„Unrecht erkennen, um das Unrecht bekämpfen zu können“

Die Erziehungswissenschaftlerin und Politologin Z. Ece Kaya studierte in Istanbul an der Fakultät für Politikwissenschaften und in Frankfurt Politikwissenschaft, Soziologie und Pädagogik. Sie promovierte im Fach Erziehungswissenschaften zum Thema “Kolonialrassismus in der NS-Zeit”. Seit April dieses Jahres ist sie die Co-Leiterin der Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Universität Frankfurt. Z. Ece Kaya berichtet über die aktuellste Studie der Forschungsstelle zu den Publikationen des Beltz Verlages in der NS-Zeit und über die dazugehörige Neuerscheinung, die auf der Buchmesse in Frankfurt im Oktober 2018 zum ersten Mal vorgestellt wurde.

AZİZ KOÇYİĞİT

In der Forschungsstelle NS-Pädagogik haben Sie eine neue Untersuchung zu der NS-Zeit durchgeführt und daraus erschien ein Buch. Können Sie diese Arbeit und das Thema des Buches erläutern?

Es geht um die Publikationen des Beltz Verlages zwischen den Jahren 1933 und 1945. Der Anlass für diese Untersuchung war eine Broschüre zum 175. Jahrestag des großen pädagogischen Verlags. Hier wurde die Tätigkeit des Verlags während der NS-Zeit positiv dargestellt und wurde behauptet, dass der Verlag in dieser Zeit keine NS-Propaganda betrieben habe, mit den Nazis nicht zusammengearbeitet bzw. sich zurückgehalten habe. Auf einer Nachfrage der Forschungsstelle wurde uns von der neuen Generation der Verlagsleitung vorgeschlagen, dass wir alle Publikationen des Verlags in der NS-Zeit wissenschaftlich untersuchen und einen Bericht schreiben können. Es war sehr wichtig und erfreulich, dass sich der Verlag der historischen Verantwortung stellte und die eigene Geschichte untersuchen wollte.

Das Projekt begann im August 2017. Wir haben alle Bücher und Broschüre des Verlages in den Jahren 1933-1945 von der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig bekommen. Unter diesen Publikationen gab es insgesamt 178 Bücher und Broschüre, die NS-Propaganda beinhalteten. Es entsprach mit 18.000 Seiten ca. 11% der gesamten Publikationstätigkeit des Verlags. Wir haben 13.000 Seiten davon als relevant eingeordnet und untersucht.

Was für Publikationen waren es?

Diese waren thematisch vielfältige und in unterschiedlichen Textsorten geschriebene Publikationen. Darunter gab es Deutsch- und Geschichtslehrbücher, Schulbücher, literarische Geschichten für Kinder und Jugendliche, Märchen, Liedertexte, Spiele, Vorbereitungsübungen für NS-Feierlichkeiten etc. Und in allen diesen 178 Büchern und Broschüren wurde die NS-Ideologie propagiert.

Wie fand diese Propaganda statt?

Es gab auf der einen Seite Publikationen, die ganz offen NS-Propaganda mit Hakenkreuz und Hitlerbild machten, beispielsweise das NS-Regime und die NSDAP propagandistisch verherrlichten und zu legitimieren versuchten und die Jugendliche im Sinne der antisemitischen und rassistischen NS-Ideologie indoktrinierten. Die NS-Feierlichkeiten in den Schulen spielten ebenfalls eine wichtige Rolle dabei. In einigen Publikationen ging es auch um Vorbereitungen und Übungen für solche Nazi-Feier und ein großer Teil davon beinhaltete militaristisch-faschistische Propaganda. Auf der anderen Seite gab es Publikationen, bei denen die antisemitische und rassistische NS-Propaganda nicht offen, sondern eher gestreut und unauffällig stattfand.

Welche Beispiele können Sie dazu nennen?

Ein gutes Beispiel dazu stellt eine Geschichtenreihe zur so genannten „Vererbungslehre“ dar. In solchen Geschichten wurden öfters wissenschaftliche Untersuchungen zur Naturwelt, zu Pflanzen und Tieren, ideologisch verfälscht und die Ergebnisse im sozialdarwinistischen Sinne auf die menschlichen Verhältnisse direkt übertragen. Erzählt wird hier beispielsweise die Geschichte einer Familie – von einem Vater und seinen drei Kindern. Die Kinder werden mit einer Glocke zum Arbeitszimmer des Vaters bestellt und „marschieren im Gleichschritt“ ins Zimmer. Sie machen einen Ausflug in die Natur und schauen sich dabei die Pflanzen an. Der Vater zeigt die Veränderungen bei den so genannten Mischpflanzen und behauptet, eine solche Mischung sei für die Menschen gefährlicher und daher sollen die Deutschen solche „Mischehen“ vermeiden. Antisemitische Klischees von der angeblichen Geldgier, dem Alkoholismus etc. der Jüdinnen und Juden werden aufgelistet und es wird behauptet, solche Eigenschaften seien vererbt. Dadurch entstehen antisemitische Feindbilder auch ohne konkrete Nazipropaganda. In einem anderen Beispiel geht es um die Stadt Nürnberg, wobei die Stadt nur aus der Nazi-Perspektive und in Verbindung mit Parteitag und Organisationen der Nazis dargestellt wird.

Welche Reaktionen gab es bisher schon zu Ihrem Buch?

Wir haben das Buch erst auf der Buchmesse vorgestellt. Es war uns wichtig, dass in diesem Fall eine kritische Selbstreflexion stattgefunden hat und dass der Beltz Verlag erfreulicherweise diese Untersuchung veranlasst hat. Wir beobachten öfters eine andere Art, mit der Geschichte umzugehen. Die eigene Geschichte in der NS-Zeit kritisch zu betrachten, fällt vielen Institutionen noch schwer.

Es ist aber zu begrüßen, dass die Medien ein zunehmendes Interesse an diesem Thema haben. Im Allgemeinen bekommen wir positive Reaktionen für unsere Arbeit, auch öfters hören wir, dass solche wissenschaftlichen Untersuchungen notwendig sind. Jedoch ist uns wichtiger, dass durch eine Aufklärung über die Geschichte des NS-Faschismus in der Gegenwart Gegendiskurse unterstützt werden und vor allem die Lehrkräfte in der Lage sind, sich gegen solche antisemitische und rassistische Propaganda zu wehren. Es ist eine wichtige Frage heute, wie die zukünftigen Lehrkräfte und Pädagogen ausgebildet und aufgeklärt werden sollten.

Es ist unsere Forderung, dass die NS-Zeit Pflichtveranstaltung für Bildungswissenschaften wird bzw. fest in Lehrplänen der Lehramtsstudiengänge verankert wird. Mit dem Frankfurter Erziehungswissenschaftler Heydorn gesprochen, auch in verwandelter Gestalt muss man das Unrecht erkennen, um das Unrecht bekämpfen zu können. In diesem Sinne ist eine Aufklärung über die NS-Zeit und eine richtige Vermittlung dieser Zeit in den Schulen für eine rassismuskritische Pädagogik sehr wichtig.