Gemeinsam für ein besseres Zusammenleben!

Alev Bahadir

Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoǧru, Ismail Yaşar. Sie alle drei waren türkeistämmige Kleinunternehmer. Enver Şimşek war Blumenhänder, Abdurrahim Özüdoǧru besaß eine Änderungsschneiderei, Ismail Yaşar einen Imbiss. Alle drei wurden in Nürnberg vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) ermordet.

Der NSU begann über elf Jahre hinweg aus dem „Untergrund“ zahlreiche Verbrechen. Banküberfälle, Bombenanschläge und zehn Morde sind ihnen zuzuschreiben. Die Opfer waren – bis auf die Polizistin, Michele Kiesewetter – alles Menschen mit Migrationshintergrund. Fünf der zehn Morde wurden in Bayern begannen, drei davon in Nürnberg. Die jahrelange Verschleppung der Ermittlungen durch das Beschuldigen der Opfer und die Verleumdung und Diskriminierung der Familien, die nach Gerechtigkeit verlangen, wurde nicht zuletzt durch die Biografie von Semiya Şimşek, Enver Şimşeks Tochter, bekannt. Auch nachdem sich Beate Zschäpe stellte, auch nachdem der Prozess gegen sie und ihre Mitangeklagten sich dem Ende zuneigt, ist eine lückenlose Aufklärung noch weit entfernt. Die Rolle des Verfassungsschutzes und anderer Behörden bleibt nach wie vor im Dunkeln.

Straßenfest gegen Rassismus und Diskriminierung – für ein besseres Zusammenleben

In diesem Kontext initiierte die DIDF-Jugend Nürnberg (Junge Stimme e.V.) vor vier Jahren das 1. Straßenfest gegen Rassismus und Diskriminierung – für ein besseres Zusammenleben. Der Plan: ein Straßenfest mit möglichst vielen Organisationen, die ein Zeichen gegen Hass und Rassismus setzen und zeigen, wie die unterschiedlichsten Organisationen gemeinsam ein Symbol für ein solidarisches Miteinander schaffen.

Ein Plan, der voll und ganz aufgegangen ist. Wo es beim ersten Straßenfest bereits über 30 Organisationen waren, sind es dieses Jahr, beim 4. Straßenfest am 9. Juni knapp 50 Gruppen, die das Straßenfest gemeinsam tragen. Der Grundgedanke dabei: gemeinsam etwas erschaffen. Deshalb gibt es nicht einen Veranstalter und viele Unterstützer, sondern einen Initiator und viele Mitorganisatoren. Im November des Vorjahres finden bereits die ersten Vorbereitungstreffen statt. Dort werden AGs, wie für die Öffentlichkeitsarbeit, den Programmablauf oder die Finanzierung gegründet. Zahlreiche Organisationen arbeiten in diesen Gruppen mit, die Entscheidungen werden gemeinsam im Plenum gefällt. Die Bands / Tanzgruppen / Redebeiträge werden gemeinschaftlich ausgesucht. Das Werbematerial in Absprache erstellt und im Vorfeld des Straßenfestes auch gemeinsam in der gesamten Stadt verteilt. Auf dem Straßenfest selbst sind viele Organisationen zwar auch mit eigenen Infoständen vertreten, übernehmen jedoch auch gemeinsame Aufgaben, wie das Besetzen des Infopoints etc. Die Erträge, die z.B. durch den Verkauf von Essen gemacht werden, gehen in die Straßenfestkasse, mit der das Fest im nächsten Jahr finanziert werden soll.

Das Straßenfest ist also ein gemeinschaftliches Projekt, das schon längst in der Nürnberger Stadtgesellschaft angekommen ist. Dabei ist es nicht nur ein schöner und spaßiger Tag für die mehreren tausend Menschen, die an dem Fest teilnehmen, sondern vertritt auch eine klare Message: „Uns verbindet mehr, als uns trennt, deshalb stellen wir uns dem Rassismus entgegen!“

AfD-Landesparteitag in Nürnberg

Dieses Jahr findet das Straßenfest in einem besonderen Kontext statt. Nicht nur, dass der NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe nun fast am Ende ist. Nicht nur, dass das Straßenfest auf das Datum der Ermordung von Ismail Yaşar auf den 9. Juni (2005) fällt, der in seinem Imbiss in der Nürnberger Scharrerstraße nur knapp zwei Kilometer vom Ort des Straßenfestes entfernt ermordet wurde. Am gleichen Tag veranstaltet die rechte Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) in der Meistersingerhalle, die nur wenige Gehminuten vom Tatort entfernt liegt, ihren Landesparteitag. An diesem Wochenende geht es bei der AfD vor allem um ihr Wahlprogramm für die Landtagswahlen in Bayern im Oktober. Dass eine rechte Partei ausgerechnet am Todestag eines NSU-Opfers fast neben dem Ort seiner Ermordung ihren Parteitag durchführt, kann kaum ein Zufall sein, sondern ist eine offene Verhöhnung der Opfer und eine Provokation für alle Antifaschistinnen und Antifaschisten.

Dass Nürnberg, das nicht nur aufgrund seiner jüngeren, sondern auch seiner Geschichte im Hitler-Faschismus als Anlaufstelle für Rassisten dient, wollen zahlreiche Nürnberger Bürger nicht einfach so hinnehmen. Deshalb haben viele Organisationen für den 9. Juni Gegenaktionen für den Parteitag angesetzt. Demonstrationen und Kundgebungen ziehen sich über den ganzen Tag. Die Hauptdemonstration beginnt um 12 Uhr mit der Auftaktkundgebung unmittelbar vor dem Parteitag an der Meistersingerhalle. Von dort geht der Demozug weiter zur Scharrerstraße, wo bei einer Zwischenkundgebung an Ismail Yaşar und die anderen Opfer des NSU gedacht wird. Ab da geht die Demonstration weiter zum Aufseßplatz, den Ort des Straßenfestes, wo sie nahtlos ins Fest übergehen wird. Somit weitet das Straßenfest seinen politischen Charakter aus und zeigt die gnadenlose Verbindung zwischen dem Rassismus in all seinen Facetten, von der Terrorgruppe bis zur Partei, auf.

Kein Vergessen!

Sowohl der Protest gegen den Landesparteitag der AfD, als auch das Straßenfest dienen dem Motto „Kein Vergessen!“. Nicht zu vergessen hat viele Aspekte. Es bedeutet der Opfer zu Gedenken und niemanden vergessen zu lassen, was ihre Familien durchgemacht haben. Es bedeutet weiterhin, besonders, wenn der Prozess endet, Aufklärung zu fordern. Es bedeutet für ein Leben ohne Rassismus und Diskriminierung einzustehen. Und es bedeutet sich rassistischen Gruppen und Parteien entgegenzustellen, damit der Menschenhass, den sie vertreten, nicht zur Normalität werden kann. Damit es nicht noch mehr Opfer geben muss.

Mehr Infos zum Straßenfest gegen Rassismus und Diskriminierung – für ein besseres Zusammenleben auf www.strassenfest-aufsessplatz.de.