Heroes – doch zu viel des Guten?

Ali Candemir

„Heroes“; Helden ist ein Projekt bei dem junge Männer sich für die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzen. Klingt erst mal ganz gut. Und ein solcher Einsatz ist notwendig, denn Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist nicht allein die Sache der Frauen. Frauen verdienen trotz besserer Qualifikation immer noch 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, werden oft mit Halbtagsanstellungen und Minijobs abgespeist. Sie sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen und sind in Führungsposition praktisch nicht anzutreffen, darüber täuscht auch eine Kanzlerin nicht hinweg. Noch schlechter ist die Situation an deutschen Hochschulen: Auf einen männlichen Studenten, kommen statistisch gesehen, nur noch 0,89 weibliche. Laut Global Gender Gap Report 2012 Platz 101 von 135. Doch darum geht es in dem Projekt nicht, zumindest nicht vordergründig.

Ehrenmorde und Zwangsehen

Hauptsächlich Jugendliche aus dem islamischen Kulturkreis, auf der Projektwebsite heißt es „junge Männer aus Ehrenkulturen“, setzen sich mit den Themen Ehre, Identität und Geschlechterrollen auseinander. Sie werden zu Helden gegen Unterdrückung im Namen der Ehre ausgebildet. Coaches begleiten die jungen Männer während der einjährigen Projektphase. Die Jungs sollen in ihrer „Wahrnehmung und Empathie“ sensibilisiert werden. In Rollenspielen schlüpfen sie in die Rollen ihrer Schwestern, Freundinnen und Cousinen. Die Jugendlichen, welche sich nach Ansicht der Projektleiter „zwischen den Werten der Herkunftsgesellschaft und der Mehrheitsgesellschaft befinden“, sollen in ihrer „Mannwerdung“ begleitet werden. Ihnen soll vermittelt werden, dass ihre „Ehre nicht zwischen den Beinen ihrer Schwestern liegen“. Es wird viel über Zwangsheirat, Kopftücher, Unterordnung und Kontrolle über Mädchen und Frauen geredet. Und Ehrenmord, denn das Projekt wurde anlässlich der Ermordung der Berlinerin Hatun Sürücü durch ihren Bruder ins Leben gerufen. Nachdem sie ein Zertifikat von einer prominenten Persönlichkeit erhalten, gehen die Jugendlichen an Schulen, Ausbildungsstätten und Jugendeinrichtungen, um nun selbst junge Männer auszubilden.

Armutszeugnis für Deutschland

Junge Männer, die sich sozial engagieren wollen, sind eine tolle Sache. Doch hängt dem Projekt ein defizitärer und kulturalistischer Charakter an. Sicher gibt es patriarchalische Strukturen in Familien aus der Türkei oder arabischen Ländern. Doch stehen nun alle diese Familien unter Generalverdacht, so dass man mit ihren Söhnen ein Coaching über richtige Wertevorstellungen veranstalten muss, damit sie ihre Schwestern, Cousinen und Freundinnen nicht unterdrücken? Oder womöglich einen Ehrenmord begehen? Oder werden hier doch wieder rassistische Ressentiments von gefährlichen, unmodernen, fremden Kulturen bedient? Es hat ein wenig den Anschein, als müssten die frauenfeindlichen jungen Männer aus „Ehrenkulturen“ zivilisiert werden. Es hat etwas Selbstgefälliges. Insbesondere wenn Innensenatoren und Integrationsbeauftragte medienwirksam Preise verleihen. Die meisten der jungen Projektteilnehmer sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, sind soziale Produkte dieses Landes.  Diesen Männern in einem Projekt „richtige Werte“ vermitteln zu wollen, ist ein Armutszeugnis für Deutschland. Für die Integrationspolitik, für die Sozialpolitik, Arbeitsmarktpolitik und die Bildungspolitik.

Viele junge Männer und Frauen aus den sogenannten „Ehrenkulturen“, welche oftmals aus dem untersten sozialen Schichten stammen, sind struktureller Diskriminierung ausgesetzt. Sie wohnen in schlechteren Gegenden, besuchen schlechtere Schulen, finden falls überhaupt schlechtere Ausbildungsplätze und werden schlechter bezahlt. Das ist kein kulturelles, sondern ein soziales und durchaus reales Problem. Ehrenmorde und Zwangsverheiratung sind nicht zu befürworten, aber sie sind auch nicht so verbreitet, wie das Projekt Heroes einem glauben machen will. Es trägt viel mehr dazu bei, dass sich ein negatives Bild von rückständigen, unmodernen Migranten in den Köpfen festsetzt und alle, die diese kulturellen Rückstände durchbrechen, sind Helden. Nein! Die meisten jungen Männer aus „Ehrenkulturen“ haben ganz andere Sorgen, als „ihre Ehre“.