Für Solingen auf die Straßen

Seit dem Brandanschlag, der als eine der schlimmsten rechtextremen Taten der Nachkriegsgeschichte Deutschlands gilt, sind nun 25 Jahre vergangen. Und noch heute ist das Thema aktuell und noch heute ist es von wichtiger Bedeutung, die Opfer von Solingen zu gedenken. Doch was ist an dem Tag passiert und was waren die Hintergründe?

Bereits 1991 und 1992 war es zu zwei Ausschreitungen von rechtsextremen Gruppierungen gekommen. Zwischen dem 17. Und 23. September 1991 kam es zu Ausschreitungen in der sächsischen Stadt Hoyerswerda. Bis zu 500 Personen griffen ein Flüchtlingswohnheim an und die Polizei konnte die Angriffe nicht stoppen. Bei den Ausschreitungen in Rostock handelt es sich um rassistisch motivierte Angriffe auf die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber, die vom 22. Bis zum 26. August 1992 stattfanden. Es ist wichtig, in Zusammenhang mit Solingen auf diese Anschläge zu einzugehen, weil diese Anschläge die ersten und massivsten rechtsextremen Taten in Deutschland nach Ende des Zeiten Weltkrieges waren. Man spricht davon, dass diese den Auftakt bildeten, die dann verschiedene Ausschreitungen in den 1990er Jahren mit sich brachten.

Beide Angriffe gingen durch einen Zufall ohne Todesfälle zu Ende, während der Anschlag in Solingen am 29 Mai 1993 fünf Menschen das Leben kostete. In der nordrhein-westfälischen Stadt wurde in der Nacht ein Zweifamilienhaus, in dem türkeistämmige Menschen wohnten, in Brand gesteckt. Dabei verloren Gürsün Ince, Hatice Genc, Gülüstan Öztürk, Hülya Genc und Saime Genc ihr Leben und 17 Menschen wurden verletzt, 14 davon lebensgefährlich. Auch wenn die Täter gefasst und verurteilt wurden, bleibt der Schmerz noch. Auch die Angst. Mevlüde Genc, die Mutter, Tante und Großmutter von den Opfern, sagt in einem Interview: „Ich empfinde seit 25 Jahren denselben Schmerz. Jahre mögen vergehen, aber der Schmerz nicht. Er wird mich bis zum Grab begleiten. Ich esse, es schmeckt mir nicht. Ich bin auf Reisen, es gefällt mir nicht. Diesen Schmerz wünsche ich niemanden.“ Sie ist trotz der Schmerzen und der Angst geblieben. Trotz der unzufriedenstellenden Konsequenz für die Täter. Denn die Täter wurden hauptsächlich nach der Jugendstrafe bestraft. Auch die Medien trugen eine große Rolle dazu bei, dass der Schmerz nicht weniger wurde. Es wurde ein Spektakel aus dem Anschlag gemacht, ohne auf die Forderungen der Familienangehörigen zu berücksichtigen. Nichtsdestotrotz sagt Mevlüde Genc: „Ich lebe seit 46 Jahren in Deutschland, ich wollte das Land nie verlassen. Ich liebe beide Länder: Deutschland und die Türkei. An meinen traurigsten Tagen waren Deutsche bei mir.“

Solingen löste eine breite Diskussion aus und viele türkeistämmige Menschen lebten mit dem Gedanken, Deutschland zu verlassen. Trotz der Anschläge wurde aber auch immer wieder ein großes Zeichen für das Zusammenleben gesetzt und man stand bei den Angehörigen. Und deshalb ist es heute wie vor 25 Jahren wichtig, bei der Familie Genc in Solingen zu sein und sich diese Woche, bei der Demonstration und den Aktionen zu beteiligen. Dies sind wir nicht nur emotional allen Angehörigen der Anschläge in Rostock, Hoyerswerda, Mölln, Solingen und der NSU-Morde schuldig, sondern auch aus politischer Sicht ist es wichtig.

Heute nach 25 Jahren stehen wir vor ähnlichen Entwicklungen. Über 2200 Anschläge auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte im Jahre 2017 sprechen für sich. Aber auch, dass die AfD als stärkste Oppositionspartei seit letztem Jahre im Bundestag sitzt. Genau aus diesen Gründen ist es umso wichtiger, dass wir gemeinsam gegen Rassismus und Faschismus in Deutschland auf die Straßen gehen.