Wenn journalistische Berichterstattung einem unschuldigen Menschen zum Verhängnis wird

Zilan Deniz Yavuz

Adil Demirci – Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ein weiterer Mensch, der in der Türkei mundtot gemacht werden soll. Seit dem 13. April sitzt der Kölner in türkischer Haft.
Der 32-Jährige Sozialwissenschafter reiste mit seiner schwerkranken Mutter für einen Kurzurlaub in die Türkei, damit diese sich in einer einwöchigen Pause von ihrer Chemotherapie erholen konnte. Was die beiden bei der Einreise nicht wissen konnten- es wird alles andere als Erholung für sie.
In der Nacht zum13. April, ein Tag vor der geplanten Rückkehr nach Köln, wird die Wohnung des Onkels, wo sie sich aufhalten, von Spezialeinheiten der türkischen “Antiterror-Polizei” gestürmt. Nachdem die Wohnung verwüstet wird, nimmt man Adil fest. Zunächst ohne Erklärung.
Adil Demirci kam als 6-Jähriger mit seinen Eltern nach Deutschland. Nach seinem Abitur in Bochum hat er an der Universität Duisburg-Essen Sozialwissenschaften studiert und lebt jetzt in Köln. Zurzeit arbeitet er beim Jugendmigrationsdienst des Internationalen Bundes in Remscheid. Dort hilft er traumatisierten Geflüchteten aus Kriegsgebieten bei der Integration. Seit einiger Zeit hat er sich verstärkt in der Gewerkschaft engagiert. Als freier Journalist berichtet er für die Nachrichtenagentur ETHA über Themen aus ganz Europa.
Wie schon bei Deniz Yücel und allen Regierungskritikern und Oppositionellen in der Türkei lautet auch bei Adil der Vorwurf der türkischen Justiz: Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation und Terrorpropaganda. Konkret wirft der türkische Staat Adil Demirci vor, an drei Beerdigungen in den Jahren 2013, 2014, 2015 teilgenommen zu haben. Diese waren Beerdigungen von Menschen, die im Kampf gegen den Islamischen Staat auf kurdischer Seite gestorben sind.
Adil Demirci hat als freier Journalist und Berichterstatter neben tausenden anderer Menschen an diesen Begräbnisfeiern teilgenommen. Leider wird in der Türkei nicht selten Journalismus mit Terrorismus verwechselt. Schon in der Vergangenheit wurden viele regierungskritische Fernsehsender, Zeitungen und auch Nachrichtenportale geschlossen und somit mundtot gemacht. Freie Presse gibt es in der Türkei schon lange nicht mehr, schon Mitteilungen in sozialen Medien können für langjährige Haftstrafen ausreichen.
Wie lange die Untersuchungshaft dauern wird und wann sein Prozess in der Türkei fortgeführt wird, ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht klar. Seine Anwältin geht allerdings davon aus, dass sich der Prozess, ähnlich wie bei der Ulmerin Mesale Tolu, in die Länge ziehen wird. Wie auch Adil arbeitet Mesale Tolu für die Nachrichtenagentur ETHA und saß 8 Monate mit ihrem 2-jährigen Sohn in türkischer Haft. Seit Dezember 2017 ist sie zwar aus der Untersuchungshaft entlassen worden, darf allerdings die Türkei nicht verlassen, da auch ihr Prozess aktuell noch andauert.
In Köln hat sich schon kurz nach der Festnahme von Adil Demirci der Solidaritätskreis „Freiheit für Adil“ zusammengeschlossen. Dieser trifft sich jeden Mittwoch um 18 Uhr zu einer Mahnwache auf dem Wallrafplatz um an Adils Festnahme zu erinnern.