rest eines großen Imperiums mit einer Gesamtfläche von 18 Mio. Quadratkilometer.“ In derselben Rede brüstete er sich damit, mit der Afrin-Offensive der ganzen Welt die Kraft der Türkei gezeigt zu haben. Die türkische Armee habe auf syrischem Boden eine Fläche von 2 Tsd. Quadratkilometer unter ihre eigene Kontrolle gebracht.

Mit Blick auf das Wahlbündnis mit der nationalistischen MHP rechnet er vor, wie man gemeinsam die „Groß-Türkei“ aufbauen wolle: 780.000 km2 +2.000 km2+…! Es sollen also neue Flächen folgen, die man mit weiteren Militäroperationen unter eigene Kontrolle bringen möchte.

Zunächst sollte darauf hingewiesen werden, dass der von AKP beklagte Verlust vom Territorien nicht der Republikgründung in die Schuhe geschoben werden darf. Selbst in der Ära des letzten Osmanischen Sultans, Abdulhamid II. verlor das Reich Bulgarien, Bosnien-Herzegowina, Kreta, Rumänien, Ägypten und Zypern an seine Gegner. Hier wird deutlich, dass mit Geschichtsklitterung ein falsches Geschichtsbild vermittelt wird.

Während man sich heute einerseits mit den „unter eigene Kontrolle gebrachten Territorien“ brüstet, legt man Wert auf die Feststellung, die Türkei sei keine Besatzungsmacht. Dieser Widerspruch macht die Türkei auf der ganzen Welt unglaubwürdig. Die Militäroperationen, die die Türkei unter dem Vorwand der „Landessicherheit“ durchführt, treibt die Türkei in neue Gefahrenlagen. Es liegt auf der Hand, dass die Grenzen der Spielwiese der Türkei von den Konflikten zwischen den in der Region aktiven imperialistischen Mächten gezogen werden. Die Türkei bewegt sich in einem Feld, das von Russland und den USA festgelegt wurde. Diese Mächte spielen immer wieder die kurdische Karte gegen die Türkei aus, um sie in die Enge zu treiben.

Niemand sollte vergessen, dass die Türkei ihre Operationen am Euphrat und in Afrin nur durchführen konnte, nachdem Russland zugestimmt hatte. Die Zustimmung erteilte Russland, weil es sich versprach, eine geschwächte Kurdenbewegung wäre viel stärker auf Russland angewiesen und würde ihre enge Zusammenarbeit mit den USA lockern. Es war also nicht dazu bereit, weil es von der „Stärke der Türkei beeindruckt gewesen wäre“, wie es die türkische Propaganda immer wieder unterstreicht.

Das, was international als „die Kurden-Sensibilität der Türkei“ bezeichnet wird, ist heute nichts anderes als ein Beharren auf der militärischen Lösung der so genannten „kurdischen Frage“. Genauso wie der Abbruch des Lösungsprozesses wird auch die Militäroffensive im Norden Syriens dazu führen, dieses Problem der Türkei weiter zu verschärfen.

Aus der Situation kann man nur ein Fazit ziehen: Die „Groß-Türkei“-Gleichung, die auf expansionistischen Träumen steht, wird das Land in neue Konflikte stürzen und innenpolitisch eine demokratische Lösung der kurdischen Frage weiter verunmöglichen. Dabei ist der Traum von einer „Groß-Türkei“ nicht der Traum der Menschen im Land. Die Mehrheit der Menschen wünscht sich ein Leben in Frieden und Freiheit, ein Land, das nicht mit Notstandsdekreten regiert wird und in dem sie Arbeit und Auskommen haben.