„Unsere kollektive Arbeit wurde gewürdigt“

Am 17. Mai 2018 wählte das Studierendenparlament (StuPa) der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA). Der AStA ist in den Hochschulen der meisten deutschen Bundesländer das geschäftsführende und mit der Außenvertretung betraute Organ der Studierendenschaft. Er stellt die Studierendenvertretung im engeren Sinne dar. In einem Interview am 4. Januar 2018 hatten wir mit Emre Ögüt über die Arbeit seiner Hochschulgruppe „Studium Zukunft“ an der HAW gesprochen. Nun wurde er zum AStA-Vorsitzenden gewählt und wir trafen ihn erneut, um über diesen Erfolg zu sprechen.

Brennende Frage an unsere Hochschule: zweiter Prüfungstermin

Wie kam es dazu, dass du in den AStA gewählt wurdest?

Wir haben vor einiger Zeit mit Freunden „Studium Zukunft“ gegründet und dann zum Studierendenparlament kandidiert. Wir setzten einen Flyer mit unseren Gedanken und Forderungen zu Themen wie BAföG, Studierendenwohnheime etc. auf und gingen damit in den Wahlkampf. Das katapultierte uns aus dem Stand zur zweitstärksten Kraft im StuPa. Sicherlich hat auch geholfen, dass wir in jede unserer Wahlflyer einen „Wählt Studium Zukunft!“-Sticker reingelegt haben, die jetzt an so manchen Orten kleben. (lacht) Daraus entwickelte sich dann die Kampagne für eine zweite Prüfungsphase, die den Studierenden an unserer Hochschule am Herzen lag.

Wahrscheinlich wird es nochmal notwendig sein, unseren Lesern zu erklären, warum eine zweite Prüfungsphase den Studierenden ein Bedürfnis war. Man könnte meinen, eine Phase Prüfungsstress könnte doch ausreichen…

Es ist so, dass an unserer Hochschule alle Klausuren in einem Zeitraum von zwei Wochen gleich nach Ende der Vorlesungszeit geschrieben werden. Dabei hat jedes Fach nur einen einzigen Termin, sodass man bei Nichterscheinen, Durchfallen oder bei Krankheit erst im nächsten Semester, also ein halbes Jahr später, die Klausur nachschreiben darf. Allerdings ist allgemein bekannt, dass an vielen Hochschulen zeitnahe Nachschreibetermine angeboten werden. An der Universität Hamburg ist es sogar so, dass die Studierenden von vornherein ihre Klausuren auf die beiden Termine aufteilen dürfen; sie müssen nicht erst beim Ersttermin durchfallen.

Wie hat sich der Verlauf dieser Kampagne gestaltet und wo steht ihr damit jetzt?

Es begann damit, dass wir eine Unterschriftenkampagne gestartet haben, die am Ende etwas über Tausend Unterschriften einbrachte. Wir hätten mit so viel Unterstützung niemals gerechnet und ich bin immer noch stolz darauf, was wir das gemeinsam geleistet haben. Dadurch konnten wir nämlich sowohl mit Studierenden als auch mit Professoren und Beschäftigten in Kontakt treten und unser Anliegen in die Köpfe der Menschen bringen. Gleichzeitig haben wir darüber beraten, wie wir unser Anliegen rechtlich durchsetzen können und haben entsprechend an einer Beschlussvorlage gearbeitet. Dabei hat uns der alte AStA auch geholfen. Momentan sind wir soweit, dass wir uns auf das Herantreten an den Hochschulsenat, das höchste Gremium einer Hochschule, vorbereiten, sowie vor einigen Tagen die Unterschriften an unsere Vizepräsidentin übergeben haben.

„Wir gehen jetzt sogar weiter!“

Wie nahm die Vizepräsidentin der Hochschule euer Anliegen auf?

Das Gespräch verlief überraschend angenehm, denn sie begrüßte unser Engagement sehr. Doch es blieb nicht bei dieser Floskel, denn sie schilderte uns, dass sie persönlich noch weitergehen würde, als lediglich eine zweite Klausurenphase einzuführen. Sie würde viel lieber darauf hinarbeiten, dass die Fülle an Klausuren ersetzt wird durch mündliche Prüfungen, Projekte, Hausarbeiten etc. Denn Klausuren fördern nur das Auswendiglernen und senken somit das Niveau des Studiums. Das hat uns nachdenklich gemacht, weshalb wir nun darüber beraten, ob wir unsere Forderungen nicht ausweiten wollen.

Ihr habt in diese Kampagne sehr viel Kraft reingesteckt. Wie wirkte sich das Ganze auf „Studium Zukunft“ aus?

Durchaus positiv, denn die Studierenden erkennen an, dass wir wirklich etwas an der Hochschule bewegen wollen, was ihr Studium verbessert und für sie auch spürbar ist. Das sehe ich als maßgeblichen Grund dafür, weshalb wir bei diesen StuPa-Wahlen von der Stimmenanzahl her zur stärksten Kraft geworden sind. Es ist schön, zu sehen, dass die Arbeit, die wir als Kollektiv erbracht haben, auch gewürdigt wird.

Folgte aus diesem Ergebnis der Entschluss, für den AStA zu kandidieren?

Es war nicht so einfach, denn zunächst wollten wir nicht in den AStA gehen, weil uns die Aufgaben zu schwer erschienen, als dass wir sie als eine so junge Liste schultern könnten. Dennoch beteiligten wir uns an Bündnisgesprächen nach der Wahl, woraus die Arbeit an einem Konzept für den kommenden AStA begann, sodass wir uns schlussendlich dafür entschlossen haben, für den AStA zu kandidieren.

Es scheint, als hätte der Prozess der Konzeptfindung euch bestärkt, in den AStA zu gehen…

Durchaus, denn was da geschehen ist, ist so nicht üblich an unserer Hochschule. Wir haben uns mit weiteren Listen bereits Anfang des Jahres getroffen und uns auf ein gemeinsames Programm verständigt. Ich glaube, dass wir an dem Konzept drei Monate lang geschrieben und gestritten haben. Das stellt eine ganz neue Qualität dar. Durch diesen Prozess konnten wir unsere Grundfragen klären, sodass wir nun in eine erfolgreiche Arbeit starten können.

„Soziale Themen in das Campusleben einbringen“

Und was habt ihr euch als Bündnis im AStA vorgenommen?

Soziale Themen anpacken und in das Campusleben einzubringen war unserer Liste ein wichtiges Anliegen. Denn neben dem Studium arbeiten zu müssen, da das BAföG nicht reicht und die Mieten viel zu hoch sind, sind Themen, die die Mehrheit der Studierenden betreffen. Dabei ist uns wichtig, solche Themen nicht nur an der Hochschule zu behandeln, sondern auch die Verbindung nach außen herzustellen, denn wir als Studierende können diese Probleme nicht allein lösen; wir sind in dieser Frage darauf angewiesen, Bündnisse mit Friedensbewegten, Gewerkschaften, Arbeitern und Arbeitslosen einzugehen. Darüber hinaus haben wir uns natürlich noch vieles mehr vorgenommen, von besseren Studienbedingungen über den antifaschistischen Kampf bis hin zur Ökologie und wollen so viele Themen wie möglich praktisch umsetzen.

Vielen Dank für dieses Gespräch.