Kein Vergessen – Rassismus bekämpfen, NSU aufklären

Die DIDF-Jugend hat eine neue Kampagne „Kein Vergessen – Rassismus bekämpfen, NSU aufklären“ beschlossen. In dem Zusammenhang finden bundesweit Veranstaltungen zum Thema statt. Wir haben uns mit Dirim Su Derventli von der Bundesgeschäftsführung der DIDF-Jugend über die Kampagne unterhalten.

Ihr habt diese Kampagne beschlossen. Wie kommt es dazu? Immerhin läuft ja der Prozess schon seit einigen Jahren. Warum jetzt gegen Ende des Verfahrens eine eigene Kampagne?
Das Thema NSU begleitet uns schon seit Längerem. Nur weil es zunächst keine Kampagne gab, heißt es auch nicht, dass noch nichts dazu gemacht wurde. Für viele Ortsgruppen sind die NSU Morde schon lange ein Schwerpunkt ihrer Arbeit. Wie zum Beispiel in Dortmund, wo unsere Jugendgruppe zu den Initiatoren des Tages der Solidarität in Gedenken an Mehmet Kubasik, der in seinem Dortmunder Kiosk 2006 ermordet wurde, gehört. Auch in Hessen beschäftigen sich die Gruppen schon seit längerem mit dem Thema. Es gab mehrere Veranstaltungen mit unterschiedlichen Beteiligten, wie der Nebenklageanwältin Seda Basay-Yildiz.
Dass wir uns dazu entschlossen haben, dem Thema in unserer Arbeit durch eine Kampagne einen besonderen Schwerpunkt zu widmen, hat vor allem zwei Gründe. Der NSU-Prozess wird aller Voraussicht nach bald enden. Der Prozess, obwohl er seit 5 Jahren geführt wird, hat wenig zur tatsächlichen Aufklärung der Verbrechen beigetragen. Die Hintergründe und –männer dieses Komplexes bleiben nach wie vor im Dunkeln. Viel mehr ist zu erwarten, dass Beate Zschäpe und ihre Mitangeklagten verurteilt werden und die ganze Sache als Geschichte vom „Terrortrio“ zu den Akten gelegt wird. Dass die systematische Ermordung von 10 Personen, drei Bombenanschläge und zahlreiche Banküberfälle in einer Zeitspanne von über 10 Jahren unentdeckt von drei Personen – nur mit der Hilfe von einzelnen Neonazis – möglich war, ist einfach nicht glaubwürdig. Das Verhalten der Ermittlungsbehörden, allen voran des Verfassungsschutzes, ist von Widersprüchen und Vertuschung gekennzeichnet. Deshalb wollen wir den Fall nicht zu den Akten legen, sondern weiterhin um eine tatsächliche Aufklärung kämpfen!
Der zweite Grund ist: Es geht uns vor allem um den gesellschaftlichen Aspekt. Deshalb ist unsere Kampagne nicht nur ausschließlich dem NSU, sondern dem strukturellen Rassismus an sich gewidmet. In einer Zeit, in der fast täglich Angriffe auf Geflüchtete geschehen und in der eine offen rechte Partei in Landtage und sogar den Bundestag einziehen kann, ist der Einsatz gegen Rassismus umso wichtiger. Desto erschreckender ist es, dass viele Jugendliche – unter ihnen zahlreiche türkeistämmige Jugendliche – gar nicht wissen, dass die NSU-Morde überhaupt stattgefunden haben. Das ist der zweite Ansatz unserer Kampagne: wir wollen sowohl die Verbrechen des NSU, aber auch den strukturellen Rassismus in das Bewusstsein der Jugendlichen tragen.

Was erwarten uns hier für konkrete Aktionen? Wie füllt ihr die Kampagne mit Leben?
Einiges ist schon passiert. Wir haben eine Sonderausgabe unserer Jugendzeitschrift „Junge Stimme“ eigens zu dem Thema herausgebracht. Die verteilen wir umsonst bei möglichst vielen Aktionen. Auch in der regulären Junge Stimme war NSU das Titelthema. Es gab auch schon Aktionen in den Orten. In vielen Städten, wie zuletzt im Süden und Hamburg, haben wir die „NSU Monologe“ eingeladen. Das Theaterstück verarbeitet die Erlebnisse der Opferfamilien. In Nürnberg z.B. gab es davor noch einen Workshop mit drei Schulklassen, in dem die NSU Morde behandelt wurden. Nach den Aufführungen gab es anschließend Diskussionsrunden mit lokalen Akteuren. In anderen Städten, wie Dortmund gab es Uni-Veranstaltungen. In Kassel haben die Orte aus Hessen an dem Gedenktag für Halit Yozgat teilgenommen, wo die Umbenennung der Holländischen Straße, wo Halit starb, in „Halitstraße“ gefordert wird. Es gab auch Flashmobs, bei denen in den Innenstädten auf die Thematik aufmerksam gemacht wurde. So z.B. in Frankfurt. Die Frankfurter Jugendgruppe hat die ganze Aktion auch gefilmt und online gestellt, damit möglichst viele Leute es sehen können.
Solche Aktionen sind weiterhin auch geplant. Außerdem planen wir eine Workshopreihe, mit der wir möglichst viele Jugendliche, z.B. in Jugendhäusern in den Stadtteilen ansprechen wollen. In NRW z.B. wollen wir auch ein Jugendfestival veranstalten, mit dem das Thema aufgegriffen wird. Momentan konzentrieren wir uns auch auf die Mobilisierung zum „Tag X“, so wird der Tag der Urteilsverkündung genannt. Wir mobilisieren bundesweit an dem Tag nach München und fordern weitere Aufklärung. Davor soll es allerdings noch eine bundesweite Kampagnenwoche geben, in der die Orte gezielt öffentlichkeitswirksame Aktionen durchführen.

Das ist ja schon eine Menge. Wie geht es nach der Urteilsverkündung weiter?
Die Kampagne ist jetzt bis zu unserem Sommercamp Ende Juli angesetzt. Bis dahin wird momentan auch das Urteil erwartet. Auf dem Jugendcamp in Südfrankreich werden wir uns aber weiterhin mit dem Thema beschäftigen und eventuell auch die Kampagne verlängern. Für uns geht es darum, mit der Kampagne möglichst breit nach außen zu treten. Also auch in Orte, wo es keine Morde oder Anschläge gab. Die Kampagne ist auch nicht an die Urteilsverkündung gekoppelt. Wir glauben, dass es gerade nach Prozessende wichtig ist, an dem Thema dran zu bleiben und eine echte Aufklärung zu fordern. Sonst werden der NSU nur als „dunkles Kapitel unserer Geschichte“ behandelt und gerät in Vergessenheit. Da stellen wir uns quer und fordern umso entschlossener: Kein Vergessen!