Massaker

Nilgün TUNÇCAN ONGAN

Laut Regierungsvertretern wurden die Listen mit Namen der Hochschulangehörigen, die wegen vermeintlicher Beteiligung am Militärputsch suspendiert werden sollten, vom Hochschulrat YÖK erstellt. YÖK wiederum verwies auf die Hochschulleitungen, die die Listen zusammengestellt hätten. Das war damals eine Bestätigung für die Mitwirkung von Uni-Führungen.

Die Kündigungswelle im Jahre 2016 sorgte nicht nur für eine Reihe von Opfern wie z.B. Mitglieder von linken Gewerkschaften. Sie warf auch Fragen auf, wer im Zuge der Suspendierungen auch in den Genuss einer gewissen Immunität kam. So fragte z.B. der CHP-Abgeordnete Tur Yıldız Biçer, warum der suspendierte Ex-Rektor der Universität von Hakkari, gegen den aktuell mit dem Vorwurf der Putschbeteiligung der Prozess gemacht wird, an der Ankara-Universität als Lehrkraft angestellt werden konnte.

Auch von anderen Unis wird ähnliches berichtet. Die Regierung, die den Ausnahmezustand vierteljährlich verlängert, versteckt sich hinter der Ausrede, die suspendierten Hochschulangehörigen wären nicht von ihr ausgewählt worden. Und die Rektorate stellen weiter Listen zusammen, ohne dass jemand die Vorwürfe kontrolliert.

Das Massaker von Eskisehir fiel in eine solche Stimmung. Der Täter an der Osmangazi-Universität, der seine Stellung durch Denunziation verfestigen konnte, hatte Hunderte von Menschen als Putschist beschuldigt und für die Entlassung von Dutzenden von Kollegen gesorgt. Als er erfuhr, dass gegen ihn wegen einer Lappalie eine Ermittlung eingeleitet wurde, lief Amok und tötete vier Menschen und verletzte drei weitere.

Es stellte sich heraus, dass der Täter Volkan Bayar als wissenschaftlicher Mitarbeiter auf eine Laufbahn voller Fragwürdigkeiten zurückblickt. Laut einem Bericht der Zeitung Milliyet hatte sein Vorgesetzter seine berufliche Unzulänglichkeit festgestellt. Der Leiter des Fachbereichs Erziehung an der Gazi-Universität soll danach einen Antrag auf Überprüfung seiner Prüfungsergebnisse, denen er die Teilnahme an einem Auslandsstipendium zu verdanken hatte, gestellt haben. Bayar, der im Rahmen des vom Erziehungsministerium finanzierten Stipendiums an die Universität Denver vermittelt wurde, soll in den USA von der Uni verwiesen worden sein. Obwohl Bayar deshalb frühzeitig in die Türkei zurückkehrte, soll das Stipendium an ihn weiter gezahlt worden sein. Dagegen bestreitet das Ministerium, Volkan Bayar als Stipendiaten finanziert zu haben.

Welche persönlichen Beziehungen hinter dem Massaker steckten, erfuhren wir aus den Erklärungen von der Dozentin Dr. Ayşe Aypay, die dabei vier ihrer Kollegen verlor. Nach ihren Angaben ist Bayar ein „bekanntes FETÖ-Mitglied“, das den Schutz des Rektors genoss.

Dr. Aypay sagt, sie habe “überall erzählt, dass Volkan Bayar die staatlichen Institutionen hinters Licht führt und die Verfolgung des Putsches für private Fehden instrumentalisiert. Trotzdem wurde er vom Rektorat geschützt. Unsere Anträge wurden auf Anordnung der Leitung nicht bearbeitet.“

Dr. Ayşe Aypay ist eine Dozentin, der man den ihr zustehenden seit längerer Zeit verwehrt. Ihr Ehemann, der an derselben Uni gelehrt hatte, wurde wegen der von Bayar erhobenen Beschuldigungen entlassen. Ihre Festanstellung als Professorin wurde aufgrund der Suspendierung ihres Ehemanns abgelehnt, obwohl er inzwischen von allen Anschuldigungen freigesprochen wurde. Es gibt bestimmt sehr viele Fälle, bei denen viele Akademiker aufgrund des Denunziantentums ihre Jobs verloren haben. Die Täter sitzen weiterhin in Führungsetagen von Hochschulen und suchen „genehme und loyale Wissenschaftler“ als Mitarbeiter.