Pflegenotstand in Deutschland – Volksinitiative in Hamburg gestartet!

Sedat Kaya

Das Hamburger Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus startete mit einer Pressekonferenz am „Internationalen Tag der werktätigen Frau“ nun offiziell den Beginn einer Volksinitiative gegen den Pflegenotstand in Hamburg. Bis zum 29. März müssen 10.000 Unterschriften gesammelt werden, um im zweiten Schritt ein Volksbegehren im Jahre 2020 durchzuführen. Die Forderungen des Bündnisses umfassen die Einstellung von mehr Personal im Krankenhaus (in Hamburg fehlen 4.200 Vollzeitstellen, bundesweit etwa 162.000), gesetzliche Vorgaben für Personalausstattung, Entlastung, angemessene Bezahlung und qualifizierte Ausbildung sowie eine Gesundheitsversorgung, die nicht am Profit orientiert ist.

Auf der Pressekonferenz, die von Christoph Kranich, Sprecher des Bündnisses, eingeführt und moderiert wurde, sprachen Vertreter aus dem Krankenhaus, der Zivilgesellschaft und der Gewerkschaft. Kranich begann mit einer Schilderung der Umstände in der Pflege. Demnach wurde seit 25 Jahre die Pflege im Krankenhaus enorm verdichtet. Während die Zahl der Patienten in diesem Zeitraum um 34% gestiegen ist, hat die Zahl der sogenannten „Nichtärzte“, darunter auch Pflegerinnen und Pfleger, um 7% abgenommen. Im selben Zeitraum ist der Anteil der Krankenhäuser in privater Trägerschaft auf mehr als das Doppelte angestiegen, von 14,9 % auf 35,8 %.

Kirsten Rautenstrauch, Krankenpflegerin und Betriebsrätin, sprach über die zunehmende physische und psychische Belastung der Belegschaften in den Krankenhäusern aufgrund von Personalmangel. Dies habe gefährliche Folgen für die Pfleger und Patienten. Davon konnte Irene Thiele, Patientin, aus eigener Erfahrung berichten, Während eines Krankenhausaufenthaltes nach einem Unfall konnte sie die Hetze, Unorganisiertheit, den mangelnden Informationsfluss und die offensichtliche Planlosigkeit innerhalb der Station, die auf den Personalmangel im Krankenhaus zurückzuführen sei, am eigenen Körper beobachten. Als Patient werde man so vernachlässigt und Fehler werden wahrscheinlicher.

Prof. Dr. Christian Haasen vom Verein Demokratischer Ärztinnen & Ärzte (VDÄÄ) sprach die Unterstützung vieler Ärztinnen und Ärzte sowohl in den Krankenhäusern als auch in den Praxen für die Volksinitiative aus. Er sagte, dass dem Umbau des Gesundheitssystems zu einem profitorientierten Markt auch auf gesetzlicher Ebene etwas entgegengesetzt werden muss. Eine gute, qualitativ hochwertige und bedarfsorientierte Krankenversorgung muss auf stabilen Füßen stehen und das sind zu einem großen Teil die Kollegen aus der Pflege. Auch Ärzte im Krankenhaus merken den zunehmenden Druck durch die alltägliche Vorgabe, mit Medizin Gewinn erwirtschaften zu müssen. Gute Krankenhausversorgung gelingt nur berufsgruppenübergreifend im Team.

Zuletzt äußerte sich Olaf Harms, Vorsitzender des Landesbezirksvorstands der Gewerkschaft Verdi. Laut Harms herrscht in deutschen Krankenhäusern ein Personalmangel von über 160.000 Vollzeitstellen, allein auf die Pflege entfallen rund 70.000 Vollzeitstellen. Im Nachtdienst ist es dramatischer. Dort ist es die Regel, dass eine Pflegefachkraft durchschnittlich 25 Patienten allein versorgt. Dieser Personalmangel führt folgerichtig zu Überstunden. Die Beschäftigten schieben rund 35,7 Millionen Überstunden vor sich her, also 32,5 Überstunden pro Person. Doch die Politik macht sehr wenig, um dem abzuhelfen. Deshalb ist die Volksinitiative für mehr Personal wichtig. Sie entlastet nicht nur die Beschäftigten, sondern verbessert die Gesundheitsversorgung.