Amokfahrt von Münster

Alev Bahadir

Der 48-jährige Jens R. raste mit einem Campingbus in der Altstadt von Münster in eine Menschenmenge. Über 20 Personen wurden verletzt, zwei starben. Anschließend beging der Mörder Selbstmord. Zurück blieb nicht nur die Angst und Trauer der Opfer und ihrer Angehörigen, sondern Theorien über das Motiv von Jens R. und die Instrumentalisierung der Tat von Rechten. Nach den Stand der bisherigen Ermittlungen hatte Jens R. immense psychologische Probleme, wobei allein damit die Motive der Tat nicht erklärt werden können.

Nachdem erste Berichte über die Amokfahrt am Samstagnachmittag bekannt geworden waren, stand noch sehr wenig fest. Weder wurde die Identität des Täters bekanntgegeben, noch war klar, wer alles beteiligt war. Zunächst berichteten Zeugenaussagen von zwei weiteren Personen, die nach der Fahrt das Auto verließen. Diese Aussagen stellten sich mittlerweile jedoch als falsch heraus. Direkt nach der ersten Meldung, mussten jedoch viele unweigerlich an den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 denken. Dieser Umstand kam rechten Hetzern, wie Beatrix von Storch (AfD) gerade recht. Noch am Samstag twitterte sie „WIR SCHAFFEN DAS“ und behauptete so direkt, dass ein Geflüchteter für die Tat verantwortlich sei. Eine Auffassung, die von zahlreichen Rechten im Netz geteilt wurde. Ob auf Facebook oder Twitter, für sie war klar: es muss sich um einen islamistischen Anschlag handeln. Als dann bekannt wurde, dass es sich bei dem Täter um einen Deutschen handelte, wollten Rechte auch das nicht wahrhaben, sicherlich ein „Passdeutscher“. Später kam heraus: der Täter hieß Jens R., war 48 Jahre alt und kam aus dem Sauerland. Doch anstatt zurückzurudern, lief die Hetzmaschinerie weiter: „Ein Nachahmer islamischen Terrors schlägt zu. Und die Verharmlosungs- und Islam-ist-Vielfaltsapologeten jubilieren. Das Ausmaß des Jubels ist der Beweis, dass alle die geleugnete Gefahr genau sehen: der Islam wird wieder zuschlagen. Die Frage ist nicht ob,sondern wann. „Realität“, so von Storch auf ihrem Twitter-Account am Sonntag. Da kam es doch gerade recht, dass ein angeblich geplanter Anschlag auf den Berliner Halbmarathon von Islamisten verhindert werden konnte: „WIR SCHAFFEN DAS. (Und plötzlich schweigt das Heer der Beschönigungsapologeten und Hyperventilierer. Da helfen aber sicher wieder Vokabeln wie „Instrumentalisieren“ oder „Hass“ oder so. Go for it!) ALLE GEFÄHRDER IN HAFT! SOFORT! „BerlinHalf“, hieß es dann bei von Storch.

Denn genau das ist es, was von Storch und andere Hetzer tun: sie instrumentalisieren solche Taten, anstatt Anteilnahme für die Opfer zu haben. Sie machen sich über jene lustig, die sich gegen Rassismus einsetzen. Ihr Weltbild ist klar. Der Islam gehöre nicht zu Deutschland (eine Auffassung, die sie übrigens mit dem neuen Heimatminister, Horst Seehofer, teilen). Die Mission: das Land spalten.

Dabei gibt es noch genug offene Fragen, was die Tat von Münster betrifft. Die gängige Theorie momentan ist, dass Jens R. psychisch labil war und bereits im Vorfeld mit Suizid drohte. Als die Polizei nach der Tat seine Wohnung durchsuchte, fand sie einen geknüpften Strick an einem Balken, was ebenfalls für diese Theorie spricht. Aber warum erst in eine Menschenmenge fahren, wenn man sich dann schließlich doch erschießt? Haben wir hier einen ähnlichen Fall, wie damals mit Andreas L., Co-Pilot bei Germanwings, der seinem Leben mit dem Absturz einer Maschine ein Ende setzte und dabei 150 Menschen das Leben nahm? Oder war es eher vergleichbar mit einem Schulamoklauf, bei dem der Täter seiner Wut und seiner Aggression, durch das Töten von Menschen, Ausdruck verleiht und sich im Anschluss umbringt? Für letzteres spricht ein 18-seitiges Papier, dass die Polizei fand, in dem er seiner Wut über sein Leben Ausdruck verlieh. Über Demütigungen durch seine Eltern. In einem weiteren 100-seitigen Schreiben, das er Ende März dem Gesundheitsamt, sowie an seinen Bekanntenkreis verteilte, beschuldigte er erneut seine Eltern, Ärzte, die eine OP verpfuscht hätten, was zu lebenslangen Schmerzen geführt hätte, die Versicherung, die ihn betrogen habe usw.

Also war Jens R. vor allem ein Mensch, der wütend auf die ganze Welt war, psychische Probleme hatte und auch schon Suizid angedroht hatte. In seinem Berufsleben war er jedoch sehr erfolgreich gewesen, was ihm den Besitz von mehreren teuren Autos und mehreren Wohnungen ermöglichte.

Doch erklärt dies andere Fragen nicht: warum hatte Jens R. noch zwei weitere Wohnungen in Sachsen (Dresden und Pirna)? Wo kam die Waffe her, mit der er sich umgebracht hatte? Warum hatte er eine umgebaute Kalaschnikow in seiner Wohnung in Münster? Warum befanden sich in dieser Wohnung auch Kanister mit Bioethanol und Benzin? Warum hatte er in seiner Wohnung, sowie im Campingbus sogenannte „Polenböller“ – höchst entzündliche und explosive Feuerwerkskörper, die in Deutschland verboten sind?

Obwohl die Ermittlungsbehörden eine mögliche Verbindung zu rechtsradikalen Kreisen eher vernachlässigt, ergeben sich doch Fragen. In dem Haus in Pirna, in dem Jens R. eine Wohnung hatte, haben wohl auch Mitglieder einer sächsischen Kameradschaft gewohnt. Die „Polenböller“, die bei ihm gefunden wurden, sind von Rechtsradikalen bevorzugte Mittel beim Angriff auf Geflüchtetenheime. Ob er jedoch tatsächlich Verbindungen zur rechten Szene hatte oder ob die gemeinsame Adresse mit den Rechten nur Zufall und der Besitz der Waffen nur der Ausdruck eines wütenden psychisch-labilen Menschen war, bleibt also zunächst noch unklar.

Was übrig bleibt, sind also noch einige offene Fragen zu seinem Hintergrund und dem Motiv, das hinter dem Anschlag auf unbeteiligte Menschen steckt und zum Tod von zwei Personen führte und die Erschütterung über die Tat von Jens R. Und schließlich auch der Schock, wie solche grausame Taten so einfach von Rechten für ihren Hass und ihre Zwietracht instrumentalisiert werden können.